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Periodical volume 18. Februar 1893, No. 21.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Freund Sperling, der in kalter, knapper Zeit unter dem Dach 
moos versteckte Würmer suchte, als Abputzer recht nützlich. 
Wo's Säubern durch Menschenhand aber wirklich einmal un 
umwunden Not that, oder wenn ein Umdecken der Bedachung 
nicht länger aufzuschieben war: da wurde der Hauswurz auf 
das sorgfältigste geschont und peinlichst an die alte Stelle 
angedrückt. 
Denn, hieß es, diese nie von Menschenhand dort oben 
hingesetzte Kranzesstaude, deren Setzlinge, künstlich in Selbst- 
gerechtigkeit aufgesetzt, verdorren würden, und bei der fich fort 
und fort Kranz um Kranz weiterschichtet, ist ein himmlischer 
Ordensstern. Den verleiht von oben her der König aller 
Könige und Herr aller Herren, wenn es ihm gefällt, die ver 
borgen gebliebene Gerechtigkeit eines, der zu diesem Hause 
gehörte, kund zu thun. Die Welt soll, was sie bisher nicht 
bemerkte, fortan wissen: allhier unter dem Dache mit Haus 
lauch weilte, bezw. weilt, ein Kind des Friedens, welcher 
höher ist als alle Vernunft! 
Man sieht es dem sanften, allzeit lebensfrischen Grün 
des Hauslauchs ohne weiteres an, daß die Kraft des Ewigen 
in ihm ruht; mau merkt das aber auch au mancherlei Zeichen 
und Bewährungen. So z. B. rührt nie ein Blitz daran. 
Aus diesem Grunde war es ebenso erwünscht wie selten, wenn 
Hauswurz sich auf einem Speicher oder einer Mühle zeigte. 
Kein Galgenvogel, Krähe oder Rabe, wagt ihm zu nahen: 
dem Unreinen ist eben in der Nähe des Reinen nicht wohl. 
Keine Katze — bekanntlich häufig verkappte Hexen! — schreitet 
über ihn hinweg, dieselben biegen vorweg scheu um. (Sehr 
erklärlich; denn die fetten Schuppenblätter sind außerordentlich 
feucht und kühl, und das vertragen die sehr empfindlichen 
Katzenpfoten nicht.) Wider verbrannte oder sonstwie ent 
zündete Glieder darf man Mittwochs und Freitags (den alt 
kirchlichen Fastentagen) unter dcm Mittagsläuten fromme 
Sprüche hermurmelnd, sich ein bis drei Blätter ausbrechen 
und zur Heilung auflegen. Aber wehe dem, welcher mut 
willig oder boshaft die ganze Krone zerreißt! Der wird über 
kurz oder lang unsicher auf den Füßen! Sei's, daß er einen 
Beinbruch in jähem Sturz erleidet, sei es, daß langsam 
über ihn herziehen Gicht, Zipperlein und Reformatismus 
(Rheumatismus), gegen welche Beschwerde es bekanntlich weder 
Kraut noch Pflaster giebt. 
So mahnt der Hauswurz einerseits: habe acht auf 
stilles Verdienst. So warnt er andererseits: reiße niemand 
herunter, d. h. hüte dich, das achte Gebot zu übertreten. 
Das letztere beachte ganz besonders gegenüber Fortgezogenen 
und Verstorbenen. Denn wer der „Gekrönte" in so einem 
ausgezeichneten Hause ist, das kannst du niemals wissen. Es 
kann ein noch lebender, dort wohnender sein. Sieh, statt nach 
allzu verbreiteter Menschengewohnheit zu tadeln und zu mäkeln, 
zu, ob du's unmerklich herausbekommst. Das beste Mittel 
hierfür ist, du mußt selbst nach Möglichkeit alles zum besten 
kehren. Alsdann wird deine schöne Seele die andere schöne 
Seele leicht herausfühlen und finden. Der Gekrönte kann 
ebenso gut ein längst Entschlafener sein, von dem sich der Segen 
Gottes bis in das tausendste Glied hinab vererben kann, 
dessen Geist aber vermutlich noch im Hause und Hauswesen 
zu spüren sein wird. Wäre es so anders geworden, daß 
„kein Funzelchen" gutes Erbteil mehr im Haushalte darin 
ist, dann wäre der Hauslauch längst in fich abgetrocknet und 
davon geflogen im Herrgottshauch, dem Winde. 
Wie besänftigend, wie charakterläuternd mag diese zart- 
sinnige Betrachtung des geheimnisumwobenen Kräutleins 
Hauslauch — im Volksmund mit größerer Vorliebe „Haus 
wurz" genannt — im Volksleben der Vorzeit gewirkt haben! 
Ob eine ähnliche auch anderwärts in deutschen Landen 
zu finden ist? Woher mag sie in unser Kolonialland hinein 
gekommen sein? Ich habe dieselbe in der Zauche, im Teltow, 
im Kreise Königsberg (Neumark) aufgefunden. Ich bemerke 
ausdrücklich: nicht bei Herrnhutern oder Sektengenossen, auch 
nicht bei meinen sonst so feinfühligen Lebensgenossen im 
Warthebruch und Sternbergerland. 
Sollte ein noch nicht aufgedeckter sehr alter, germanischer 
oder flavischer Mythus die Grundlage dieser Symbolik bilden? 
Möchten doch noch mehr als ich der Mythik und Volkloristik 
kundige Fachmänner, wie Prof. Schwarz. Ascherson, Ullrich 
Jahn, Friedrich S. Krauß, sich dazu äußern! 
Ob in ethischer Hinsicht die allbekannte gutmütige Geduld 
und Nachsicht der Märker mit unter dem Einfluß dieses Stückes 
einheimischer Pslanzensymbolik herangebildet sein mag? Vor 
langer, langer Zeit sagte mir einmal ein alter Mann in 
Zellin a. Oder, indem er auf ein Dach mit Hauswurz deutete: 
„Ringe recht; hier ist Geduld und Glaube der Heiligen!" 
4. Sonnentau (Orossra rotundifolia). 
©olt ist gegenwärtig: 
Laßt uns ihn anbeten 
Und in Ehrfurcht zu ihm treten! 
ES gebührt sich billig 
Seele, Leib und Leben 
Ganz in seinen Dienst zu geben. 
Er allein soll da sein, 
Unser Gott und Herr: 
Ihm gebührt die Ehre! 
Also sprich leise, gesenkten Hauptes und mit gefalteten 
Händen, wenn du zur Spätsommers- und Herbstzeit in Waldes 
gründen das „Gideonsrauh", welches sie gewöhnlich Sonnen 
tau" nennen, vor die Augen bekommst. 
Schau, wie bei der Sonne oben am Himmel schießen 
aus des Sonnentatles Blätterrund rötliche Strahlen rundum 
hervor, dazu desgleichen obenauf wie unten. Und er glänzt 
dabei doch silbern in frischer Taufülle, wenn längst aus den 
übrigen Gräsern und Kräutern der Nachttau abgetrocknet ist. 
So stellts dir in eins gleichzeitig zweierlei dar. Nämlich 
1. daß der Herr, der des Tages die Sonne Wärme spenden 
läßt und des Nachts den erfrischenden Tau niederträuft, 
ebenso für seine Ehre eifert, wie er, 2. größer als unser Herz 
Gnade und Treue über tausend und aber tausend Geschlechter 
bewahrt. 
Dessen sollte Gideon (Richter 6,22—40) seinerzeit inne 
werden, als ihm in der allgemeinen Gottvergessenheit Israels 
bedeutet wurde, er habe des einigen Gottes Ehre wiederher 
zustellen. An Gideon erging das Gebot, den Altar des 
wahren Gottes neu zu errichten und das Volk des Herrn aus 
den Gräueln der Abgötterei, Völlerei und Menschenknechtschaft 
zum nüchternen, einfachen Leben zu bekehren. 
Zwar auch er war schwach und begehrte deswegen erst 
Zeichen und Wunder zu sehen. Und ihm ward aus besonderer 
göttlicher Güte und Geduld dieses Zeichen, daß der Tau
        
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