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Periodical volume 11. Februar 1893, No. 20.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

iveitig weiß Annette v. Droste-Hülshoff aus Westfalen und 
dem Emslande, wo doch nie ein Türke hingekommen, zu er 
zählen, daß daselbst der dreißigjährige Krieg als „Türkenkrieg" 
benamset werde!! 
Ebenso merkwürdig, daß in unserer Sache — Knöterich 
— manchmal die Anschauung verspürbar ist: dieser „Rot 
köpfige" sei so ein in Pflanzengestalt gebannter Esau, bezw. 
Jsmael redivivus. (Es ist unsagbar schwierig, dem, was 
man als kundiger Zuhörer beim Erzähltwerden sagenhafter 
Volksanschauungen zu fühlen bekommt, in gebildeter Schrift 
sprache Ausdruck zu geben!) 
Als dritte Merkwürdigkeit reiht sich endlich die Vorstellung 
an: weil der „morgenländische Knöterich" Fach auf Fach setzt 
und schließlich oben rot glühend ausschießt, sei er ein Nachbild 
des in Fachwerk auf Fachwerk hochgeführten Turmes zu Babel, 
dessen Spitze von der Erde aus blitzartig und titanenhaft zer 
störungswütig zur Höhe zu dringen versucht habe. 
Ziehen wir aus dem bisher Mitgeteilten das Ergebnis, 
so müssen wir sagen: Allen drei Bemerkungen liegt ein Bild 
morgenländischen Charakters in Gestalt wilden Trotzes für die 
Volksanschauung zu Grunde, zurecht gemacht sowohl aus ge 
schichtlichen wie aus biblischen Erinnerungen, d. h. „der 
Dreihärige", unser Gartenknöterich, gilt als Repräsentant 
überarger Frechheit und Willkür. 
H. Polygonum minus, gen. „Schweinegruse." 
Diese Frechheit, dieser bubenhafte Hochmut, kommt nach 
dem immer taktvoll bemessenden Volksgefühl natürlich zu Fall. 
Brandenburgische Kriegsvölker lutherischen Glaubens 
waren es, welche bei dem für das Schicksal Deutschlands 
gegenüber der Türkengefahr entscheidenden Sturm auf Ofen 
das Beste thaten, welche die „blutrote Halbmondsfahne"*) bei 
Salankamen und anderen Orres in der deutschen Ostmark end- 
giltig in den Staub rissen. Was den katholischen Oesterreichern 
allein nicht recht gelingen wollte, das brachten die Bekenner 
des lauteren Gottesworts kurzer Hand zustande: sie zeigten 
den Bösen das „Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten." 
Der Allmächtige hatte ja vormals auch gelacht, der Herr hatte 
ihrer gespottet, jener Leute in Babel, deren Turm zu besehen 
er niederfuhr. Da gebot der Herr des Weltalls zugleich mit 
dem Urbild auch dem Abbild, dem Srrotzknöterich, also: „Du 
Schweinehund, nieder mit Dir aus dem Licht in den Staub! 
Da krieche fortan mit Deinen Ringeln und Fächern, wie der 
Sündenschlange das Los schon längst gefallen ist!" 
Zur bleibenden Erinnerung an das Gottesgericht von 
Babel ward ein gut Teil des steifen, großen Knöterichs um 
gewandelt in das kleine Kriechzeug „Schweinegruse" — Poly 
gonum minus — das zwischen Steinen elend gebettet am 
Boden „vermurkelt." Ein Zeichen gedemütigter, zur Nichtig 
keit verdammter Eitelkeit klammert sich dieses erbärmliche Ge 
wächs überall mit Vorliebe an Pflaster und ähnliches 
Trümmergestein. Das den Himmel erstürmen wollte, es muß 
vom Tau genetzt, den Tieren des Feldes als Heilmittel gegen 
Schwären, Schwund und Eiter dienen. Gesund gehen die 
Tiere über dasselbe schnuppernd und pustend mit Verachtung 
fort, nur wenn krank, knabbern sie ein wenig daran. 
*) An die Ausstattung unserer Kriegsscharen mit Fahnen gewöhnt, 
dichtet der Volksglaube harmlos dem Halbniond der Türken gleichfalls eine 
Fahne und zwar in abschreckender Färbung, hinzu. 
So wird denn auch das Kräutlein „Schweinegruse" von 
der Volks-Geheim-Medizin offiziell gebraucht. Ein Theeaufguß 
davon hilft angeblich ganz sicher wider Husten, Schwindsucht 
und „Unducht", d. h. Hautflechten und Ausschlag. 
III. Polygonum amphibium. 
Ob das Gedemütigtwerden wirkliche Demut und Annahme 
in Gnaden zu Wege bringt: das bleibt bekanntlich in der 
Erfahrung des Lebens unbestimmt. Gewiß, in manchen Fällen 
erwirken Unglück und Strafe Einsicht und Bekehrung, machen, 
wie man sagt, den Sinn klein und das Herz weich. In viel 
mehr Fällen dagegen, wissen wir nur zu gut, verhärtet sich 
das trotzige und verzagte Menschenherz unter dem Druck auch 
der gerechtesten Strafe nur um so mehr. 
Dementsprechend spaltet sich denn auch die Volksvorstellung 
eigenartig ob der Betrachtung desjenigen Knöterich-Gewächses, 
welches, darf man sagen, in der Mitte zwischen „dreihärig" 
und „Schweinegruse" steht, des „Wasserknöterichs", Polygonum 
ampbibium. 
Ja, sagen die einen, ja, das ist der bekehrte Schächer. 
Seht, wie dieser kniebeugt und sich duckt, namentlich der 
wirklich im Wasser schwimmende. Seht, wie seine Blätter 
und Stiele voller roter Flecken sind: sicherlich ist mit manchen 
anderen Pflanzen seiner Zeit auch „Schweinegruse" über Fels 
und Stein fort zum Golgathahügel gekrochen, ist daselbst vom 
heiligen Blut erkauft, damit besprenget und getauft — da ist 
dem Demütigen Gnade zuteil geworden! (So sprach sich 
auch mein vorerwähnter Reisegefährte aus). 
„Hat sich was!" sagen andere und fragen: Taugt denn 
dieses Zeug zu etwas V Nein! Das ist alles bloß Gehabe 
und Gethue, ist Heuchelei mit dem Knierutschen. Denn — 
schmeckts nicht nach wie vor gallenbitter und verdirbt das 
Futter? Da geh' uns einer mit! Art läßt nun einmal nicht 
von Art! 
Daß im Großen und Ganzen bei den Märkern die 
letztere, mißtrauische und zornmütige Vorstellung überwiegt, 
läßt sich nicht bezweifeln. Man blicke auf die nächstfolgende 
Erzählung! 
Hat das Volksgefühl in seinem Mißtrauen etwa Unrecht? 
Wieviel wirklich Reuige unter entdeckten und der Strafe ver 
fallenen Sündern giebt es wohl verhältnismäßig zu den bloß 
dumpf grollenden? 
2. Die böse Sieben. 
1. Trespe (Promus secalinus), 2. Rade (Lolium); 
3. Vogelwicke (Vicia Cracca), 4. Segge (Carex); 5. Binse 
(Juncus); 6. Scheuergras, d. i. Duwok oder Katzensterz 
(Equisetum palustre); 7. Ampfer (Pumex); Wiesenknöterich 
(Polygonum ampbibium), genannt: „Was soll mich das", 
sowie „Trau — fchau — wem!" 
Draspe, Rade, Vogelwicken 
Sollt ihr nicht zum Pastor schicken. 
Er predigt daS Wort Gottes lauter und rein, 
Und rein soll auch euer Meßkorn sein! 
Redet nicht euch selbst zu Schaden: 
Ut den Rind un ut den Graben 
Det füll unse Priester haben: 
Segge, Binse, Scheuergras 
Aemper un „Was soll mich daS!"
        
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