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Periodical volume 25. Februar 1893, No. 22.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

lasche, rieb dasselbe zwischen Daumen und Zeigefinger zu 
Pulver, nahm diese Priese, nieste „helf Gott" und fing an 
zu singen: 
Heil Dir im Siegerkranz: 
Pellnuveln un Heringsschwanz 
Schmecken to schön! 
Hast du no Kümmel lu 
Leg' di in jute Ruh 
Up dinen Mantel hin: 
Pack düchtig in! 
Fort war Langeweile und Mißbehagen. Hei, wie lachten 
die Kerls und — endlich waren die Kartoffeln auch gar. 
Dann packten sie ein, d. h. aßen, daß es eine Art hatte, und 
die Feldflasche ging herum, für jeden war noch ein Hieb drin. 
Geleistet haben sie aber auch ebenso immer ihr Teil. wenn es 
Ernst galt, diese lustigen Leute. 
Andere Zeiten — andere Menschen — andere Ver 
pflegung : möchte unser Volk und Heer nur nie verlernen, so 
harmlos, so tüchtig zu bleiben! 
(Schluß folgt). 
Zwei Jahre in Frankreich. 
Erinnerung aus der Okkupationszeit Juli 187t bis Juli 1873. 
Von G. Tafel. 
(Fortsetzung statt Schluß.) 
Wie schon während des kalten Kriegswinters, so hatten 
auch in den nachfolgenden Wintern 1871—1872 und 1872 
bis 1873 die Deutschen im warmen Frankreich weit mehr von 
der Kälte zu leiden als in der nordischen Heimat. Die 
Häuser sind auf einen rechten Winter nicht eingerichtet, und 
die Kamine, auch mit möglichst größtem Feuer, reichen für 
unser Wärmebedürfnis nicht aus. Der Franzose begnügt sich 
damit, daß er in seinem Kamin nur Feuer sieht, d. h. ein 
Klötzchen glimmen, er steht dann davor, abwechselnd die Hände 
reibend und wieder in den Taschen bergend, bald den einen, 
bald den anderen Fuß gegen das Flämmchen haltend. Die 
Frauen, welche überhaupt mehr arbeiten als die Männer, 
haben ein Kohlenbecken vor sich. über welchem die steifen 
Finger sich abmühen, etwas zustande zu bringen. Dabei 
tragen die stets offen stehenden Thüren auch nicht zur Er 
wärmung bei. 
Die Deutschen wußten sich schließlich Oefen zu verschaffen, 
d. h. spekulative Eisenhändler ließen solche kommen und endlich 
auch Kochherde. Die Franzosen fanden solche Oefen ganz an 
genehm, aber ihre bessere Luft doch vorzuziehen, denn schlechte 
Luft findet man in ihren Häusern nirgends, auch nicht bei den 
geringsten Leuten. Eine hochbetagte, reiche Hausbesitzerin 
wärmte sich öfter an dem Oefchen ihrer deutschen Einwohner 
und meinte, sie würde vielleicht später sich auch noch einmal 
ein solches anschaffen. Was aus unseren Oefen dort geworden 
sein mag? 
Von unseren Sitten fand vorzüglich der Christbaum 
Beifall. Im zweiten Jahr war schon alles dazu Nötige ver 
käuflich, daß wir aber nicht gleich fertig hergestellte Weihnachts 
bäume wünschten und solche lieber selber schmückten, konnte 
man nicht begreifen. 
Vielleicht noch mehr als daheim wurde im fremden Lande 
das schöne Fest auf deutsche Art gefeiert. Auch sollten die 
Soldaten die Heimat .nicht zu sehr 
wetteiferten in ihren Bemühungen 
scherungen der einzelnen Trupr 
Kinder verlebten die SoldareiHUn heiligen 
Zur Winterszeit ferner war das Theater ' 
Die Franzosen verzichteten bewundernswerter Weise 
Vergnügen, „so lange das Vaterland in Trauer stand" 
sie sich ausdrückten. Kein Theater, kein Konzert sollte 
finden, keine Musik gehört werden, so lange die Barbaren' 
hier weilten. Ihre Theatergebäude stellten sie zur Verfügung 
und von denselben wurde nun fleißig Gebrauch gemacht. 
Das eine Mal spielten Offiziere und Damen, ein ander Mal 
die Mannschaften, welche aus ihrer Mitte prächtige Repräsen 
tanten für Frauenrollen fanden, für welche dann die Ofsiziers- 
damen um Toilette gebeten wurden. Vorübergehend kam 
auch wohl eine deutsche Schauspielertruppe. Stets machte es 
einen eigentümlichen Eindruck, das Theater ganz von Uniformen 
angefüllt zu sehen, nur einzelne weibliche Zuschauer dazwischen, 
aber keinen Civilisten. Ein Hauptspaß war es aber immer, 
das Vergnügen der Soldaten zu beobachten. Einige Offiziere, 
welche sich in komischen Rollen auszeichneten, fanden so jubelnden 
Beifall, daß sich die gefeiertsten Künstler der Bühne keines 
größeren erfreuen dürften. 
Auch zu größeren festlichen Vereinigungen der Garnisonen 
wurde das Theater benützt, wenn die Räume des Offizier- 
Kasinos nicht ausreichten. Ein solches mußten die Franzosen, 
mit allem Komfort ausgestattet, in den Garnisonen herstellen. 
Für harmloses Vergnügen der Leute wurde nach Mög 
lichkeit gesorgt. Zu Ostern gab es Eier im Freien zu suchen 
und mancherlei einfache Feste; bei guter Jahreszeit gewährten 
den Soldaten Volksspiele viele Freude. AIs neugierige Zu 
schauer standen dann in einiger Entfernung die Franzosen. 
Große Schwierigkeiten machte die Vereinbarung über den 
Gottesdienst, In der Konvention war nämlich vergessen 
worden, für Kirchen im Winter zu sorgen. Während des 
Krieges brauchte es keiner Erlaubnis, die französischen Kirchen 
zu benützen, und so lange die Witterung Feldgottesdienst zu 
ließ. dachte noch niemand an ein solches Bedürfnis. Aber es 
wurde allmählich kalt, und als im Dezember während des 
Feldgotresdienstes dicke Schneeflocken niederfielen, ging das 
nicht länger. Aber zu Bewilligungen nachträglicher Forderungen 
waren die Franzosen nicht bereit, und gaben erst nach vielem 
Hin- und Herreden und Schreiben der Ordre des Ober 
kommandos nach, „einen Raum zu überlassen, der hinreichend 
und würdig wäre zur Feier eines Gottesdienstes." 
In den verschiedenen Garnisonen mußte das nun aus- 
gefochten werden, und wohl in keiner schwieriger als in der 
unseren. Der zuerst angebotene Schuppen wurde abgelehnt 
als „weder hinreichend noch würdig", dann das Theater als 
„hinreichend, aber nicht würdig". Letztere Anschauung ver 
stand man französischerseits nicht, handelte es sich doch nur 
um einen evangelischen und dazu deutschen Gottesdienst. Aber 
sie mußten es verstehen lernen, verweigerten nur standhaft die 
Kathedrale, bewilligten endlich den Gebrauch einer kleineren 
Kirche, zu einem College gehörend, in welcher freilich nur eine 
beschränktere Zahl der Mannschaften Platz fand. Der Vor 
stand des College, principal genannt, besprach das Nötige 
mit dem Kommandanten an Ort und Stelle und schien durchaus 
bereitwillig. Von ihm wurde eine Empore, als für die
        
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