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Periodical volume 1. April 1893, No. 27.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Jean Martin de Prades stammt aus einem altadeligen 
Geschlecht und ward zu Castel - Sarazin in Ober-Langue d'oc 
am 23. Juli 1724 geboren. Frühzeitig widmete er sich dem 
geistlichen Stande und studierte Theologie und Philosophie 
zu Paris. Im Jahre 1744 wurde er magister t artium, 
1748 baccalaureus. Auch trachtete er nach dem Doktorhut 
der Sorbonne, da derselbe in Frankreich zu den höchsten geist 
lichen Stellen erforderlich ist. Zu diesem hohen Grade wurden 
besondere Thesen, welche in drei aufeinander folgenden Tagen 
verteidigt wurden, mit besonderem Fleiß ausgearbeitet. Der 
junge Prades, welcher von Hause aus kein Vermögen besaß, 
hoffte durch diese Thesen sein Glück zu machen. Eine scharfe 
Auffassungsgabe, viel Geoächtnis und eine besondere Neigung 
zur neueren Philosophie brachten ihn dahin, daß er fich eine 
Bahn eröffnete, die nicht die ficherste war, um fich unter den 
Geistlichen Freunde zu machen: Er wollte die christliche Religion 
durch bloße Vernunftschlüffe erklären und war von seinem 
Plane so eingenommen, daß er seine Thesen mit schweren 
Einwendungen gegen die christliche Religion anfüllte, immer 
in der Voraussetzung, daß seine Thesen nur ein Index zu 
dem großen Werke zur Verteidigung der Religion, mit deffen 
Plane er sich trug, anzusehen wären. Und diese gehäuften 
Schwierigkeiten glaubte er in den drei zur Verteidigung der 
Thesen bestimmten Tagen rasch und flüchtig hinter einander 
widerlegen zu können. 
In der That findet man in seiner Schrift, an welcher er 
zwei Jahre gearbeitet haben soll, ein künstliches Gewebe von 
Theologie und Philosophie, aber auch zugleich Einwendungen, 
welche nicht hätten in drei Jahren, geschweige denn in drei 
Tagen beantwortet werden können. 
Dessen ungeachtet trat der junge de Prades im Jahre 1751 
getrost auf die Ehrenbühne der französischen Theologen. Er 
hatte seine Thesen drucken lassen und dreien Professoren zur 
Censur überreicht, welche sie aber, des kleinen Druckes wegen, 
ungelesen approbiert hatten. Am 18. November desselben 
Jahres erschien der junge Gelehrte als Defendent. Er hatte 
aber kaum etliche Sätze deutlich vorgetragen, als die meisten 
Doktores wie aus dem Schlaf erwachend über Ketzerei, Un 
glaube, Deismus und Materialismus schrien. Defendent bat 
vergeblich um Geduld. Der Lärm wurde so groß, daß der 
junge de Prades mit den Worten: „irrisor non delensor 
religionis!“ überschrien wurde und schweigen mußte. 
Die Thesen wurden sämtlich verworfen, und der Ver 
fasser sollte in Verhaft genommen werden. Er wurde all 
gemein beschuldigt, daß er durch seine vermeintliche Ver 
teidigung der Religion nur suche, dieselbe lächerlich zu machen; 
die Verteidigung selbst wäre nur ein blauer Dunst, den er 
seinen Lesern wolle vor die Augen machen. So behaupteten 
seine Gegner. Er hingegen erklärte, sie hätten die Thesen 
nur deshalb verdammt, weil keiner von ihnen imstande wäre, 
eine einzige Behauptung mit Gründen zu verwerfen, und sie 
hätten nicht so sehr die vermeintliche beleidigte Ehre der 
Religion hierdurch retten, als vielmehr den Verfaffer der 
Thesen verfolgen und unterdrücken wollen. 
Der Haß, den er sich als Theologe zugezogen, hatte 
seinen Grund in seinem Umgänge mit den damals als höchst 
gefährlich ausgeschrienen Encyklopädisten. Er lebte in engstem 
Vertrauen mit den weltbekannten dÄlembert und Diderot, 
welche geflissentlich suchten, ihrerseits die Herren Theologen, 
zumal die Jesuiten als Feinde der Wahrheit, als Verderber 
des echten Geschmackes und der Sitten lächerlich zu machen. 
Und die Thesen des Abbe de Prades erschienen dazu bestimmt 
zu sein. Ueberdies hatte derselbe zu dem großen Wörlerbuche, 
„Encyklopädie" genannt, einen Aussatz „de Certitudine“ ge 
liefert und seinen Namen darunter setzen lassen, welcher Auf 
satz eben nicht viel zum Besten der Religion beweist. Auch 
hatte der junge Gelehrte zur Ausarbeitung der Thesen ein in 
der scholastischen Theologie völlig unbekanntes, auch in der 
Sorbonne ganz ungewöhnliches Latein, die aurea latinitas, 
gewählt, und diese künstliche Schreibart bestärkte den Verdacht, 
daß er nicht der Verfasser der Thesen wäre. Sie wurden für 
ein Werk des kühnen Diderot und des witzigen d'Alembert 
gehalten, und dieser Verdacht stürzte de Prades ins größte 
Elend. Der Erzbischof zu Paris ließ pastoralia über die 
Thesen ausgehen, und der Verfaffer wurde förmlich exkommu- 
niciert. Auch die Censoren, welche die Thesen approbiert 
hatten, wurden zur Rede gestellt. Sie kamen mit einem nur 
leichten Verweis davon, weil sie sich entschuldigten, der Druck 
wäre zu klein, und sie hätten vieles ungelesen übergehen müssen. 
Das Parlament zu Paris dekretierte wider den jugend 
lichen Ketzer, er solle eingekerkert werden. Er machte sich 
aber heimlich davon und flüchtete nach Holland. Vorsichtig 
nahm er einen geschickten Geistlichen, namens Avon, mit und 
beide verfertigten dort die bekannte „Apologie de monsieur 
l’Abbe de Prades, Amsterdam 1752." 
Das Werk enthält die Geschichte des Prozesses, die Thesen 
lateinisch und ftanzöfisch, nebst der Verteidigung der ver 
dächtigsten Sätze, und kam erst ans Licht, als der Abbe de 
Prades bereits in Potsdam zum Vorleser Sr. Majestät des 
Königs erwählt worden war. welcher Umstand den neuen 
Verdacht erregte, daß er zwar seine Thesen übersetzt hätte, der 
Abbe Avon aber die Verteidigung geschrieben haben müsse. 
Aus Amsterdam schrieb der Abbe de Prades im 
Jahre 1752 an den großen König Friedrich, er wäre ein 
neuer Märtyrer der Wahrheit, ein Beförderer der neuen 
Philosophie, welche der erhabene Monarch großmütig be 
schütze. und ihn bäte er nun um Schutz und Unterstützung. 
Er halte sich auf d'Alembert berufen und seine Thesen in dem 
kleinsten Druck dem Schreiben beigelegt. Der König, den der 
Name eines d'Alembert aufmerksam gemacht hatte, übergab 
das Gedruckte dem damals in Potsdam weilenden Voltaire 
und trug diesem ans, von der Schrift einen kurzen und lehr 
reichen Begriff zu geben. Der scharfsichtige Voltaire, der aus 
der Schrift auf die Fähigkeit des Verfassers schloß, wollte an 
diesem Verteidiger der Religion einen Schüler des Bayle er 
kennen. Seine Freude war unbeschreiblich, seine Hoffnung 
groß. Er ließ einen bezaubernden Auszug aus der Schrift 
machen, welcher den König entzückte. 
Nun wurde sogleich befohlen, den Abbe kommen zu lassen; 
weil aber Se. Majestät kein Reisegeld assigniert hatte, so ließ 
Voltaire unterm 18. Juli nach Amsterdam an de Prades 
schreiben, daß, wenn er nicht mit Geld versehen wäre, er sich 
von einem dortigen Wechsler hundert holländische Gulden 
könnte auszahlen lassen, die Asfignation legte Voltaire dem 
Schreiben bei; dasselbe enthielt wohlgemeinte Lehren, wie sie 
ein Vater seinem Sohne geben kann. Voltaire hoffte an dem
        
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