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Periodical volume 1. April 1893, No. 27.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Er löste im April 1716 die JnterimSkommission aus und überwies die 
Aussicht über die Polizeihoheit dem Tribunale. Die Verwaltung der 
Domäne blieb aber nach wie vor bei seinen drei Kommissarien, wenn auch 
Duncker und Saint Paul nach Cleve versetzt wurden, und nominell nur 
Hagen die Versügung hatte. Unter der Regierung Friedrichs der Großen 
wurde sogar der Sitz der Kommission wieder nach Geldern verlegt. Im 
Juni 1770 endlich überließ der König gegen ein jährliches Aversional- 
Fixum den Landständen von Geldern die dortige Finanz- und Cameral- 
verwaltung. — 
ES ist eine seit dem 16. Jahrhundert stets wiederholte Annahme, 
die Städte Berlin und Cölln hätten im fünfzehnten Jahrhundert die auf 
dem Mühlendamm belegenen Mühlen besessen und sie nach Niederwerfung 
des Aufruhrs von 1448 dem Kurfürsten Friedrich II. abtreten müsien. 
Dem gegenüber wies Herr Amtsrichter Dr. Holtze auf Grund der Urkunden 
nach, daß bis zu jenem Zeitpunkte die Mühlen ununterbrochen im Besitze 
der Landesherrschaft gewesen sind, die zwar oft genug die Erträge derselben 
verpfändet, niemals aber zu Gunsten der beiden Städte auf ihr Regal ver 
zichtet und denselben die Anlegung eigener Mühlen gestattet, oder gar eine 
der Berliner Mühlen abgetreten hat. Wenn demnach die beiden Städte 
im UnterwersungS-Vertrage vom 25. Mai 1448 die Wiedergabe der Mühlen 
und der davon gezogenen Nutzungen versprechen, so folgt daraus nur, daß 
sich die Städte während des Aufruhrs der Mühlen bemächtigt hatten; der 
Vertrag also nach dieser Richtung nur das Versprechen enthält, einen zu 
Unrecht bestehenden, gewaltsam herbeigesührten Zustand wieder zu beseitigen. — 
Herr Oberlehrer Dr. Bardey aus Nauen sprach die Vermutung auS, 
daß der Name der Stadt Friesack wohl „Land der freien Sachsen" bedeute, 
wogegen sich Herr Professor Brecher aus historischen, Herr Oberlehrer Balte 
aus sprachlichen Gründen erklärten. — 
In der Aprilsitzung v. I. war beiläufig die Frage erörtert worden, wann 
der Grundsatz sich Bahn gebrochen habe, daß der Staatsbeamte auf Lebens 
zeit angestellt werde und nur dann absetzbar sei, wenn er dienstunfähig 
geworden oder durch strafbare Handlungen sein Amt verwirkt habe. Herr 
Professor Dr. Schmoll er begründete jetzt durch eine Reihe neuer Beweise 
seine schon damals vertretene Ansicht, daß die Lehre von der Unabsetzbar 
keit der Beamten erst am Schlüsse des 18. Jahrhunderts sich nach und nach 
Anhänger verschafft hat. 
Mchertifch. 
Mortttzor, der Jude. Moderner Roman von LudwigJaeobowSki. 
Berlin 1892. Verlag von Paul Moedebeck. Preis 3,50 Mk. 
Modern ist heute zu einem Schlagwort geworden, dem sich auch 
der Romanfchrciber nicht mehr glaubt entziehen zu dürfen, und so müssen 
denn heute die Aktionen der Börse, die verschiedenen Seiten der sozialen 
Frage, so muß endlich auch die modernste Frage, die Judenfrage, her 
halten, neuen Stoff und neue Motive zu liefern. Der vorliegende Roman 
der „die Judenfrage zum erstenmal in moderner Auffassung behandeln 
will", löst seine Ausgabe in durchaus neuer, eigenartiger, reizvoller Weise 
— nicht durch irgend welche akademische Erörterungen, nicht durch 
philosemitische oder antisemitische Schlagworte, sondern durch Schilderung 
scharf ausgeprägter Charaktere, durch Darstellung von Handlungen und 
Situationen, die von einer treffenden Beobachtungsgabe und Kenntnis des 
gesamten Thuns und Treibens in der Hauptstadt des Reiches zeugen. Die 
Judenfrage freilich löst der Roman nicht, und will sie auch nicht lösen, er 
will den Leser nur zum Nachdenken über diese moderne TageSfrage anregen, 
indem er einen gewissen Gegensatz zwischen der alten und der jungen 
jüdischen Generation konstruiert, einen Gegensgtz, der aber leider nur zu 
selten sich in Wirklichkeit findet. Vater und Sohn einer jüdischen BankierS- 
familie sind die Repräsentanten dieses Gegensatzes; der Vater betrügt durch 
Gründung einer bald verkrachenden Aktiengesellschaft die Bewohner eines 
kleinen Städtchens um ihren sauer erworbenen Groschen, der Sohn, «and. 
phil. in Berlin, sucht seinen Traum von einer ethischen Reform der Juden 
an seiner Person in Wirklichkeit umzusetzen, wir betonen: sucht umzusetzen, 
denn der Erfolg ist ein derartiger, daß der Abscheu vor seiner Handlungs 
weise, trotz der aus besonderen Motiven zuletzt dem Vater gegenüber be 
wiesenen Energie, größer ist und bleibt, als vor der des jüdischen Bankiers. 
Der Verlust des Vermögens läßt sich schließlich verschmerzen, zum Teil 
auch ersetzen, die Ehre aber, die der jüdische Kandidat einem unerfahrenen, 
reinen Mädchen, der Tochter eines ehrbaren, gutmütigen Beamten auf 
geradezu raffinierte Schlauheit auch auf diesem Gebiete nur zu gut kenn 
zeichnende Art raubt, läßt sich nie wiederherstellen. Diese Liebesnovelle, 
das Verhältnis des Juden zu Helene, bildet überhaupt den Kern und 
Hauptteil des ganzen Romans; sie ist in ihren Einzelheiten, bis zum 
Selbstmord der Mutter werdenden Helene in den Wogen der Spree, 
psychologisch klar und wahr begründet und in der Ausführung geradezu 
vollendet, sodatz man dem Verfaffer ein hervorragendes Talent nicht 
absprechen kann. L. EL 
Mark Twains ltzurnaristrsciio Schriften. I. Band: Tom 
Sawyers Abenteuer und Fehden. Stuttgart 1892. Verlag von 
Robert Lutz. Preis 1,80 Mk. 
Mark Twains ausgewählte humoristische Schriften erscheinen gegen 
wärtig in einer billigen Ausgabe. Der erste Band enthält Mark 
Twains köstliches Buch „Abenteuer und Streiche von Tom Sawyer", eine 
lustige Knabengeschichte eines amerikanischen Bubenpaares ä la Max und 
Moritz. Mark Twain ist ein äußerst scharfer Beobachter deS jugendlichen 
Lebens; jeder wird an der Fülle der Züge, die er bei seinem Heldenpaar 
entdeckt hat, und die er uns so anschaulich und frisch zu schildern weiß, 
seine helle Freude haben. — y— 
Siebcj&unvrctt. Novellen von Hanna Schomacker. Hamburg1893. 
Verlagsanstalt A.-G. (vorm. Richter). Preis 3 Mk. 
Hanna Schomacker ist, besonders durch ihre köstlichen Märchen, dem 
deutschen Publikum bereits so vorteilhaft bekannt, daß eS weiterer Empfeh 
lung der vorliegenden Novellen kaum bedarf. ES sind ihrer zwei: „Die 
Wäscherkäthe" und „Ljuba". Letztere besonders, welche in der der Ver 
fasserin nahestehenden Petersburger Gesellschaft spielt, erinnert in ihrer 
Form wie in ihrem Inhalt lebhast an die glänzenden Darstellungen Ossip 
SchubinS. — Die Novellen Hanna SchomackerS werden am deutschen 
Familientische gern gelesen werben. Der Titel deS Buches erscheint nicht 
glücklich gewählt. —i. 
Andreos Kandatlas. Lfg. 4—6. Verlag von Velhagen & Klasing. 
Bielefeld. Preis 50 Pf. die Lieferung, 2 Mk. die Abteilung. 
Die neue dritte Auflage von Andrees Handatlas (erscheinend in 12 
Abteilungen ä 2 Mk. oder in 48 Lieserungen ä 50 Pf.) schreitet rüstig 
vorwärts. Vor unS liegen die 4. bis 6. Abteilung, welche sich in ihrer 
reichen Kartenzahl und dem vornehmen Gewände (Purpur - Umschlag mit 
Golddruck) höchst stattlich auSnehmen. AuS dem reichen Inhalt dieser 
Abteilungen sei wegen Raummangel hier nur daS Wichtigste hervorgehoben. 
Die Uebersichtskarte der westlichen und östlichen Halbkugel giebt ein deut 
liches Bild der ganzes Erdreliefs, da die Erhebungen des Lander in 
gewissen Abständen mit verschiedenen Farbschichten dargestellt wurden, denen 
genau entsprechend die MeereStiefen in verschiedenem Blau angegeben sind. 
Den Glanzpunkt der neuen Abteilungen bilden aber wohl die neuen deutschen 
Staaten- und Provinzkarten. Von ihnen sind daS Königreich Sachsen, die 
Thüringischen Staaten, die Provinz Hessen-Nassau und daS Großherzogtum 
Hessen in dem großen Maßstabe 1:500 000 gezeichnet, denen sich noch 
Nebenkarten von der sächsisch-böhmischen Schweiz, vom westlichen Thüringer 
Walde und vom Rheingau im Maße 1:250 000 anschließen, also in einer 
Größe, die jedes Dorf und alle touristisch wichtigen Punkte aufzunehmen 
gestattete. DaS große Doppelblalt von den Rheinlanden, Westfalen und 
den Fürstentümern Lippe ist 1 : 750 090 entworfen, mit einer großen Neben 
karte deS rheinisch - westsälischen JndustriebezirkeS in 1: 500 000. Diese 
Blätter bilden das Genaueste und Schönste, waS die Landkartenherstellung 
bisher in Deutschland leistete und bieten eine Fülle von Details, ohne 
dabei die Klarheit zu verlieren. Besondere Aufmerksamkeit scheint neuen 
Höhenmessungen, den administrativen Einteilungen, sowie den erschöpfend 
gegebenen VerkehrSverhältnisien gewidmet worden zu sein. So lasten uns 
diese neuen Abteilungen weder im Stich, wenn wir uns über die neuesten 
Eisenbahnen Spaniens oder die Befestigungen an der russischen Grenze 
orientieren wollen, noch dann, wenn wir die neue sibirische Stadt Kustanai 
suchen, die Thätigkeit der Franzosen in Westafrika verfolgen oder uns über 
die Fortschritte des Bahnbauer in China unterrichten wollen. Sämtliche 
Karten stehen auf dem neuesten Standpunkte der Wissenschaft und sind 
sauber auf gutes, weißes Kupferdruckpapier gedruckt. ES ist wirklich eine 
Freude, diese schönen, klaren Kartenbilder zu betrachten, und von großem 
Werte, sie bei der ZeitungSlektüre, beim Studium von Reise- und Länder 
beschreibungen, bei irgend einer TageSftage als allzeit hilfreiche Berater 
und AuSkunftSerteiler zur Hand zu haben. 
'S Srrci) rrsrrr Klakkerstovrt). Von Edwin Bormann, 
Leipzig. Verlag von Adalbert Fischer. Preis geb. 3,50 Mk. 
Ein neues Buch Edwin Bormanns ist allen Freunden gemütvollen 
Humors willkommen! Nur Edwin Bormann vermochte diese allgemein 
menschliche Frage durch seinen unerschöpflichen, seinen Humor dergestalt zu 
verklären, daß daS ganze Buch von A—Z bei all' seinem drolligen Uebermut 
und seiner ausgelassenen Laune doch die köstlichste und natürlichste Harm 
losigkeit bewahrt. In 40 schelmischen und dabei formvollendeten Dichtungen 
wird eine erstaunliche Fülle von Balladen, Lebensskizzen, Erzählungen und 
Neckereien geboten, wobei die sächsische Mundart so gehandhabt ist, daß sie 
auch den übrigen Gauen unseres lieben Vaterlandes beim Lesen kaum 
irgend welche Schwierigkeiten bereiten wird. — Meisterhaft hat es der 
Maler Georg Schübel verstanden, dem Buche den künstlerischen Schmuck zu 
geben, die 80 reizenden Illustrationen bilden eine getreue und würdige 
Ergänzung der Gedichte. —x— 
Inhalt: Verrat und Treue. Historischer Roman auS der 
Zeit des 7 jährigen Krieges. Von E. H. von Dedenroth (Fortsetzung); 
AuS den Befreiungskriegen. Erlebnisse eines Offiziers beim Lützow- 
schen Freikorps und im 7. Reserve-Regiment. Von Fritz Bayer (Fortsetzung); 
Friedrich der Große und sein Vorleser Abbä de PradeS. Eine 
Monographie, nach authentischen Aufzeichnungen, herausgegeben von 
E. Gebauer; Fragment aus LeutingerS Topographia Marchiae. 
Uebertragung aus dem lateinischen Urtext von Dr. Carl Bolle. — Kleine 
Mitteilungen: Der Wettbewerb für Entwürfe zu einem märkischen 
Provinzial-Museum in Berlin (mit 2 Abbildungen) (Schluß). Die Rumpel 
mette. — Vereinsnachrichten. — Büchertisch. — Anzeigen. 
Für die Redaktion verantwortlich: Richard George in Berlins. 4, Chausteeftr. 2d (Sprechstunden DienStagS und Freitags nachmittags von 3—4 Uhr). 
Abdruck ohne eingeholte Erlaubnis ist untersagt. 
Verlag: Fr. Zillessen, Berlin El., Schönhauser Allee 141. — Druck: Buchdruckerei Gutenberg, Berlin N., Schönhauser Allee 141a.
        
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