Path:
Periodical volume 18. März 1893, No. 25.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

-e 299 &•- 
Uchte, Bernhardt traten mit den kühnsten Meinungen über 
Kunst und Wissenschaft hervor. Der Prinz nahm an ihren 
Bestrebungen den lebhaftesten Anteil, lernte sie meist persönlich 
kennen und fühlte sich mächtig von dieser geistigen Bewegung 
angezogen. Später kam noch der berühmte Geschichtsschreiber 
Johannes von Müller hinzu, der in einem Briefe an eine 
Dame folgendes Urteil über den Prinzen fällt: „Ich habe 
ein langes Gespräch mit dem Prinzen Louis gehabt. Ich war 
überhaupt sehr davon bezaubert: er ist einer der schönsten 
Männer; er weiß mehr, als ich erwartete. Er hat viel Geist 
und Energie, ganz gewiß. Er ist ein Mann, der in Zeiten 
der Not dem Könige und dem Staate solche Dienste leisten 
wird, wie der große Friedrich sie von Heinrich erfuhr. Er 
hat unendliche Hilfsmittel in sich. Möchte er nur stets von 
Leuten umgeben sein, die für den König und das Vaterland 
wie ich denken. Dies ist ein wichtiger Punkt bei einem 
Charakter wie der seine. Wissen und Geist haben großes 
Gewicht bei ihm, und ich würde nie glauben, daß er irgend 
etwas unternehme, was er von Personen gemißbilligt sehe, deren 
Zustimmung ihm wert wäre." Auch mit Schiller trat der 
Prinz bei der Anwesenheit des Dichters in Berlin in ein 
näheres Verhältnis; er behandelte ihn mit Auszeichnung und 
zog ihn zu Tisch. 
Gem verweilte der Prinz auf seinem ihm zugehörigen 
Gute Schlicke, unweit Magdeburg, an der Elbe liegend, wo 
er sich mit der Jagd belustigte. Diese betrieb er nicht, wie 
manche große Herren, als eine vornehme Beschäftigung, als 
eine fürstliche Reservatfreude, sondern mit freiem Behagen, 
wie eine heitere Anstrengung, wobei an Geschicklichkeit im 
Rennen, Reiten und allen dazu gehörigen Fertigkeiten es ihm 
der Geübteste und Fertigste nicht vorthat. Hier wurden Säue 
abgefangen und der edle Hirsch gehetzt. Nach der Jagd ver 
sammelten sich Freunde und Bekannte zum frohen, geistreichen 
Mahle, wobei auch die Frauen nicht fehlen durften. Das 
Mahl wurde im antiken Sinne durch geistreiche Gespräche und 
gute Musik gewürzt und oft bis in die späte Nacht verlängert. 
Neben dem Prinzen stand ein Piano. Eine Wendung, und 
er fiel in die Unterhaltung mit Tonharmonien ein, die dann 
der Kapellmeister Dussek, der immer in seiner Umgebung lebte, 
auf einem anderen Instrumente weiter fortführte. So ent 
stand oft zwischen beiden ein musikalischer Wettkampf, ein 
musikalisches Gespräch konnte man es nennen, das edle, durch 
Worte angeregte Empfindungen der Seele in bezaubernden 
Tönen lebhafter fortklingen ließ. 
(Schluß folgt.) 
Kleine Mitteilungen. 
Kerlroot? KttraHonpsst. — Die Zahl der in Berlin täglich 
eingehenden Briefe, welche 1872 nur 80 000 Stück betrug, beziffert sich 
jetzt auf V2 Million. Diese Zahl giebt ein Bild von der gewaltigen Arbeit, 
die allein bei der Bricsbeförderung alle Tage durch die Post zu be 
wältigen ist. Nun gilt bei den StephanS-Jüngern vor allem der Grundsatz: 
„Dime is money“, und war die Stunde bringt, muß sofort befördert 
werden. Diesem Grundsätze verdanken die Straßenpostwagen (siehe 
Abbildungen S. 293) ihre Entstehung, die seit Ende 1889 in den Dienst 
gestellt sind. Vor diesem Zeitpunkte wurden alle Briefe, die bei den ein 
zelnen Berliner Postämtern aufgegeben waren, von Karriolwagen abgeholt, 
nach dem Hauptpostamt geschafft und erst dort für die einzelnen Ausgabe 
ämter verteilt. Die Straßenpostwagen fahren strahlenförmig 
zwischen Hauptpostamt und den Aemtern bis zur Peripherie der Stadt, der 
in ihnen thätige Beamte verteilt während der Fahrt die Briefe, giebt 
bei den von ihm berührten Postämtern die für dieselben bestimmten Sen 
dungen gleich ab und nimmt neue in Empfang. Auf dem Hauptpostamte 
trifft die Straßenpost mit fertigen Briefbeuteln ein, tauscht dieselben 
mit den anderen Wagen aus und beginnt von neuem die Fahrt. Im 
Vergleich zu der früheren Karriolbeförderung wird durch die Straßenposten 
fast eine Stunde Zeit gewonnen. Nur durch diese Einrichtung und durch 
ein äußerst gewandtes, opfersreudigeS, diensteifriges Beamtenpersonal ist eS 
möglich, täglich eine halbe Million Briefe zu befördern. Diese Leistung ist 
um so erstaunlicher, wenn man berücksichtigt, daß im Centrum der Stadt 
täglich 12 mal Briefe bestellt werden, in den weniger bevölkerten, entlegeneren 
Ausläufern der Riesenstadt 6—8 mal. Wesentlich erschwert wird der Post 
diese Gigantenarbeit durch die ungenauen Aufschriften. Vs % (ca. 1700) Briese 
sind täglich unbestellbar, bei mehr als 24 600 (!) muß die Adreffe vervoll 
ständigt werden, fürwahr, eine eindringliche Mahnung für alle Lriefschreiber, 
der armen, vielgeplagten Post das Leben nicht unnötig schwer zu machen 
und im eigenen Interesse stets nur richtig adressierte Briefe in den 
Kasten zu stecken. R. G. 
Kirschner, der neue Bürgermeister non Berlin. 
Die letzten beiden Jahre haben in den höchsten Aemtern der Reichshaupt 
stadt einen raschen Wechsel herbeigeführt: wenige Monate, nachdem der 
Bürgermeister HermannDuncker in den Ruhestand getreten war, rief der 
Tod Max von Forckenbeck auS seiner verdienstvollen Wirksamkeit und 
brachte Robert Zelle, den Nachfolger DunckerS, in das höchste Amt der 
deutschen Reichshauptstadt. Bei der Wahl des neuen Bürgermeisters ging 
der Rechtsanwalt Kirschner in BreSlau als Sieger hervor und wurde, 
nachdem er die königliche Bestätigung erhalten, am 16. Februar d. I. 
feierlich in sein Amt eingeführt. Ueber den Lebensgang des neuen Bürger 
meisters von Berlin, dessen energische und durchgeistigte Züge wir auf 
Seite 297 unseren Lesern im Bilde vorführen, erfahren wir aus authentischer 
Quelle folgende, bisher ungedruckte Notizen: Kirschner wurde am 10. 
November 1842 zu Freiburg in Schlesien als Sohn eines Arztes geboren. 
Im Jahre 1651 siedelte er mit den Eltern nach BreSlau ^über, besuchte 
dort daS Gymnasium zu St. Maria - Magdalena und studierte dann in 
Breslau, Berlin und Heidelberg Jura. Während seines juristischen Vor 
bereitungsdienstes war Kirschner wieder in BreSlau. 1872 bis 1673 fun 
gierte er als Kreisrichter in Nakel bei Bromberg. Seit November 1873 
bis 1. Oktober 1879 war er Stadtrat und zuletzt Syndikus in BreSlau. 
Beim Inkrafttreten der neuen Justizorganisation (1. Oktober 1879) legte 
er sein Amt als Syndikus nieder und wurde Anwalt in Breslau. AIs 
solcher wurde er bald daraus in die Stadtverordneten-Versammlung gewählt; 
er gehörte derselben bis Ende 1891 an, wo er seinen Wohnsitz außerhalb 
BreSIauS in einen Vorort verlegte. Zeitweise war er Mitglied deS BeziikS- 
VerwaltungSgerichtS und des BezirkSrateS in BreSlau; auch war er als 
Vertreter der Stadt Breslau bis zu seiner Uebersiedelung nach Berlin 
Mitglied des Provinziallandtages von Schlesien. AIS Anwalt gehörte er 
dem Vorstande der AnwaltSkammer für Schlesien seit mehreren Jahren 
an. — Möge dem neuen Bürgermeister von Berlin, der in so mannigsachen 
Aemtern sich als ein ganzer Mann erwiesen hat, eine lange und gesegnete 
Amtszeit beschieden sein! R. G. 
Der: Fall der Künigserle Kurg rot gi^rcc- 
maide. — Nun bist auch du nicht mehr, alter, ehrwürdiger Riese, du 
König unter den Bäumen deS stußdurchzogenen Spreewaldes! Die Hand 
des Arbeiters hat dich gefällt, als im Herbststurm du den letzten bunten 
Blätterschmuck auf die entschlummernden Fluren und in die wandermüden 
Wellen der Spree niederstreutest. Schon längst warst du gezeichnet, schon 
oft war die Axt geschärft worden, die dir den Tod bringen sollte. Nun ist 
eS geschehen, und du bist nicht mehr! Wie stolz ragtest du empor über die 
Häupter all der BaumeSriesen, weit schautest du hin über die Kuppen des 
herrlichen SpreewalddomeS! Die Leute maßen dich und sagten, du habest 
eine Höhe von 25 Metern und einen Umfang von 47« Metern gehabt. 
Aber keiner wußte dein Alter anzugeben, niemand konnte sagen, wieviel 
Jahrzehnte hindurch du hier standest, so daß man im Scherze meinte, 
Adam habe dich gepflanzt und Eva dich begoffen. Was magst du in deinem 
Leben nicht alles erschaut haben, wovon magst du nicht Zeuge gewesen 
sein! Wie viele Geschlechter mögen wohl während deines Daseins gekommen 
und gegangen sein! Unter deinen rauschenden Wipfeln glitten lautlos die 
flachen Spreewaldkähne mit dem malerisch gekleideten Volke der Wenden 
dahin, wenn sie den Erntesegen dem heimatlichen Blockhause zusteuerten, 
hochzeitlich geschmückt zur Kirche strebten und ihre Entschasenen zur letzten 
Ruhestätte führten, oder wenn in mondeSheller Sommernacht ein Liebespaar 
verstohlen Kuß und Schwur tauschte. Du selbst weißt er ja am besten, 
ob der Volksmund recht hat, der da behauptet, König Friedrich Wilhelm IV., 
der am 30. Mai 1844 mit großem Gefolge von Lübbenau aus die Hallen 
deS Spreewaldes zu Kahn durchfuhr, habe unrer deinem schattigen Laubdach 
daS Frühstück eingenommen. KönigSerle sollst du seit der Zeit heißen; aber 
ein König unter den Erlen, den eigentlichen Bäumen deS EpreewaldeS, 
bist du auch sonst gewesen. 
Donner und Blitz, Hitze und Kälte, Sonnenschein und Regen hast
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.