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Periodical volume 15. Oktober 1892, No. 3.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Der Arzt versprach. Abhilfe zu schaffen und ein anderes 
Quartier ausfindig zu machen. 
„Am liebsten wäre ich draußen vor der Stadl," gestand 
der Kranke. „Ist kein Gut in der Nähe, wo Sie mich unter 
bringen könnten?" 
Als der Arzt am Spätnachmittage wiederkam, fand er 
den Offizier vor seiner Landkarte sitzend. 
„Ich habe mich nach Quartieren außerhalb der Stadt 
erkundigt," begann der Doktor, „und kann Ihnen einige in 
Vorschlag bringen. Zuerst wäre da ein Bauernhof, eine halbe 
Stunde von hier — ruhig und anmutig gelegen; er gehört 
einem Kaufmann aus der Siadt, der dort im Herbste ein paar 
einfache Zimmer bewohnt." 
„Eine halbe Stunde vor der Stadl," sagte der Rittmeister 
zögernd, „ein wenig weil für jemand, der nicht zu Pferde 
steigen darf und wie eine Schnecke schleichen muß! Was haben 
Sie sonst noch?" 
„Zweitens die Oelmühle, drunten ain Fluß, gleich unter 
halb des Stadtthors. Ein kühles Plätzchen, wo sie Forellen 
angeln können!" 
„Aber das Mühlengeklapper? Nein, lieber Doktor, mit 
dem Vorschlag haben Sie auch kein Glück!" 
„Uird daun zuletzt den Waldhof. Nicht zu nah und 
nicht zu fern, droben am Waldrand." 
Der Kranke war aufgestanden und legte die Hand auf 
des Arztes Schulter. 
„Bringen Sie mich nach dem Waldhof, Doktor! Wozu 
noch lange wählen?" 
Noch am selben Abend siedelte der Kranke in sein neues 
Quartier über. 
Der Oberförster Freyland war durch das Militär- 
Komnrando von der Ankunft des Rittmeisters verständigt 
worden. Allein der glühende Haß, den der alte Mann, der 
in seiner Jugend unter den Fahnen des großen Preußenkönigs 
gefochten, gegen alles Französische hegte, veranlaßte rhn, von 
dem lästigen Eindringling möglichst wenig Notiz zu nehmen. 
Trotzdem war in dem kleinen Erkerzimmer, das der 
Kranke bezog, für mancherlei Annehmlichkeiten Sorge getragen. 
Auf dem Tische stand ein großer Strauß Feldblumen und auf 
dem Wandbrette neben dem Spiegel gewahrte man eine statt 
liche Reihe von Büchern. Es waren meist Schriftsteller einer 
verflossenen Zeit; Uz, Rammler und Hagedorn, aber auch 
Hölderlin war darunter und der feurige Heinrich von Kleist. 
Goethe war mit der Goeschcnschen Ausgabe seiner Schriften 
vertreten; am meisten waren die Bände zerlesen, die den 
Weriher und die Gedichte enthielten. In sämtlichen Büchern 
stand mit kiirdlich, ungelenken Zügen der Name der Besitzerin, 
„Friederike Freyland", eingetragen. 
Merkwürdig! Der litterarische Geschmack des Mädchens 
schien mit ihrem Charakter im Widerspruch 511 stehen. Sie. 
die so sicher und selbständig handelte, die ihm so recht als 
eine Tochter des neuen Jahrhunderts erschienen war, sie las 
die wehmütig-süßen Erzeugnisse einer krankhaften Zeit! 
Der alte Lebrecht, der Diener des Oberförsters, der mit 
seinem Herrn die Strapazen des Feldlagers geteilt hatte und 
in vielen Pnitkten sein getreues Ebenbild geworden war, trat 
ein nnd fragte, was der Herr Rittmeister zum Abendessen 
befehle. 
„Befehlen thue ich überhaupt nicht, ich kann höchstens 
bitten, da ich mich aber als Gast dieses Hauses betrachte, so 
bin ich mit allem zufrieden, was man mir vorsetzt!" ent- 
gegnete der Offizier. „Ich möchte übrigens in keiner Weise 
aufdringlich erscheinen und werde die Wünsche Ihres Herrn, 
welcher, wie ich bemerkt zu haben glaube, meinen Anblick zu 
meiden sucht, respektieren. Ich darf Sie wohl bitten, mich ihm 
und dem gnädigen Fräulein zu empfehlen und den Herrschaften 
zu melden, wie lebhaft ich die Lage der Dinge bedauere, 
welche mich zwingt, ihnen zur Last zu fallen." 
Der Diener verneigte sich stumm und wollte die Stube 
verlassen. 
„Noch eine Frage!" fuhr der Rittmeister fort, „ich habe 
doch niemanden aus diesem Zimmer verdrängt?" 
„Verdrängt? Nun, irgendwo mußten wir Sie doch 
einmal unterbringen," antwortete Lebrecht. „Sonst wohnt das 
Fräulein hier. Sie ist um Ihretwillen drüben in den anderen 
Flügel des Herrenhauses gezogen." 
„Umsomehr habe ich Ursache, um Entschuldigung zu 
bitten. Drunten am Thor sah ich einen alten Herrn, der bei 
meiner Ankunft sich umwandle und dem Garten zuschritt: war's 
etwa der Herr Oberförster selbst? Sein Haar war zu einem 
Zopf gebunden, wie man es unter Friedrich dem Zweiten trug." 
Der Diener sah den lästigen Gast mit geringschätzigen 
Blicken an. Was wußte der von Friedrich dem Zweiten! 
„Wir tragen nicht nur den Zopf, sondern auch das Herz, 
wie es unter dem alten Fritzen Mode war," erwiderte er 
scharf. „Wissen Sie auch, daß wir bei Liegnitz und Torgau 
gefochten haben, lange, ehe Sie daran dachten, geboren zu 
werden? Sie hätten den König sehen sollen, wie er so vorn 
übcrgebeugt auf dem Fliegenschimmel saß und keine Sporen 
anhatte und seinen Krückstock in der Hand hielt. Und wie er 
dann vor die Front rill und sagte: „Kntder, wenn Ihr mir 
heut die österreichischen Bataillons kassiert, dann sollt Ihr drei 
Tage Ruhe haben und jeder von Euch soll am Sonntag eine 
Bouteille Wein zu sausen kriegen!" Ja, ja, es mar ein 
großer König, der's mit den Soldaten gut meinte!" 
„War Ihre Herrschaft damals schon in Schlesien an 
sässig?" unterbrach der Rittmeister den Redeschwall des Alien. 
„Nein," entgegnete dieser, „wir stammen aus Beeskow 
an der Spree — kennen Sie Beeskow? — Es liegt an der 
Stelle, wo der Fluß aus dem Spreewald tritt — aber wir 
waren die ersten aus der Mark, die sich hier in Schlesien 
niederließen. Die Regierung hat uns prolegiert, und unser 
gnädiger Herr wurde hier nach clltchen Jahren Oberförster. 
Allein, ich halle Sie auf, wenn man alt wird, redet man 
gern." 
Er verließ mit schnellen Schrillen das Zimmer. 
tFortsetzung folgt.)
        
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