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Periodical volume 21. Januar 1893, No. 17.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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davon. Wie denn auch bei ihm groß Glück nicht zu holen 
war; besonders nachdem er den preußischen Volksfreund von 
v. Putlkamer übernommen hatte und das Blatt zumeist allein 
mit seinen düster-schaurig-wilden Geschichten zu füllen strebte. 
Das Blatt, welches vordem die besten und besseren Schrift 
steller und Dichter damaliger Zeit, zu seinen Mitarbeitern ge 
zählt hatte — war mehr und mehr zurückgegangen, besonders 
ailch schon nach dem Puttkamer sich dem religiösen Streben 
Ronges angeschlossen hatte und anfing mehr auszugeben, als 
er einnahm. Während die Honorare früher anständig, der 
Zeit und den Verhältnissen angemessen warett, gingen dieselben 
zurück, bis sie zuletzt gänzlich aufhörten — und das Blatt 
zu Grabe ging. — Und doch! so jemand eine Geschichte der 
Berliner Journalistik zu schreiben hätte, würde besagter Volks- 
sreund keine unwichtige Rolle darin zu spielen haben; er war 
ein Spiegel damaliger Litteraturzustände, eine Tafel zeit 
genössischer Dichter und Schriftsteller. 
Doch zurück zu meinem 
Besuch. Müller kam mir mit 
theatralischem Pathos in höchst 
abgetragenem, schwarzem Sammet 
überzieher, den er als Schlafrock 
benutzte, mit offener Brust, ohne 
Halstuch, entgegen. Er lebte da 
mals mit einem Fräulein v. B. . . 
in einem wahlverwandtschaflichem 
Verhältnis; wie er denn deren 
Namen auch im Laufe des Ge 
sprächs oftmals hervorhob, ohne 
daß man auch durch sie später 
Näheres über die früheren Lebens 
schicksale Müllers erfahren hätte. 
Er war und blieb bis auf den 
heutigen Tag ein litterarisches 
Rätsel. Die ethnische Gesellschaft, 
mit ihrem Sekretär an der Spitze, 
dem Professor St... in Dorpat, 
hat sich Jahre hindurch Mühe 
gegeben, das Rätsel zn lösen, ohne 
daß es gelungen. 
In einem Briefe des genannten 
Herrn, jetzt als Profeffor an einer unserer Universitäten 
lebend, heißt es an mich — nach unzähligen früheren Briefen: 
In Bezug Müllers begegnen sich unsere Gedanken. Ihre 
Notiz aus der Erzählung Künstlerleben (Volksfreund 1847) 
ist mir sehr interessant. Leider habe ich bisher noch keinen 
Band des Volksfreundes zu Gesicht bekommen. Das Buch 
muß sehr selten geworden sein. Bettlers Gabe 1836 ist 
einem Penin gewidmet zur Rückerinnerung an jenes Land, 
wo wir unsere Blütentage verlebten. Wohl ein russischer 
Freund. Wie denn Müller, der Erzählung nach, am Hofe 
Peter IEL gelebt haben muß. Was auch mit meiner Notiz 
aus der Erzählung Künstlerleben stimmt, wo es heißt: Ein 
Knabe von der Wolga, in der Nähe des kaspischen Meeres, 
kam, in der Tracht der alten asiatischen Bojaren, und wurde 
Page beim Großfürsten Paul, zugleich ein Liebling des Groß 
fürsten. Dem Schreiber der Erzählung ein Freund. Dann 
heißt es: Ein furchtbares Ereignis, gegen welches ich nicht 
ankämpfen konnte und durste, zwang mich plötzlich, mein 
Vaterland und den heimatlichen Boden meiner Ahnen zu ver 
lassen. Was mir geschah, kann ich nicht enthüllen. Müller 
kam nach Preußen, nachdem er in Riga Schauspieler, in einer 
Kapsel Erde vom heiligen Rußland auf der Brust tragend, 
wurde Schauspieldirektor einer wandernden Truppe, schrieb 
Jahre um Jahre sein Taschenbuch „Bettlers Gabe" — bis er. 
nach Berlin ziehend, sein schriftstellerisches Einsiedlerleben bis 
zu seinem Tode fort führte, ohne daß das Dunkel seines 
Lebens jemals enthüllt worden wäre. In Bezug des Volks 
freundes jedoch fallen zwei Briefe mir in die Hand. Ludwig 
Auerbach aus Lahr schreibt: Samstags mittag, wenn im 
ganzen Hause gescheuert wurde, flüchtete ich nach meinem ge 
heimen Winkel mit dem Volksfreund, um mir eine Zauberwelt 
des Gemüts daraus aufleben zu lassen. Ja, es ist Wahrheit, 
ob Ihren Erzählungen habe ich oft die herzlichsten Thränen 
geweint und lernte u. s. w. Ein anderer noch lebender 
Berliner Schriftsteller, weshalb wir seinen Namen verschweigen, 
sagte in seinem Briefe: Ich war 
ein Knabe von 12 bis 13 Jahren, 
als ich zum erstenmale Ihre Be 
kanntschaft machte. Mein seliger 
Vater borgte sich irgendwo den 
Puttkamerschen Volksfreund. Ich 
las eine Erzählung von Ihnen rc. 
Ich sehe nach 25 Jahren noch 
diese frischen, anmutigen Bilder 
Ihrer Schreibweise vor meinem 
inneren Auge u. s. w. 
Karl Spielmann aber schrieb 
noch vor einiger Zeit aus Friedland: 
Abgesehen davon, daß ein Spitz 
bube eine der größeren Erzäh 
lungen des preußischen Volks 
freundes vom Jahre .... als 
eigene neue*) Arbeit an eine 
unserer bekanntesten Zeitschriften 
verkauft hat, gehe ich damit um, 
eine Geschichte dieses Blattes zu 
schreiben, und bitte um alle Jahr 
gänge, die Sie besitzen. Er 
erhielt sie, ich dieselben zurück, 
ohne daß die besagte Arbeit bis heut erschienen wäre. Der 
Büchermarkt ist überfüllt — und die Verleger scheuen sich, 
nicht ganz Zeitgemäßes zu bringen. Zu mehreren ähnlichen 
Arbeiten wurde meine Beihilfe nachgesucht, ohne daß ich 
weiteres darüber erfahren. Der Mohr that seine Schuldigkeit, 
der Mohr kann gehen. 
Und ich geh — wenn auch, nachdem ich mehr denn 
sechzig Jahr die Schriftstellerfeder geführt, nicht mehr im 
Vordertreffen, sondern bescheiden im Nachtrapp — als 
Einundachtziger Tag um Tag nach meinem Wald. Und 
wie damals jener alte Herr in der Landsbergerstraße mir 
zurief: Laufen Sie doch nicht so — ruft nicht selten auch 
jetzt noch ein mir Nacheilender: „Aber, mein Gott! Laufen 
Sie doch nicht so!" 
*) Ein Verfahren, welches vor Jahren mit mehreren meiner Er 
zählungen geschehen ist. Sie wurden anonym an Kalender verkauft.
        
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