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Periodical volume 25. Februar 1893, No. 22.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Trompeter passend, vorgeschlagen, mit einzigem Zugang von 
dem College aus. Alles schien friedlich abzulaufen und für 
den 2. Weihnachtstag war der erste Gottesdienst bestimmt. 
Da — eben vor Beginn desselben, kam die Meldung, die 
Thüre zu der Empore werde der Musik verweigert. Ein 
Offizier wurde abgesandt, den Eingang, wenn nötig, zu er 
zwingen. Er fand die Soldaten schon in voller Wut auf die 
Thür einschlagend, denn Llonsisrir 1s principal hatte hinter 
^rselben in seiner Leidenschaft die Worte ausgesprochen, „sie 
Wen auf keinen Befehl hin etwas zu fordern, sie dienten 
W größten RäDer Europas" — so viel französisch ver 
standen aber unsere Soldaten denn doch, um daraufhin alle 
Mäßigung zu verlieren. Die Scene endete damit, daß der 
Wingang erzwungen und der principal vorläufig auf Ehren 
wort in seiner Wohnung im College festgesetzt wurde. Einst 
weilen hatte der Feldprediger den Kommandanten gebeten, die 
Kirche während des Gottesdienstes bewachen zu lassen, er habe 
an anderen Orten Störungen erlebt, und da sich schon Volks 
haufen um die Kirche sammelten, schienen solche sehr wahr 
scheinlich. 
Es war etwas unheimlich während des Festgottesdienstes, 
in der von Militär umstellten Kirche und nach den eben be 
endeten, gewaltthätigen Auftritten. Inmitten der Feier erschien 
der principal durch eine Seitenthür, ganz feierlich im Frack, 
und betrachtete sich einige Minuten die Sache. 
Anderen Tags wurde er abgeholt, um nach Reims ge 
führt und dort verurteilt zu werden. Die ältesten seiner 
Schüler wollten sich der Wegführung widersetzen, und seine 
Frau stürmte laut weinend und händeringend dazwischen; er 
sagte. würdevoll, sie solle sich als eine Tochter Frankreichs 
zeigen. In Reims saß er einige Monate eingesperrt, wurde 
aber nicht nach dem Urteilsspruch auf eine deutsche Festung 
gebracht, sondern von „dem Räuber", unserem hochherzigen 
Kaiser, begnadigt. 
Von da an blieben unsere Gottesdienste ungestört, bis 
später, als bte' Okkupationsarmee mehr der deutschen Grenze 
zu weiter geschoben wurde, in der neuen Garnison die Un 
ruhen noch einmal anzufangen schienen. Dort wurde einfach 
befohlen, die große Pfarrkirche zu geben, denn eine auch nur 
annähernd ausreichende Kirche war nicht vorhanden, die 
Truppenzahl aber größer nach der Konzentrierung in weniger 
Garnisonen. 
Als hier der erste Gottesdienst beginnen sollte, bemerkten 
die vor der Kirche versammelten Offiziere, daß auf dein Turme 
eine Trauerfahne wehte. Auf Befragen hieß es: „Vom 
Bischof befohlen." Auf Befehl des Kommandanten verschwand 
dieselbe. Darüber war es aber zu spät geworden, die Trauer 
zeichen, welche beim Eintritt innerhalb der Kirche überraschten, 
auch noch hinweg zu befehlen. Sämtliche Heiligenbilder waren 
in Trauerflor eingehüllt. Vor dem Altar her, der übrigens 
in den katholisch-französischen Kirchen niemals in Anspruch ge- 
uomtneit wurde, waren weiße Tücher gespannt und darauf 
ein großes, schwarzes Totenkreuz befestigt. Von dem Augen 
blick an, als der Pastor zu sprechen begann, ertönte Trauer- 
geläute bis zum Schluß des Gottesdienstes. Natürlich wurde 
darüber sowohl vom Kommandanten wie vom Prediger 
Meldung an das Ober-Kommando in Nancy gemacht, und 
wie früher häufte sich wieder ein neuer Aktenberg auf in 
„Kirchenstreitsachen." Bei der Untersuchung schob der niedere 
Klerus die Schuld auf den höheren und dieser wieder zurück. 
Die Bürger schrieben anonyme Briefe und alle mit einander 
waren — unschuldig. Doch die Schwierigkeiten waren damit 
zu Ende, man freute sich der schönen Kirche, die für 1000 Mann 
Sitzplätze bot, und ließ den Franzosen das Vergnügen, die 
Kirche jedesmal auszuräuchern und neu zu weihen, wenn wir 
sie entweiht hatten. 
(Schluß folgt.) 
Die Gntwürfe 
mm Denkmal -er Kaiserin Augujla. 
Der große, prächtige Festsaal des Berliner Rathauses ist 
gegenwärtig der Schauplatz einer Ausstellung von Entwürfen, 
welche den Plan, der hochseligen ersten Kaiserin des Hohen- 
zollernhauses an der Hauptstätle ihrer stillen Samariterthätig 
keit ein Denkmal zu setzen, seiner Ausführung um ein gut 
Stück näher zu bringen bestimmt ist. Nachdem der Kaiser 
und die Kaiserin am 9. Februar der Ausstellung ihren Besuch 
geschenkt, wurde dieselbe für die Oeffentlichkeit freigegeben und 
konnte in dem genannten Saal bis zum 20. Februar von jeder 
mann unentgeltlich besichtigt werden. 
Das moderne Gefühl hat sich gewissermaßen erst daran 
gewöhnen müssen, auf dem Steinsockel eines öffentlichen 
Denkmalpiedestals auch moderne Frauen dargestellt zu sehen. 
Nur der Anblick antiker Frauengestalten war der Neuzeit 
einigermaßen geläufig geworden, seitdem unsere Künstler nach 
Rom und Hellas wallfahrteten, und dann nach ihrer Rückkehr 
unsere Museen und Ausstellungen, unsere öffentlichen Park 
anlagen und Staatsgebäude mit den Gestalten des Hellenen 
landes und des alten olympischen Götterhimmels zu bevölkern 
begannen. Die Darstellung des modernen Weibes blieb der 
Skulptur lange JahreMn^^wohl nicht zuletzt mir aus dem 
Grunde, weil die modeH^^W^L sich nicht entfernt mit deyt 
sanften, gefälligen LinienflEZDWanMn Gewandung messen 
kann und daher gerade 'km Bildner nicht leicht zu über 
windende Schwierigkeiten bereitete. Daß auch Sitte und Her 
kommen dabei mitwirkten, und vor allem der Mangel an 
wirklich bedeutenden, denkmalwürdigen Frauen die Kunst gar 
nicht aufforderte, an eine solche Aufgabe heranzutreten, steht 
nicht minder außer Frage. Die vormalige eingeschränktere 
Stellung der Frau gab dieser überhaupt gar keine Gelegenheit, 
zu der hervorragenderen und weitergreifenden Wirksamkeit zu 
gelangen, welche den Gedanken an ein Denkmal nahelegen 
konnte. Auch war man zweifellos früher karger und lang 
samer in der Errichtung von öffentlichen Standbildern. Erst 
die Neuzeit hat hier Wandel geschaffen und freigiebiger, 
vielleicht manchmal allzri freigiebig dem Verdienst eine öffent 
liche Anerkennung zuerteilt, welche ihm frühere Jahrzehnte 
versagten. 
Seitdem vollends das treffliche Standbild der unvergeß 
lichen Königin Luise den Tiergarten schmückt, findet auch das 
moderne Empfinden nichts Außergewöhnliches an einemmodernen 
Frauendenkmal, und wird Berlin auch das neue Steinbild 
einer hohen deutschen Fürstin auf dem Sockel eines Denkmals 
mit derselben Freude begrüßen, mit der uns jedesmal wieder 
der Anblick des genannten Enckeschen Meisterwerkes an der 
Rousseauinsel zu erfüllen pflegt.
        
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