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Periodical volume 25. Februar 1893, No. 22.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

Unter Mitwirkung 
R. Köringrrier, vr. H. Srcndickc, Tsiosdetr Fernt ane, Stadtrat G. Friovot, 
Fovd. Mcyer. Gymnasialdirektor Vv. M. Kckwaftz und ©mR tr. Mildendrucsi, 
herausgegeben von 
Friedrich Lillessen und Nichgrd George. 
XU. 
Jahrgang. 
M 22. 
Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanstalt sNo. 709), Buchhandlung und 
Zeitungsspedition für 2 !Nk. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
25. Februar 
1893. 
Uevvai un8 Treue. 
Historischer Roman aus der Zeit des 7 jährigen Krieges von G. ■£}. tum Dedonrcklz. 
(8. Fortsetzung.) 
Ech habe die Ehre," sagte Brenkenhof, „die Dame zu kennen, 
Mesche hier genannt wurde, ich möchte daher auch auf 
ihr Wohl anstoßen, aber habe ich recht verstanden — ist 
Fräulein v. Rohr Ihre Braut?" 
Die Stimme Brenkenhofs bebte leise, trotz aller Selbst 
beherrschung verriet sich doch, was in ihm tobte. 
„Noch nicht," stotterte Erich verlegen, aber Robert fiel 
ihm ins Wort. „Mein Bruder will um die Hand der Dame 
werben," sagte er, „also trinken wir auf glücklichen Erfolg!" 
Damit bot er sein Glas Brenkenhof zum Anstoßen, der 
Brandenburger aber rührte das seinige nicht an. 
„Sie wollen nicht?" rief Roben, „was bedeutet das?" 
„Ich habe nicht das Vergnügen, Ihren Herrn Bruder so 
genau zu kennen," antwortete Brenkenhof, „um zu wissen, 
ob seine Bewerbung schon so weit angenommen ist, daß wir 
ein Recht haben, den Namen der Dame öffentlich zu nennen, 
ohne fie zu kompromittieren." 
Erich hielt seinen Bruder vergeblich zurück. Robert sprang 
auf, sein Antlitz glühte von Wein und von leidenschaftlicher 
Erregung. 
„Die Werbung eines Beriet," rief er, „kaun nie eine 
Dame kompromittieren. Wollen Sie uns enva Belehrungen 
geben? Widerrufen Sie Ihr Wort!" 
Leopold erhob sich gleichfalls. „Herr von Beriet," 
sagte er mit Festigkeit, „Sie haben mich mißverstanden, es 
liegt mir auch fern, jemanden belehren zu wollen. Es kann 
Ihnen gleichgültig sein, was ich wünsche, und worauf ich 
trinke, die Sache betrifft noch dazu Ihren Herrn Bruder mehr 
als Sie." 
„Bist Du wahnfinnig!" flüsterte Erich seinem Bruder zu, 
ihn fast mit Gewalt auf den Sessel niederziehend, „willst Du 
Händel ansangen, so suche Dir andere Ursache, in diesem 
Streite gebe ich dem Brandenburger recht." 
Brenkenhof verabschiedete sich durch einen gemessenen Gruß, 
als er sah, daß man ihm kein Hindernis in den Weg legte, 
sich zu entfernen. 
„Er läuft davon!" rief Robert, zufrieden, wenigstens diesen 
Triumph zu haben, „er ist zu feige, um mit mir anzubinden, 
da sind keine Händel zu fürchten. Aber ich wette darauf, 
daß er nach der Rohr schielt und jetzt vor Eifersucht berstet." 
Erich antwortete nicht. Er schien in Gedanken versunken, 
der heftige Auftritt hatte ihn plötzlich nüchtern gemacht. 
Wenn man sich in einer Stimmung befindet, wie die 
jenige Erichs gewesen, wenn uns die Gedanken beschäftigen 
und erregen, daß wir eine Entscheidung über unsere Zukunft 
treffen sollen, daß wir uns schlüssig machen sollen über Fragen, 
welche die Pläne unseres Strebens ebenso nahe angehen wie 
die Gefühle unseres Herzens, daun sind wir mehr als je ge 
neigt, uns verwandtschaftlich nahe stehenden Personen Ver 
trauen zu schenken und die Ansichten derer zu beachten, deren 
Rat wir sonst nicht erfragen. Der schwankende, unentschloffeue 
Mensch sammelt möglichst viele Urteile, weil er glaubt, dann 
um so leichter eine richtige Entscheidung treffen zu können; er 
ahnt nicht, daß die Widersprüche, die er hört, ihn nur beirren 
und seine Unentschlossenheit vermehren können. 
Erich hatte vielleicht gerade deshalb sich heute seinem 
Bruder genähert, weil er dachte, die von ihm erwartete offene 
Erklärung Roberts, daß er Anna liebe, werde ihm einen Vor 
wand geben, die Prüfung seiner eigenen Gefühle hinziehen 
zu können und dem Onkel zu sagen, daß er nicht als Rival 
seines Bruders auftreten möge. War er auch davon über 
zeugt, daß Robert ebensowenig hier wie anderswo eine tiefere
        
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