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Periodical volume 21. Januar 1893, No. 17.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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in Berlin uni 102,3 % gestiegen, im ganzen Staate um 35,49 %• Der 
Bestand an Ziegen hat sich in allen Provinzen ebenfalls bedeutend ver 
mehrt, Berlin allein weist hier eine Abnahme von 2051 auf 1054 Stück auf, 
x. B. 
Die ersten Ke> fairen in Kerlirr irn Jahre 1813. 
Man kann sich denken, mit welcher Ungeduld die Berliner im Anfange des 
IahreS 1813 die Ankunft der Russen, ihrer Befreier vom verhaßten Joche 
der Franzosen, erwarteten. Die Haude- und Spenersche Buchhandlung 
kündigte „russiich-deutsche und deutsch-russische Notheiser für den Bürger 
und Landmann" an, Fernrohre wurden plötzlich gesuchte Artikel, von allen 
Dächern spähte man nach Koloken aus. Endlich, am 20. Februar, erschienen 
die ersten in Berlin. Mit lautem Hurra sprengten sie gegen Mittag durch 
das Oranienburger, Bernauer (Königs-) und Frankfurter Thor und ver 
breiteten Furcht und Schrecken unter allen französischen Regimentern. Auf 
dem Schloßplätze rannte ein Kosak so verwegen auf ein Bataillon Infanterie 
ein, dos ihm den Weg versperrte, daß dieses in seltsamer Betäubung Platz 
machte und ihn durchjagen ließ. Erst der Aleranderplatz, der stark mit 
Infanterie und Artillerie besetzt war, setzte den mutigen Kosaken ein Ziel. 
Ihr Oberst von Tettenborn erhielt eine Gewehrsalve auf 15 Schritt, ohne 
daß er oder einer seiner Offiziere verwundet worden wäre. Der in russische 
Dienste getretene Lieutnant von Hobe erzählte in Aufzeichnungen, die 
Adami, „Vor fünfzig Jahren", Berlin 1863, mitteilt, daß Tettenborn und 
sein General Tschcrnitscheff sehr auf eine allgemeine Erhebung der Berliner 
gerechnet hätten. Zum Glücke für die letzteren geschah davon nichts. Die 
Berliner riefen zwar Hurra, ließen die Russen hoch leben, schimpften aus 
die Franzosen, weiter aber thaten sie nichts, und ihre Bürgergarde (ihrer 
großen Federbüsche auf den Dreimastern wegen damals „Federvieh" vom 
Volke benannt) hatte Befehl, Ruhe zu erhalten und namentlich darüber zu 
wachen, daß die Einwohner sich nicht in das Gefecht mischten. Zwischen 
Weißensce und Berlin entspann sich dann noch ein leichtes Geplänkel. 
v. 
Küchrrtisch. 
Gifer)urt)t der Seeleu. Roman von Erich Meyer. Berlin 1893. 
Verlag von Otto Janke. Preis 4 Mk. 
Ein vortreffliches Buch, das allen Lesern, die bei der Lektüre zum 
Denken angeregt werden wollen, ein paar genußreiche Stunden verschaffen 
wird! Der Verfasser behandelt den Konflikt, der sich in einer Ehe aus der 
materialistischen Anschauung des Gatten und der christlichen der Gattin 
entwickelt, mit einer Feinheit psychologischer Motivierung, mit einer 
Schärfe der Charakteristik, daß sein Roman überzeugender wirkt als eine 
lange Abhandlung über die Existenz der Seele und deren Unsterblichkeit. 
Tie Grenzen, die dem menschlichen Geist gezogen sind, die leere Oede des 
bloßen Wissens, die notwendige Ergänzung, die das letztere durch daS 
religiöse Gefühl, die religiöse Empfindung bedarf — alles dies wird in 
dem vorliegenden Romane in überaus anziehender Form in das rechte Licht 
gestellt. 4L G. 
Kluus Störtedecker. Ein Norderlied von Josef Lauf. Köln 
und Leipzig. Verlag von Albert Ahn. Preis 4 Mk., gbd. 5 Mk 
Nach seinem vorzüglichen Roman „Die Hexe" hat Laufs sich wieder 
dem Epos zugewendet, und zwar mit dem Norderlied Klaus Störtebecker, 
das seine früheren, mit so ungeteiltem Beifall aufgenommenen Dichtungen 
in gar mancher Beziehung noch überflügelt. In vollendet schöner, hoch 
poetischer Sprache schildert der Dichter die Abenteuer des berühmten See 
fahrers und späteren Piraten, eng verwoben mit einem ergreifenden Roman, 
in welchem Klaus, als der Sohn des fliegenden Holländers, das natürlich 
Menschliche mit dem übernatürlich Geisterhaften verbindet. Es wird sicher 
dem Klaus Störtebecker ergehen, wie allen übrigen Büchern Lauffs: Man 
beginnt die Lektüre und liest in stets erhöhter Spannung weiter und weiter 
bis zum Schluß. — x. 
Der treue Ioripeu een Eller feil. Von Otto Brennekam. 
Stuttgart 1892. Verlag von Greiner und Pfeiffer. Preis 4,80 Mk. 
Sympathisch berührt an dem Werke der Zug patriotischer Gesinnung, 
der dasselbe durchweht. Wer die Reize der märkischen Landschaft einmal 
im Spiegel der Poesie bewundern will, der lese diese Erzählung Brennekams, 
aber er erwarte nicht, daß ihm außerdem ein rein ästhetischer Genuß noch 
geboten wird. DarstellungSfoim und Inhalt bieten wenig Lobenswertes. 
Die Sprache seiner Figuren entbehrt der Grazie und der Lebendigkeit, 
welche man von einer guten Prosa verlangen kann. Die Komposition 
selbst ist wenig einheitlich, der cksus ex machina tritt zu oft in den ver 
schiedensten Kostümen auf. EL 
•gjamburger WciIjrttret) te bu d). Mit 140 Bildern. Hamburg 
1892. Verlag von Otto Meißner. Preis 15 Mk. 
Im Verlag von Otto Meißner in Hamburg ist zum Besten der not 
leidenden Waisen ein Prachtwerk „Hamburger WeihnachtSbuch" erschienen, 
desien erste Auflage von 2500 Exemplaren binnen wenigen Tagen in 
Hamburg selbst verkauft wurde, sodaß es erst jetzt möglich ist, den Wünschen 
weiterer Kreise nach Besitz des Werkes Rechnung zu tragen. Die überaus 
freundliche Aufnahme des „WeihnachtSbucheS" von seiten deS Publikums 
ist vollauf gerechtfertigt durch den großen Reichtum an schriftstellerischen 
und musikalischen Beiträgen und den ansprechenden originalen Bilderschmuck. 
Zwar nehmen die Hamburg speziell betreffenden Erzählungen, Gedichte und 
Bilder einen großen Raum ein, auch ist daS Werk ausschließlich von 
Hamburgischen Malern, Bildhauern, Musikern, Schriftstellern u. s. w. ge 
schaffen, dennoch oder vielmehr gerade deshalb wird es aber im ganzen 
Reiche mit um so größerem Jntereffe ausgenommen werden. Aus dem von 
der Verlagsbuchhandlung ursprünglich geplanten Jugendbuche ist durch zahl 
reiche ernstere Beiträge ein echtes deutsches Familienbuch geworden, zu 
dem jedes Glied der Familie gern greifen wird. Zwei besondere Momente 
sind eS, die den Wert des „WeihnachtSbucheS" noch erhöhen und es zu 
einer ganz eigenartigen Erscheinung machen: die Mitarbeiterschaft von 
zahlreichen Kräften, die nie vorher mit ihren Leistungen an die Oeffentlich- 
keit getreten sind und es auch schwerlich nochmals thun werden, und der 
wohlthätige Zweck, dem der Ertrag aus der gemeinschaftlichen Arbeit aller 
Beteiligten gewidmet ist. Der Gedanke, den in den schweren Herbsttagen 
deS vorigen IahreS verwaisten Kindern den Lebensweg durch ein solches 
Unternehmen zu erleichtern, ist auf dem Titelblatt durch den Maler Carl 
GehrtS in rührender Weise zum Ausdruck gebracht. Den reichen und viel 
seitigen Inhalt auch nur in großen Zügen anzugeben, ist wegen der Fülle 
des zu berücksichtigenden Materials unmöglich. Auch unter den Illustrationen 
finden wir fast nur recht tüchtige Arbeiten. Neben den zahlreichen Text- 
Illustrationen bieten noch über ein Dutzend ganzseitige, selbständige Arbeiten 
viel deS Interessanten und Schönen, wir erwähnen nur den rauchenden 
und lesenden Bismarck von AllerS. Die Ausstattung des Textes wie der 
Illustrationen ist eine ganz vorzügliche. DaS Titelbild ist von der be 
rühmten Firma Hanfstaengl in München in uneigennützigster Weise un 
berechnet im Dienste der guten Sache hergestellt, der auch wir durch diese 
kurze Empsehlung dienen möchten; wir hoffen, daß das Prachlwerk auch 
außerhalb Hamburgs noch recht viele Käufer findet, der Preis ist im Hin 
blick auf das, was geboten wird, außerordentlich gering. EL H. 
Meyers Großes Konversation?.Lexikon in neuer, fünfter 
Auflage. Ein Ereignis von weittragendster Bedeutung für die gesamte, 
gebildete Welt deutsch sprechender Zunge wird das begonnene Jahr zu ver 
zeichnen haben. Wie unS die Verlagshandlung des Bibliographischen 
Instituts in Leipzig und Wien soeben mitteilt, begann dieselbe Ende 
Februar mit der Veröffentlichung einer auf daS forgsältigfte vorbereiteten 
neuen, fünften Auflage der großen Ausgabe von Meyers KonversationS- 
Lexikon. ES begreift sich leicht, daß diese Thatsache der diesjährigen Be 
wegung auf dem Gebiete geistiger Produktivität ihren Stempel ausdrücken 
wird. MeyerS KonversationS-Lexikon, daS in der Weltlitteratur unerreicht 
dastehende monumentale Werk seiner Art, ist als Denkstein unserer heutigen 
Kultur- und Bildungszustände mit unserem Geistesleben ausS innigste ver 
bunden. Jedes Neuerscheinen dieses hervorragenden MusterwerkeS muß 
daher die weitesten Kreise ziehen. 
Ein ungefährer Bild von den gewaltigen Leistungen, welche man in 
der gänzlich neubearbeiteten und vermehrten fünften Auflage von MeyerS 
KonversationS-Lexikon erwarten darf, entwirft bereits der vor unS liegende 
Prospekt. Danach wird die neue Auflage auf nahezu 17 5lO Seiten Text 
mehr als 100 000 Artikel umfaffen und mit nicht weniger als 10 000 Ab 
bildungen, Karten und Plänen im Text und auf 950 Tafeln, darunter 
150 Chromotafeln und 260 Kartenbeilagen, versehen sein. Hinsichtlich der 
Bearbeitung und technischen Ausstattung versprechen die Bearbeiter und die 
Verlagshandlung das bestmöglichste. ES ist danach nicht zu bezweifeln, 
daß sich MeyerS KonversationS - Lexikon auch in seiner neuen Ausgabe 
allen einschlägigen encyklopädischen Werken würdig zur Seite stellen und seinen 
wohlbegründeten Ruf und Ruhm weiter ausbauen wird. Der Umfang des 
Werkes ist auf 272 wöchentlich erscheinende Lieferungen zum Preise von 
je 50 Pf. (30 Kr. ö. W.) oder auf 17 in Halbfranz gebundene Bände zu 
je 10 Mk. (6 Fl. ö. W.) berechnet. DaS erste Hest erschien Ende Februar, 
während der erste gebundene Band Mitte April vorliegen soll, dem in 3- 
bis 4 monatlichen Zwischenräumen die weiteren Bände folgen werden. Wir 
glauben es unseren Lesern schuldig zu sein, denselben über die litterarische 
Merkwürdigkeit deS neuen IahreS später eingehend zu berichten. 
Inhalt: Verrat und Treue. Historischer Roman aus der 
Zeit des 7 jährigen Krieges. Von E. H. von Dedenroth (Fortsetzung); 
Ein märkischer Streifzug aus Schlitlschuhen. Von Karl Gotthard 
(Schluß); Königin Luise in der plastischen Kunst. Von Paul 
Schmidt-NeuhauS (mit 2 Abbildungen); Laufen Sie doch nicht so! 
Erinnerung an eine vergeffene Zeitschrift von F. Brunold; Die Sophien 
kirche. Von Georg Buß; Denkst du des TagS? Gedicht von 
F. Brunold. — Kleine Mitteilungen: DaS Kalksteinlager bei 
Rüdersdorf. Der Viehbestand Berlins. Die ersten Kosaken in Berlin im 
Jahre 1813. — Büchertisch. — Anzeigen. 
Für die Redaktion verantwortlich: Richard George in Berlins. 4, Chauffeestr. 2ä (Sprechstunden DienStagS und Freitags nachmittags von 3—4 Uhr). 
Abdruck ohne eingeholte Erlaubnis ist untersagt. 
Verlag: Fr. Zillessen, Berlin N., Schönhauser Allee 141. — Druck: Buchdruckerei Gutenberg, Berlin N., Schönhauser Allee 141a.
        
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