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Periodical volume 25. März 1893, No. 26.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Dir im Siegerkranz" an, und dal ganze Volk sung mit, und 
ick hew in bissen Ogenblick manchen öllrigen Mann sehen, dem 
de Thränen von de Backen lepen. Während se nun so sungen, 
möt mi dat de Vorsehung ingewen hemmen, woll süs möglich 
wir. wet ick nich; genog, eins, iwei, drei had ick min Schnieder- 
kried herut und schrew an de Flügeldöhr von dat Palleh dat 
Würd „Nationaleigentum" und rönnt weg. Ick müßt sülwst 
nich, wi mi wir. Als ick twüschen de Menge was. härte ick, 
dat se nach den „Studenten" föchten, der dor redt had. Ken 
Minsch hat jo up den lütten Schniedergesellen in de Pekesch 
mit grüne Schnüren acht gewen. Und as se nu dat Würd 
„Nationaleigentum" sehgen, würden's stutzig. Infolge von 
de Red und dat Singen was dat Volk all up anner Ge 
danken kamen, und et glöwte nu, dat en von de Studenten, 
de sich up den Platz herumdrewen, dat Würd dor anschrewen 
had. Et kam all Lüd vor, as wennll dor hen zaubert wir. 
Genog, de Timmerlüd treckten am, und de äwrige Mänge 
verlür sick ok mit de Tid. Ick kam up Uemwegen nach min 
Wohnung in de Olle Jakobstrat. Am annern Morgen was 
äwer de Döhr von dat Palleh en Brett mit de Upschrift: 
„Nationaleigentum" anbröcht. So isll kamen, dal se 1848 
den Kaiser Wilhelm sin Hus nich stürmt hewen." 
Aus den Befreiungskriegen. 
Erlebnisie eines Offiziers 
beim Liitzowfchen Freikorps und im 7. Reserve-Regiment. 
Von Fritz Karpor. 
(1. Fortsetzung.) 
Volle drei Wochen blieben wir im eisernen Turm, als 
endlich am 5. August auf Befehl des Polizeiministers Savary, 
Herzogs von Rovigo, unser Transport nach Paris erfolgte. 
Dorthin gingen wir aber nicht mehr unter der Maske der 
beiden Jenaer Studenten, sondern als Gefangene vom Lützower 
Korps. 
Der Präsident von Dalwigk — ich glaube aus dem 
Nassauischen — war, als Verwandter der von Behrschen 
Familie, von der Mutter meines Leidensgefährten dringend 
dazu veranlaßt, unserer Spur gefolgt, hatte glücklich ermittelt, 
welches traurige Los uns getroffen, und hatte sich beim Kom 
mandanten von Mainz gemeldet, um eine Besserung unseres 
Schicksals, wenn nicht unsere gänzliche Freilassung zu erwirken. 
Dies hatte er um so sicherer thun zu können geglaubt, als 
ihm bekannt geworden war, daß die Lützower Gefangenen 
nicht wie die Teilnehmer des Schillschen Zuges als „brigands“, 
sondern wie alle übrigen preußischen Gefangenen behandelt 
werden würden. 
Durch Herrn von Dalwigk erhielten wir nun auch die 
erste reine Leibwäsche, auch neue Bekleidung, und traten, wie 
vorher gesagt, am 5. August den Marsch wieder ebenso in 
Ketten an, wie wir denselben bisher gemacht hatten. Von 
Homburg, Saarbrücken, St. Avold, Metz ging es weiter über 
Verdun, Chalons, Epernay, wo Männer und Frauen in einem 
Gefängnis zusammen eingesperrt waren, nach Paris, wo wir 
am 21. August ankamen. 
Wir hofften hier, endlich eine Kriegsgefangenen zustehende 
Behandlung zu finden. Aber bitter wurden wir getäuscht. 
Von Gendarmen direkt ins Polizei-Ministerium geführt und 
auch dort nicht weiter verhört, wurden wir nach mehrstündigem 
vergeblichen Warten auf Befehl Savarys in das Gefängnis 
St. Pelagie, in der Nähe des Jardin des Plantes, gebracht. 
Dies war von all unseren Gefängnissen das besteingerichtete, 
erträglichste. Wir waren auch hier nicht von der Außenwelt 
abgeschlossen und wurden durch das „Journal de l'empire“ 
und den freilich sehr lügenhaften „Moniteur“ von der Lage 
der Dinge in einiger Kenntnis erhallen. Bis zum 4. Oktober, 
also sechs Wochen lang, ließ man uns in diesem Gefängnis. 
Am genannten Tage, vor seinem Anbruch, wurden wir in den 
Donjon von Vincennes — nach der Zerstörung der Bastille 
das wichtigste, größte, aber auch gefürchtetste Staatsgefängnis 
von Frankreich — abgeführt. 
Hier war man lebendig begraben! Eine 30 Fuß hohe 
Mauer umgab den engen Hof des Turmes, der nur einen 
kleinen Raum für die Gefangenen übrig ließ, in welchem die 
jenigen, die in den drei unteren Etagen saßen, täglich 1 bis 
17 2 Stunde unter steter Aufsicht der „G-ardiens“ promenieren 
und frische Luft schöpfen durften. Die Insassen der oberen 
drei Stockwerke ergingen sich dagegen aus der Plattform des 
Turmes. Doppelte Zugbrücken führten über tiefe Wallgräben 
zu diesem tausendjährigen Gemäuer; die vorliegenden Festungs 
werke waren dicht mit Schildwachen besetzt. 
Um das Ein- und Fortbringen der Gefangenen von 
niemand beobachten zn lassen, waren die nach dem Eingaitge 
zum Turme liegenden Fensterscheiben von undurchsichtigem 
Glase, und jeder Gefangene, der in den sogenannten „Secreis" 
saß, sah das Tageslicht nur durch eine kleine Oeffnung, die 
bei vernagelten Fenstern, über dem davor befindlichen hölzernen 
Verschlag gelaffen war. Zur Zeit unserer Gefangenschaft be 
fanden sich Staatsgefangene in diesen „Secrets", die schon 
zehn Jahre darin schmachteten. Mißliebige Gefangene ließ 
die Polizei auf höheren Befehl ganz verschwinden, und auch 
wir erwarteten ein solches Los, oder die Abführung zu den 
Galeeren, welche Napoleon schon von Dresden aus über uns 
verhängt hatte. Daß dies zu befürchten stand, erfuhren wir 
mit Gewißheit nach unserer Befreiung im April 1814 von 
dem damaligen Chef der Polizei, Reffon (dem ersten nach 
Savarys Flucht), bei dem wir uns meldeten, und der uns 
den von Dresden aus darüber erlassenen Kaiserlichen Befehl 
zeigte und uns Glück wünschte, daß die Siege der Preußen 
und ihrer Verbündeten die Ausfühmng desselben verhindert 
hätten. Um nämlich zu erfahren, weshalb man mit uns so 
grausam umgegangen, und um zu sehen, ob nicht Briefe der 
Unseligen vorhanden seien, welche von der Polizei zurück 
behalten waren, gingen wir von Sauniur aus, dem letzten, 
abscheulichsten Gefängnis, nach Paris und, dort angekommen, 
auf die Polizei. Hier beantwortete der Polizeidirektor Reffon 
unsere Fragen folgendermaßen: „Die vielen Briefe, welche 
Sie während Ihrer Gefangenschaft an die Polizei gerichtet 
haben (es durften nämlich Briefe unter Aufsicht der Gefangen 
wärter geschrieben, denselben zur Beförderung übergeben, an 
die Polizei gerichtet werden), sind stets angekommen. Indessen 
beschäftigt man sich nicht damit, die Schreibereien der Ge 
fangenen zu beantworten. Noch weniger würde Sie aber eine 
Antwort erfreut oder getröstet haben, wenn man Ihnen darin 
den Befehl des Kaisers, gegeben zu Dresden, mitgeteilt hätte, 
wonach Sie zu den Galeeren verurteilt waren. Danken Sie
        
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