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Periodical volume 11. Februar 1893, No. 20.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

Ford. Meyer, Gymnasialdirektor Dr. M. SciTwart; und Grrrst v. Milderrdrurti, 
herausgegeben von 
Friedrich Lilleffen und Richard George. 
Zahraang. 
M 20. 
Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanstalt <No. 709), Buchhandlung und 
Zeitungsspedition für 2 Mk. 60 Pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
1t. Februar 
1893. 
rvvsk und 
iveue. 
Historischer Roman auS der Zeit des 7 jährigen Krieges von G. H. von Dederrroth. 
(6. Fortsetzung.) 
Gräfin Ogilvy zögerte nicht, den Anweisungen Brühls 
nachzukommen. Der Erfolg erschien ihr kaum zweifel 
haft; es galt ja nur, einer Wehrlosen zu zeigen, welche 
Zwangsmittel man besitze, um sie dem Willen des Mächtigeren 
gefügig zu machen. Die Schonung, welche sie gestern noch 
für nötig hielt, war überflüssig, da Brühl angedeutet hatte, 
daß er im Falle des Trotzes Anna ihrem Vater zurückschicken 
werde; die Gräfin brauchte also nicht zu befürchten, künftig in 
der Umgebung der Königin jemanden zu wissen, der ihr mit 
Erfolg Widerstand geleistet. 
Diese Befürchtung hatte ihr Anlaß dazu gegeben, die 
Königin zu bitten, daß sie Anna warne. Die Intrigantin 
hatte sich neutral halten wollen, um Anna gegenüber die 
mütterliche Freundin und Ratgeberin spielen zu können, wenn 
es der Königin nicht glückte, Anna hinreichend gefügig zu 
machen, so daß sie den Gatten wählte, den man ihr bestimmt. 
Der Leser wird aus den Andeutungen, die wir gemacht, 
erraten haben, welche schweren Tage Anna erlebt hatte, seit 
sie auf dem Redoutenballe in Breslau Leopold v. Brenkenhof 
kennen gelernt. 
Baron v. Rohr huldigte einem rohen Geschmacke, Jagden 
und wüste Trinkgelage wechselten auf seinen Gütern mit 
einander ab; seine älteste Tochter Aurora war eine Amazone 
geworden und sein ganzer Stolz; Anna dagegen, um die er 
sich von jeher weniger bekümmert, schlug aus der Art. Das 
junge Mädchen empfand Grauen vor den rohen Flüchen und 
lästerlichen Witzen der Freunde ihres Vaters, sie hatte zartere 
Neigungen, als die, einen Hirsch zu Tode zu hetzen und den 
Treiber, der sich nachlässig gezeigt, auspeitschen zu lassen. 
Baron v. Rohr hatte sie daher auch nach Breslau zu einer 
befreundeten Familie geben wollen, teils um das weinerliche 
Mädchen, das schon zitterte, wenn er sie laut anredete, los zu 
werden, teils, damit sie sich dort nach ihrem Geschmacke aus 
bilde und einen Gatten finde, der besser für sie passe, als die 
Männer, die in seinem Hause verkehrten. Die Vorfälle, die 
wir oben schilderten, zerstörten diesen Plan. Der Baron hegte 
Verdacht, daß man Anna nicht genügend hüten werde, und er 
hätte sie lieber zeitlebens in einen Turm gesperrt, als sie 
einem Offizier Friedrichs II. gegeben. Er nahm sie wieder 
mit sich heim, und das Leben im väterlichen Hause, das Anna 
schon unerträglich geworden war, als sie noch nichts Besseres 
gesehen, mußte ihr um so entsetzlicher werden, nachdem sie sich 
in den eleganten Kreisen von Breslau bewegt und edlere 
Freuden gekostet hatte. 
Baron v. Rohr sah seine Tochter immer scheuer, zurück 
haltender, schreckhafter und bleicher werden. Er wußte keine 
bessere Kur, als die, sie zu verheiraten, und stellte ihr den 
Sohn eines seiner Freunde vor, der nach seinen Begriffen 
noch am passendsten für sie erschien, denn er war ein schlechter 
Jäger und Zecher, freilich etwas stumpfsinnig, aber von altem 
Adel. Anna weinte und flehte, aber vergebens. Rohr stellte 
ihr die Wahl zwischen Heirat und Kloster; er wollte dem 
Jammer mit ihr ein Ende machen. Zum Glücke für Anna 
nahm der Hof an einer großen Jagd beim Baron v. Rohr 
teil, Graf Brühl sah das junge Mädchen und fand, daß es 
für einen seiner Neffen sehr vortellhaft wäre, mit der Hand 
Annas einen Teil der Rohrschen Besitzungen zu erhalten. Der 
Graf war allmächtig im Lande, aber ein reichsfreier Herr, wie 
Baron v. Rohr, würde ihm Trotz geboten haben, wenn Brühl 
nicht die Königin veranlaßt hätte, Anna für ihren Dienst von 
dem Baron zu fordern. Eine solche Ehre wies Rohr nicht 
zurück, der Ehrendienst bei einer kaiserlichen Erzherzogin und
        
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