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Periodical volume 18. März 1893, No. 25.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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wo vom Kommandanten i f der Citadelle eine neue Marsch 
route für uns ausgefertigt wurde, und dann immer weiter, 
stets zu Fuß, in Ketten zwischen zwei Gendarmen, durch die 
schaudervollsten Gefängnisse von Gotha, Eisenach u. s. w. bis 
nach Frankfurt a. M. in das Bureau des Marschalls Kellermann, 
Herzogs von Valmy. 
Hier hörten wir zu unserem großen Erstaunen, daß man 
uns schon seit mehreren Tagen erwarte. Ein General im 
Bureau gab schriftliche Befehle, und zwei neue Gendarmen 
führten uns stumm nach Mainz in den eisernen Turm am 
Rhein und dort in das Gefängnis, in dem der berüchtigte 
Räuberhauptmann Schinderhannes gesessen hatte. 
Acht starke Fallthüren mußten wir durchsteigen, ehe wir 
bis unters Dach dieses schrecklichen Gefängnisses kamen, wo 
wir bei Kommisbrot und 
Wasser, der längst?ge- 
wohnten täglichen Nahrung, 
immer ^ ohne Verhör, drei 
Wochen lang schmachten 
mußten. Eine traurigere 
Lage konnte es wohl kaum 
geben! AIs Spione be 
handelt, mit Ketten ge 
schlossen, ununterbrochen in 
den ekelhaftesten Gefäng 
nissen, in zerrissener Klei 
dung, ohne jeden Wechsel 
von Leibwäsche, von Un 
geziefer zerfressen, mit der 
Aussicht, als Galeeren 
sklaven zu sterben, oder, 
was' noch gewisser schien, 
den Tod auf dem Sand 
haufen zu erleiden! Daß 
wir für unseren König und 
Herrn und für unser Vater 
land litten, das allein war 
unser Trost in diesem 
bitteren Leiden. 
Nur einmal des Tages 
wurde unser Käfig geöffnet, 
wo uns dann durch einen 
zerlumpten, schmutzigen Mit 
gefangenen in Gegenwart des Wärters das Kommisbrot und 
Wasser und dann auch abwechselnd eine mit widrigem, übel 
riechendem Fett gekochte Grütz- oder Kartoffelsuppe zur Nahrung 
gereicht wurde. 
Das Ungeziefer kroch buchstäblich auf dem schmutzigen 
Tische herum, und wenn wir auf der widerwärtigen, fast zu 
Müll gewordenen Streu lagen, liefen uns Ratten und Mäuse 
über das Gesicht. 
(Fortsetzung folgt.! 
Auch ein HohenMrr. 
Von Grrstcrr» -getjev. 
Im Jahre 1792 hatte das monarchische Europa der 
französischen Revolution den Krieg erklärt, und Preußen dabei 
die Hauptrolle übernommen. Damals war Prinz Louis 
Ferdinand, der Neffe Friedrichs des Großen, ein junger 
Mann von zwanzig Jahren, der den berüchtigten Feldzug oder 
vielmehr Rückzug aus der Champagne als Oberst eines Re 
giments zu Fuß mitmachte. Zufällig begegnete ihm Goethe, 
der sich im Gefolge des Herzogs von Weimar befand. 
„Wir trafen auf einen Husarenposten." erzählt der Dichter, 
„und sprachen mit dem Offizier, einem hübschen, jungen Mann. 
Der Kanonendonner war weit über Grandprö hinaus, und er 
hatte Ordre, nicht vorwärts 
zu gehen, um nicht ohne 
Not eine Bewegung zu ver 
ursachen. Wir hatten uns 
lange besprochen, als Prinz 
Louis Ferdinand mit einigen! 
Gefolge ankam, nach kurzer 
Begrüßung und Hin- und 
Widerreden von dem Offizier 
verlangte, daß er vorwärts 
gehen solle. Dieser machte 
dringende Vorstellungen, auf 
welche der Prinz nicht 
achtete, sondern vorwärts ritt, 
dem wir dann alle folgen 
mußten. Wir waren nicht 
weit gekommen, als ein fran 
zösischer Jäger sich von fern 
sehen ließ, an uns bis auf 
Büchsenschußweite heran 
sprengte und sodann umkeh 
rend wieder verschwand. Ihm 
folgte der zweite, dann der 
dritte, welche ebenfalls wieder 
verschwanden. Der vierte 
aber, wahrscheinlich der erste, 
schoß die Büchse ganz ernstlich 
auf uns ab; man konnte die 
Kugel deutlich pfeifen 
hören. Der Prinz ließ sich nicht irre machen, und 
jene trieben auch ihr Handwerk, so daß mehrere Schüsse 
fielen, indem wir unseren Weg verfolgten. Ich hatte den 
Offizier manchmal angesehen, der zwischen Pflicht und zwischen 
der Ehrerbietung vor einem königlichen Prinzen in der größten 
Verlegenheit schwankte. Er glaubte wohl in meinen Blicken 
etwas Teilnehmendes zu lesen, ritt auf mich zu und sagte: 
„Wenn Sie irgend etwas auf den Prinzen vermögen, so er 
suchen Sie ihn, zurückzugehen, er setzt mich der größten Ver 
antwortung aus. Ich habe den strengsten Befehl, meinen an 
gewiesenen Posten nicht zu verlassen, und es ist nichts ver 
nünftiger, als daß wir den Feind nicht reizen, der hinter 
Grandprs in einer festen Stellung gelagert ist. Kehrt der 
Prinz nicht um, so ist in kurzem die ganze Vorpostenkette 
alarmiert; man weiß im Hauptquartier nicht, was es heißen 
Rechtsanwalt KtrPrhnor, 
der neue Bürgermeister von Berlin. (S. 299.)
        
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