Path:
Periodical volume 21. Januar 1893, No. 17.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

■■a 286 fr 
Die Sophienkirche. 
Von Gesrg Duft. 
Die alte Sophienkirche hat sich verjüngt — wer das 
Innere des Gotteshauses betritt, wird über die Wandlung, 
welche sich dort vollzogen hat, erstaunt sein. Sie ist den 
Berlinern lieb und wert, diese Kirche, schon wegen ihres 
schönen Turmes, der zu einer Höhe von 69 m emporsteigt 
und weithin die Stadt überragt. Er und der Kirchturm der 
Parochialkirche sind die einzigen von allen unter König Friedrich 
Wilhelm I. gebauten Kirchtürmen, welche noch in unveränderter 
Gestalt auf unsere Zeit gekommen sind. Was den Turm aus 
zeichnet, ist seine schöne, wirksame Silhouette, die besonders 
oben in der kupferbedeckten Haube mit ihren mehrfachen Ein 
ziehungen und Ausbuchtungen so durchaus originell ist. Be- 
dünken will uns, daß so mancher moderne Kirchturm gegen 
diesen malerischen Genossen, den vor 160 Jahren Friedrich 
Wilhelm I. durch Grael errichten ließ, nüchtern und lang 
weilig erscheint. 
Aelter als der Turm ist bekanntlich das Kirchenschiff, in 
dessen Front er steht. Schon zu Anfang des 18. Jahrhunderts 
wurde dasselbe errichtet, da die kleine Georgenkirche vor dem 
Königsthore das einzige Gotteshaus für die außerhalb der 
Berliner Festungswerke gelegenen Vorstädte war, und die Be 
wohner der Spandauer Vorstadt einer eigenen Kirche dringend 
bedurften. Nach Borrmanns Mitteilungen scheinen Pläne für 
den Kirchenbau schon im Jahre 1704 vorgelegen zu haben, 
denn in dem in der Königl. technischen Hochschule aufbewahrten 
Skizzenbuche des Architekten Pitzler, welcher Berlin wiederholt 
in den Jahren 1695, 1701 und 1704 besuch: hat, sollen sich 
unter den Reiseskizzen vom September jenes Jahres Grundriß, 
Schmalfront und Querschnitt einer Kirche bestnden, welche ihrer 
Form und den Abmessungen nach nur aus die Sophienkirche 
passen. 
Die Königin Sophie Luise, dritte Gemahlin König 
Friedrich I., spendete zum Kirchenbau zunächst vorschußweise 
eine Unterstützung von 4000 Rthlr. Es wurde alsdann be 
stimmt, daß die Zinsen dieses Kapitels zur Unterstützung eines 
Geistlichen, Küsters und Kantors dienen sollten, wogegen sich 
die Königin das lebenslängliche Patronat über d:e Kirche vor 
behielt. Die bezügliche, am 31. August 1712 ausgestellte 
Stiftungsurkunde erhielt die Königliche Genehmigung am 
24. September desselben Jahres. Schon am 4. November 1712 
fand in der Kirche, welche man als holländische Saalkirche mit 
rechteckigem Grundriß gebaut hatte, die erste Taufe statt. Man 
nannte das Gotteshaus in Dankbarkeit gegen die königliche 
Gönnerin „Sophienkirche", und es hat auch diesen Namen im 
Volksmunde behalten, trotzdem König Friedrich Wilhelm I. 
durch Reskript vom 18. Mai 1716 anordnete, daß man den 
Namen „Spandauische Kirche" gebrauchen solle. 
Mannigfache Auffrischungen und Aenderungen hat die 
Kirche im Laufe der Jahre erlebt — die durchgreifendste im 
Jahre 1834, da auch an der südlichen Langseite die Sakristei 
räume angebaut wurden. Seit jener Zeit ist verhältnismäßig 
wenig für die Erhaltung geschehen, und so trat in unseren 
Tagen die Notwendigkeit eines Umbaues ein. 
Vergegenwärtigen wir uns den Zustand vor dem Umbau, 
so erscheint er als kein erfreulicher. Abgesehen von dem Zahn 
der Zeit, der fich als recht bösartig erwiesen, war das Raum 
verhältnis kein schönes, zumal die früher doppelte Empore auf 
eine einzige herabgemindert war. Die einfach glatt geputzte 
Decke setzte fich mit schmaler Voute auf die Umfassungswände 
auf. Die Fenster nahmen sich gedrückt aus. Eine Apfis war 
nicht vorhanden. Die Kanzel stand frei hinter dem Altar. 
Im ganzen genonimen, es bot sich ein nüchterner, durch den 
überall sichtbaren Verfall unangenehmer Anblick dar. 
Und wie jetzt! Architekt Kurt Berndt hat ein Werk ge 
schaffen, das bei aller kirchlichen Würde festliche Freude atmet 
und den Bedürfnissen der Gemeinde in ausgiebigster Weise 
entgegenkommt. Der Erstlingsentwurf zum Umbau ist durch 
die Herren Kyllmann und Heyden gefertigt worden — es hat 
aber dieser Entwurf durch Berndt tief greifende Aenderungen 
erfahren müssen, zumal sich bei genauerer Untersuchung des 
baulichen Zustandes der Kirche herausstellte, daß ein voll 
ständig neues Dach notwendig war. Was nach dem Abbruch 
des Daches und der Decke, sowie der Ausräumung des Gottes 
hauses übrig blieb, waren die nackten Fensterpfeiler, so daß 
der Umbau eigentlrch als ein Neubau gelten kann. 
Das Aeußere der Kirche stellt sich nunmehr in recht an 
sprechender Weise dar: Das Kirchendach, welches in Eisen 
konstruktion hergestellt wurde, hat einen flacheren, ungebrochenen 
Aufstieg zur First erhalten; an der östlichen Schmalseite ist 
ein hoher, vielfach geschweifter, schmucker Giebel in barocker 
Form aufgeführt, welcher hoch oben das Reliefbildnis der 
Königin Sophie Luise in hübscher Umrahmung zeigt; an den 
Langseiten sind die Portale durch einfachere Giebel, welche 
über dem Hauptgesims emporsteigen, gebührend hervorgehoben; 
endlich auch sind die Ecken auf dem ersten Absatz des Turmes 
mit hohen, barocken Vasen gekrönt worden. 
Im Inneren des Baues stellen sich die Aenderungen noch 
erheblicher dar. Der Fußboden der Kirche und die Fenster- 
pfeiler sind, diese um mehr als einen Meter, erhöht worden. 
Durch Stichkappen und kräftige Voute hat man einen schönen 
und wirkungsvollen Uebergang zum Spiegel der neuen Decke 
geschaffen. Auch sind neue Emporen, ruhend auf schlanken 
Pfeilern und flacher Wölbung, eingezogen worden. Vor allem 
aber hat man an der Ostseite eine halbkreisförmige Apsis ge 
schaffen, beiderseits flankiert von Treppen, welche zu den 
Emporen hinauf führen. Die Winkel zwischen Treppen und 
Apfis sind zu kleinen Räumen fiir die Geistlichen benutzt 
worden. Die Notwendigkeit, Heizkammern für die Dampf 
niederdruckheizung zu schaffen, hat ferner im südlichen Teile 
der Kirche zu einem erheblichen Eingriff in die dort gelegenen 
Gruftgewölbe geführt. Es sind bei dieser Gelegenheit die 
Särge und deren Inhalt mit größter Schonung und Pietät 
nach einen: unter dem Innern des Schiffes gelegenen Ge 
wölbe überführt worden, so daß dort jetzt etwa fünfzig Särge 
vereint sind. Aus allem wird ersichtlich, wie tief greifend der 
Umbau gewesen. 
Wer jetzt in die Kirche hineinlritt, wird überrascht sein. 
Geradezu einladend liegt der weite, für tausend Sitzplätze be 
rechnete, in seinen Verhältnissen schön gegliederte Raum da. 
Weißer Stuck und Gold bilden eine frohe Farbenstimmung. 
Nur hinten aus der Apsis, die sich mit schönen Trumphbogen 
öffnet, schimmert die feurige Farbenpracht der Glasgemälde 
entgegen. Dieser Blick nach jenem Allerheiligsten des Gottes 
hauses, wo auf dem um drei Stufen erhöhten alten Marmor
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.