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Periodical volume 18. März 1893, No. 25.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Bergfried — steht frei und ragt stolz über alles empor. Er 
hat einen Durchmesser von etwa 14 m und ist aus viereckig 
behauenen Feldsteinen hergestellt. Seine Mauern sind am 
Fuße 4 m dick und verjüngen sich nach oben bis zu 2 m. 
Auf einer schmalen Holztreppe und im obersten Stock auf 
einer Holzleiter gelangen wir auf die Höhe des Turmes, die 
einen weiten Ausblick auf den Fläming und die umliegenden 
Ortschaften gewährt. Früher war der Turm oben mit einer 
Brüstung versehen, die verfallen ist. Weiterem Verfall beugte 
man im vorigen Jahre durch Vornahme größerer Reparaturen 
vor. Unser Bild (S. 292) zeigt den Turm mit dem be 
treffenden Baugerüst neben dem Glockenhause. Im ersten 
Stockwerke des letzteren, welches mit dem angebauten Hause 
in Verbindung steht, befindet sich eine Kapelle, welche wegen 
ihrer Originalität Beachtung verdiente. Sie diente früher 
wohl, worauf die in der Decke befindlichen eisernen Ringe 
deuten können, als Rüstkammer und wurde durch den preußischen 
Steuerrat Gottfried Leister, einem Nachkommen des 1576 nach 
Wittenberg berufenen Pastors und Professors Polycarp Leister, 
zur Burgkapelle eingerichtet, zum Gedächtnis dessen, daß ge 
nannter Pastor oder, wie andere meinen, Luther selbst in der 
Burg gepredigt habe. Der schmale Raum — lV 2 m breit, 
etwa 8 in lang und 3 rn hoch — erweitert sich in der Mitte 
zwischen Thür und Fenster zu einer Rotunde. An den Seiten 
befindliche Bänke gewähren 40 Personen bequemen Platz. Am 
Fenster steht der gemauerte Altar und vor demselben eine den 
Verhältnissen entsprechende kleine Kanzel. Beide sind mit 
reich gestickten Decken, Geschenken der regierenden Herzogin zu 
Anhalt, Friederike, geb. Prinzessin von Preußen, (1849) be 
legt. Der Steinaltar trägt zwei von einer Krone überragte 
Wappen, in denen je 2 Mondsicheln dargestellt find, und die 
Inschrift: 
„Am Tage Martini 1717 den 11. November, war der 
31. Oktober alten Kalenders, wurde die erste Predigt hier 
gehalten." 
Ferner folgende lateinischen Verse: 
LVtherVs post Bis CentVM fLorens 
REDIt ANNOS 
EN post Bis CentVM LVtherVs fLens 
REDIt ANNOS 
(Luthers Lehre wird trotz Widerwärtigkeiten alle Jahr 
hunderte hindurch glänzend bestehen.) 
Warum wurden aber, so fragt man sich, etliche Buch 
staben der Inschrift doppelt groß gemalt? Ich schließe mich 
der Ansicht des Herrn Oberpräsidenten Grosser auf Rabenstein 
an, der die in den Versen gesagte Prophezeiung in den Hinter 
grund stellt und in ihnen ein Zahlenrätsel gefunden hat. 
Denken wir uns die in den beiden Strophen groß ge 
druckten Buchstaben als Zahlen, so erhalten wir das folgende 
L 
— 50 
I = 
1 
Y 
— 5 
C — 
100 
Y 
— 5 
Y = 
5 
I 
— i 
M — 
1000 
C 
— 100 
L = 
50 
V 
— 5 
Y ~ 
5 
M 
— 1000 
V 
5 
L 
— 50 
L — 
50 
D 
— 500 
D = 
500 
I 
— 1 
I = 
1 
1717 
1717 
Dadurch scheint uns die Inschrift, die vielen schon viel 
Kopfzerbrechen machte, enträtselt und entziffert. — 
Von den übrigen sonst noch aus alter Zeit vorhandenen 
Gebäuden mag der jetzige Viehstall erwähnt sein. Er war 
früher der Rittersaal, der, achteckig in ungleichen Flächen er 
baut, zugleich vielseitige Ausschau gestattete. 
Burg Rabenstein ist jetzt ein Rittergut, zu welchem die 
Vorwerke Zernsdorf und Wendemark gehören. Das letztere, 
nur noch aus Tagelöhnerhäusern bestehend, wird abgebrochen, 
wie auch die eingangs erwähnte Brennerei aufgegeben ist, da 
die Verwaltung sich in Zukunft auf Forstwirtschaft beschränken 
wird. Demgemäß wird der zum Rittergut gehörige Ackerboden 
seit 1889 nach und nach aufgeforstet. 
Auch Rabenstein leidet unter den niedrigen Wasser 
verhältnissen des Fläming. Zwar besitzt die Burg ein altes 
Brunnenhaus, welches einen 33 m tiefen Brunnen umschließt; 
derselbe giebt aber seit Jahren kein Wasser. Ein 15 000 1 
fassendes Basfingebäude wurde erbaut, zu welchem durch Pferde- 
Göpelbetrieb das Wasser aus dem Thale hinausgeschafft und 
an die betreffenden Verbrauchsstellen verteilt wird. Der Zu 
gang zur Burg ist nur von der Ostseite offen. Am Eingänge 
stehen 3 alte umfangreiche Linden, die, wie unser liebens 
würdiger Führer, Herr Oberförster Grosser, uns mitteilt, die 
Blitzableiter für das Rittergut bilden. Wir wollen es ihm 
gern glauben, sind sie doch von Wind und Wetter, von Sturm, 
Donnergepolter und Blitzesschlag nicht verschont geblieben. 
Wie immer, ist auch hier der Vordermann am schlimmsten 
weggekommen,; lichterloh brannte er einst empor, und mannigfach 
aufgebotene Schutzmannschaften erretteten ihn von gänzlichem 
Untergange. Ein Teil eines starken Armes wurde ihm ge 
nommen, trotzdem grünt und blüht er in alter Frische. 
Aus den Befreiungskriegen. 
Erlebnisse eines Offiziers 
beim Lützowschen Freikorps und im 7. Reserve-Regiment. 
Bon Fritz Dayer. 
Es werden heutzutage von so mancher Seite Erinnerungs 
blätter der Oeffentlichkeit übergeben, welche das allgemeine 
Interesse mehr oder minder erregen, daß der Herausgeber der 
nachfolgenden Erlebnisse wohl zu der Hoffnung ^berechtigt zu 
sein glaubt, mit diesen Erinnerungen seines Großvaters etwas 
nicht ganz Gleichgiltiges zu bieten. 
Die Erinnerungen, unmittelbar nach den Erlebnissen 
niedergeschrieben, geben so recht ein Bild jener Zeit, in der 
das Machtgebot des ersten Napoleon genügte, um unliebsame 
Personen in den Gefängnissen oder auf den Galeeren Frankreichs 
verschwinden zu lasten, wenn nicht gar die ultima ratio seiner 
Willkür in dem Befehl „Fusillez!“ ihren Ausdruck fand. 
Und andererseits zeigen diese Blätter den ganzen 
grimmigen Haß, der in den Herzen der ruhmreichen Kämpfer 
für König und Vaterland gegen den ftänkischen Unterdrücker 
loderte! 
Der Aufzeichner dieser Erinnerungen, hoch betagt im 
Jahre 1878 zu Königsberg in der Neumark als Landrat a. D. 
gestorben, war einer der ersten, der das Schwert zur.Besreiung
        
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