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Periodical volume 15. Oktober 1892, No. 3.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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angedauert, obwohl die Keime zur Unzufriedenheit und zu den 
späteren Verwickelungen, welche schließlich zur Losrelßung vom 
preußischen Herrscherhause führen mußten, bereits von vorn 
herein vorhanden waren. Man bedenke, daß es sich um ein 
von den preußischen Staaten weit entferntes, mit demselben 
keinerlei Interessen teilendes, lediglich dem jeweiligen Träger 
der Krone Preußen unterstelltes, etwa 14 Quadraimeilen großes 
Gebiet, von anderer Sprache, Sille, Gewohnheit und Geschichte 
handelte, daß seit langer Zeit eine starke republikanische Partei 
vorhanden war, welche durch Anlehnung an die anstoßenden 
schweizer Kantone andauernd Nahrung bekam, während der 
König von Preußen beständig vorsichtig lavieren und sich im 
wesentlichen darauf beschränken mußte, der wohlwollende und 
wohlthätige oberste Chef zu sein, trotz seines „Gouverneurs" 
der Hol qui regne, mais qui ne gouverne pas. 
Ueberschüttel mit Freundlichkeit, Gaben und Stiftungen 
haben unsere Könige das Land. Das Garde-Schützenbataillon, 
welches Jahrzehnte hindurch kurzweg „die Neufchateller" hießen 
und dessen Stamm 400 geworbene Neuenburger bildeten, war 
eine Elite- und Lieblingstruppe der Berliner, die bei vielen 
Gelegenheiten, man möchte sagen, fast verzogen wurde. Die 
Unteroffiziere, welche sich gut führten, bekamen auf Grund 
ihrer Kenntnis der französischen Sprache vortreffliche Civil- 
versorgungen, als Kastellane in königlichen Schlössern u. s. w. 
Die Offiziere und Beamten neuenburgischer Abkunft konnten, 
unter gleicher Voraussetzung, auf eine glänzende Laufbahn 
rechnen. Alles dies und vieles andere hat nichts geholfen, der 
einzige monarchische Kanton neben 21 republikanischen schweizer 
Kantonen sollte und mußte ebenfalls republikanisch werden. 
1831 und 1847 hatte es bereits unruhige Bewegungen ge 
geben, die in den Märztagen 1848 zu einer Abschaffung der 
monarchischen und zur Aufstellung einer von der Schweiz 
gewährleisteten republikanischen Verfassung ausreiften. Diese 
offenkundige Feindseligkeit gegen die Personalunion mit dem 
Träger der Krone Preußen ging, angesichts der damaligen 
Wirren in Preußen und Deutschland unter den denkbar günstigsten 
Verhältnissen ungeahndet vor sich, eine Schwäche Friedrich 
Wilhelms IV., die sich schwer rächen und zum dauernden 
Untergange der hohenzollerschen Herrschaft in Neuenburg und 
Valengin führen sollte. 
Als im Juli 1849 die besiegten badischen Aufständischen 
über die schweizerische Grenze nach der Eidgenossenschaft 
flüchteten, um dort einen Unterschlupf zu finden, und der Prinz 
von Preußen sein siegreiches Heer bis hart an die Grenzpfähle 
vorgeschoben hatte, da wäre es an der Zeit gewesen, durch 
eine ernstliche Demonstration oder einen schnellen bewaffneten 
Vorstoß auf Basel, von den Helvetiern die Wiederaufrichtung 
der Hohenzollerschen Herrschaft in Neuchatel verlangen. Doch 
zu einem so thatkräftigen Entschlüsse konnte sich der königliche 
Bruder des siegreichen Prinzen von Preußen nicht aufschwingen, 
er ließ die Dinge vielmehr wie bisher weiter fortgehen. Dies 
laisser aller, laisser faire entmutigte die hoheuzollerischen 
Getreuen im Neuenburger Ländchen vollständig. Die Verhält 
nisse hatten sich dort inzwischen bedeutend geändert, die große 
Menge war mehr und mehr schweizerisch gesinnt geworden, 
und wie früher von republikanischen konnte man jetzt nur noch 
von royalistischen Umtrieben in Neuenburg sprechen. 
Die Adels- und Königs-Partei zettelte in aller Heimlich 
keit eine Bewegmlg, die in der Geschichte mit dem etwas 
kläglich klingenden Namen Neuenburger Putsch bezeichnet 
wird und in oer Nacht vom 2. zum 3. September 1856 vor sich 
ging. Das Hauptquartier der Royalisten war die Ortschaft 
la Sagne, wo sich stets Sympathien für die Hohenzollern 
erhalten hatten, von dort aus besetzten etwa 300 Mann das 
unbewachte Schloß und Zeughaus in der Stadt Neuenburg. 
Eine ähnliche Erhebung zu gunsten Friedrich Wilhelms IV. 
fand in dem bekannten Uhrensabrikort Locle stau. Graf 
Frievrich von Pourtales harre in la Sagne unterm 
2. September folgenden Aufruf erlassen: „Mit Gott für 
König und Vaterland. Neuenburger! Die Stunde der Be 
freiung Hai endlich geschlagen. Ter Ruf: „Es lebe der 
König!" sei euer Losungswort. Zu den Waffen, Geireue! 
Ich erkläre das Gebiet des Fürstentums in Belagerungs 
zustand. Eine jede Gemeinde bestelle sogleich einen Ausschuß, 
der im Namen des Königs die Gewalt handhaben und dem 
Schloß von Neufchatel seinen Amtsantritt anzeigen soll!" 
Der Ober-Kommandanr 
Gras Friedrich von Pourtales. 
Noch inhaltloser war der Aufruf vom 3. September: 
„Es lebe der König! Die Königliche Fahne weht aufs 
neue auf dem Schloß unserer Fürsten. Neuenburger, danket 
Gott! Zu mir, ihr Getreuen. 
Der Kommandant der drei ersten Bezirke. 
de Meuron, Oberst-Lieutenant." 
Schloß Neuenburg. 
Selten ist wohl ein zur Waffenerhebung auffordernder 
Erlaß fast- und kraftloser, inhaltsärmer abgefaßt worden. 
Was wollen die Aufständischen denn eigentlich? fragten sich 
die ruheliebenden Elemente. 
Die allgemeine Ziel- und Planlosigkeit ergab sich nicht 
minder aus den geringen Mitteln, mit denen die Erhebung 
bewirkt wurde, an einem Punkt, der von Deutschland und 
Preußen weit entfernt und von den kriegerischsten Kanronen 
der Schweiz umgeben war. Wenn jemand einen revolutionären 
Schritt unternehmen will, der ihn außerhalb der herrschenden 
Gesetze und in die Gefahr als Laitdes- und Hochverräter 
standrechtlich behandelt zu werden bringt, so muß, lehrt der 
Macchiavellismus, dieser Schrill mit der äußersten und rück 
sichtslosesten Thatkraft, namentlich auch ohne vor Blutvergießen 
zurückzuschrecken, geschehen, oder er muß überhaupt unter 
bleiben. Ein Mittelding ist unmöglich. Stau die Stadl in 
Verteidigungszustand zu setzen und die erbeuteten Geschütze zu 
postieren, ließen es die royalistischen Insurgenten geschehen, 
daß sich im Kanton selbst unverzüglich ein bewaffneter Wider 
stand organisierte. Diesen hätten sie mit Waffengewalt rück 
sichtslos niederwerfen sollen. 
Statt dessen wurde der Spieß umgekehrt. Die schweizerische 
Bundesregierung schritt sofort mir unnachsichtiger Strenge ein. 
Oberst Denzler griff das Schloß mit 1500 Mann an. 
Die Scharfschützen thaten den Royalisten, welche die Siadi 
unbegleiflicher Weise nicht in Verteidigungszustand gesetzt 
hatten und von ihren Kanonen keinen Gebrauch machten, 
großen Schaden. Nach kurzer Gegenwehr war der Aufstand 
unterdrückt. Mit den an den Wunden Gestorbeiren scheineir 
15 Tote auf der royalistischen Seite gewesen zu sein, außerdem 
einige 30 Schwerverwundere. Sofort wurde angeorditer. den
        
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