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Periodical volume 15. April 1893, No. 29.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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ihres Vaters teilen, denn „der Stolz ist ein recht armseliges l 
Ding." Mit der Innigkeit seiner Ueberzeugungen und einem 
naiven Menschenvertrauen verbindet er die Kunst der Selbst- 
entäutzerung und der Hingabe an andere. So opfert er sein 
eigenes Lebensglück, so richtet er allmählich den gebeugten 
Vater auf, so führt er ihm die verlorene Tochter zu, so sucht 
er sie der Heimat zurückzugewinnen. Und, wie sein Herz 
„Fühlfäden" hat für andere Herzen, so lernt er auch Magda 
verstehen, diesen ihm schnurstracks entgegengesetzten Charakter, 
die nur durch Schuld über sich selbst und die Sünde hinaus 
wachsen zu können meint, und muß einmal sogar ihrer „Ur 
sprünglichkeit, naiven Kraft und — Größe" seine Bewunderung 
zollen. In der großen Aussprache mit ihr, die wohl die beste 
Scene des Stückes ist, wächst er so riesengroß in den Augen 
derjenigen, der er wegen seiner „elegischen Milde" stets un 
leidlich und, seitdem er sich um sie beworben und sie dadurch 
aus dem Hause getrieben, sogar verhaßt gewesen ist. Er, der 
überwunden hat und nur noch für andere lebt, erscheint selbst 
einer Magda als viel höher stehend, als all die anderen 
„Bestien" von Männern, die sie „draußen" kennen gelernt 
hat. So nimmt sich diese harmonische Gestalt fast wie eine 
Ironie aus auf die Absichten des Dichters und auf die Lehre 
von der Selbstherrlichkeit des Individuums. „Spottet ihrer 
selbst und weiß nicht, wie?" 
Alle anderen Figuren in der „Heimat" sind nur 
episodischer Natur, zeichnen sich aber meist durch knappe, treff 
liche Charakteristik aus. In der Stimmungsmalerei zeigt sich 
Sudermann wieder als Meister, besonders im ersten und zu 
Beginn des zweiten Aktes. Die stille Beschränkung einer 
engen, in vorschriftsmäßigen Geleisen sich bewegenden Häus 
lichkeit, der auf der Familie lastende Druck eines nur mühsam 
verborgenen Kummers, die ganze kleinstädtische Umgebung, in 
der ein jeder vor dem anderen Angst hat, weil jeder von der 
guten Meinung des anderen abhängt: das kann mit wenigen 
Pinselstrichen kaum besser gezeichnet werden; ebenso, wie die 
erwartungsvolle Spannung, die der Begrüßung mit Magda 
vorangeht, unwiderstehlich auch den Zuhörer erfaßt und in 
einer Weise geschildert ist, die von feinstem poetischen Empfinden 
zeugt. Mit dem Moment ihres Eintrittes ins Elternhaus 
aber beginnt sich auch unwahre Theatralik, unterstützt von dem 
plumpen Zufall und anderen, aus sensationslüsternen Kol 
portage-Romanen bekannten Mittelchen, auf der Bühne breit 
zu machen und erreicht ihren Höhepunkt im vierten Akte, an 
dessen unabgeschossene Pistolen selbst der ärgste Theater-Donner 
Wildenbruchs nicht heranreicht. Statt echter Leidenschaft und 
folgerichtiger Entwickelung — eine gequälte Handlung und 
ein Rattenschwanz künstlicher Konflikte; statt eines ehrlichen 
Versuchs, das aufgestellte Problem zu lösen und den Wider 
streit zwischen Selbstbestimmungsrecht und Heimatsgefühl des 
Menschen in irgend einer Weise zum Ausirag zu bringen 
— ein brutales Durchhauen des Knotens und ein Opfern 
der Autorität, der Heimat und aller anderen „atavistischen" 
Anschauungen auf dem Altar des neuen Gottes: des 
Individuums! 
Nein — auf diesem Wege liegt sicherlich nicht die 
moderne nationale Dramatik, die alle guten Deutschen herbei 
sehnen! Wenn die Dichter wieder auf die Massen wirken 
wollen, dann müssen sie aus der Fremde zurückkehren und 
alle undeutschen Kunstgriffe verschmähen, dann müssen sie ins 
Volksgemüt hineingreifen und Kraft und Leidenschaft daraus 
schöpfen, dann müssen sie die dasselbe bewegenden Fragen in 
frischer Anschaulichkeit behandeln und dürfen nicht tifteln, noch 
eine dem deutschen Empfinden fremde Weltanschauung ten 
denziös zum Ausdruck bringen: dann wird auch das deutsche 
Drama seine Heimat wieder finden und an der Lösung der 
Aufgaben der Zeit mitwirken. 
Klrine Mitteilungen. 
Fverhorv von Meevstheidt - Hülloffonr (f. Abbildung 
S. 34o). Der bisherige kommandierende General des Garde-KorpS, der 
in diesen Tagen fein 50 jähriges Dienstjubiläum feierte, ist ein altpreußischer 
Offizier im besten Sinne des Wortes und blickt auf eine thatenreiche und 
ruhmvolle Laufbahn zurück. Er gehört einer alten ostpreußischen AdelS- 
familie an, deren Söhne stets mit Auszeichnung im Heere gedient haben. 
Die deutsche Reichshauptstadt kann ihn mit Stolz zu den ihrigen zählen: 
am 1b. Oktober 1825 erblickte er in Berlin das Licht der Welt, seine 
Mutter gehörte dem ruhmreichen märkischen Geschlecht der BredowS an. 
In das Heer trat er am 21. März 1843, und zwar in das 21. Infanterie- 
Regiment, auS dem eine große Zahl von preußischen Generalen hervor 
gegangen ist. Schon 1848 erhielt er in dem Gefecht bei Wreschen die 
Feuertaufe, 1664 führte er bei der Belagerung von Düppel und dem Sturm 
auf die Düppeler Schanzen eine Kompagnie des 64. Regiments. In dem 
Feldzuge 1866 stand er an der Spitze des 1. Bataillons des Grenadier- 
Regiments Nr. 5 und nahm als solcher an den Gefechten von Trautenau 
und Nachod und der Schlacht von Königgrätz teil. Reiche Lorbeeren und 
hohe Ehren brachte der Feldzug gegen Frankreich: Die Schlachten von 
Colombey-Rouilly, von Noifieville, von Robert le diable und von St. Quentin 
sind auf immer mit dem Ruhme des 41. Regiments und dem Namen seines 
Kommandeurs, des Oberstlieutenants von Meerscheidt-Hüllesiem, verknüpft. 
Besonders zeichnete sich derselbe bei St. Quentin <19. Januar 1871) aus, 
wo dem Regiments 54 Offiziere. 2260 Mann und 4 Geschütze in die Hände 
fielen. Die im Felde gepflückten Lorbeeren lenkten die Allerhöchste Auf 
merksamkeit auf den kühnen Truppenführer: 1872 erhielt er das Kommando 
des Garde-RegimentS Königin Elisabeth, 1874 die 11. Infanterie-Brigade, 
1875 die 4., später die 2. Garde - Infanterie - Brigade. Nachdem er 1880 
vorübergehend Kommandant von Berlin gewesen, finden wir ihn 1880 als 
Kommandeur der 30. Division, 1882 alS den der 28. Diviston. 1886 
wurde er kommandierender General des V. Armeekorps, am 19. Sep 
tember 1888 erhielt er das Kommando über das GardekorpS — die höchste 
Anerkennung, die einem General im Frieden zu teil werden kann. Am 
2. September 1890 wurde er Chef des 41. Regiments; ein Jahr später 
erhielt er den Schwarzen Adlerorden. Die vielfachen Auszeichnungen, 
welche dem verdienstvollen General bei seinem Dienstjubiläum am 21. März 
zu teil wurden, sind noch in frischer Erinnerung und brauchen hier nicht 
wiederholt zu werden. R. Gr. 
Jagdschloß Hadertrrsstock (s. Abbildung S. 341), in 
der unvergleichlich schönen Schorsheide gelegen, von Friedrich Wilhelm IV. 
erbaut, macht mehr den Eindruck einer Villa im Schweizer Stile, als den 
einer kaiserlichen JagdschlosieS, und doch weilt der Kaiser ebenso wie seine 
Vorfahren mit Vorliebe in diesen Räumen, die im Innern dieselbe Schlicht 
heit, dieselbe bürgerliche Einfachheit ausweisen wie im Aeußeren. Herrlich 
sind aber auch sürwahr die Jagdgründe, welche dieses schlichte Schlößchen 
umgeben, herrlich ist vor allem der nur 10 Minuten von demselben ent 
fernte Werbelin-See mit seinen mannigfachen historischen Erinnerungen 
auS jenen längst entschwundenen Zeiten, als das ruhmreiche Geschlecht 
der ASkanier in diesen an Edelwild jetzt noch erstaunlich reichen Gründen 
jagte: 
„Wie ein GotleSauge glänzet, 
Drüber dunkle Brauen glühn, 
Liegt vom Berg und Wald umkränzet 
Märchenhaft der Werbellin, 
Und das Nebelkind, die Sage, 
Schmücket ihn mit Blut und Kranz, 
Längst vergessene schöne Tage 
Steigen auf im vollen Glanz." 
Mit diesen Worten besingt F. Brunold die Empfindungen, die der 
Werbellin-See und die Schorfheide hervorrufen, und jeder, der dieses schöne 
Stück märkischer Erde gesehen hat. wird dem greisen Dichter zustimmen 
und wird Begreifen, daß die Hohenzollern seit den Tagen Friedrich
        
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