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Periodical volume 4. Februar 1893, No. 19.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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wundeten-TranSporte an, bis ihn endlich auf einem Bahnhöfe einer rheinischen 
Garnisonstadt sein Schicksal ereilte, wo er im Wartesaal II. Klaffe sich von 
den Reisenden traktieren ließ und mit seinen erdachten Heldenthaten furchtbar 
renommierte. Einem Offizier, der aus seinen Achselstücken dieselbe Nummer 
wie der Pseudo - Blessierte aus seinen Achselklappen trug, kam die Sache 
mit dem noch sehr jungen Baterlandsverteidiger verdächtig vor. Er erkun 
digte sich bei dem „Fähnrich" nach diesem oder jenem Kameraden des 
Regiments, und nachdem der Lieutenant seinen Verdacht bestätigt fand und 
sicher zu sein glaubte, daß das Bürschchen mit dem weit und breit ge 
suchten Kadettchen identisch sei, bat er diesen um seine Legitimation, und 
als das Jüngelchen seine Papiere verloren haben wollte und dem Offizier 
nach dem Stations-Kommando folgen sollte, nahm es reißaur. Aber so 
fix der ani Bein durch einen Granatschuß verwundet sein wollende E. auch 
lief, wurde er doch eingeholt und per Schub ins Korps zurückgebracht, wo 
er sein Abenteuer mit 3 Tagen Arrest büßen mußte. — Diese seine Erleb- 
niffe mußte er jetzt dem Kronprinzen haarklein berichten, der ihm schmunzelnd 
zuhörte und ihn durch allerlei Kreuz- und Querfragen ein über das andere 
Mal in große Verlegenheit brachte, schließlich aber sagte, daß, wenn E. aus 
purem Thatendrange auch einmal schwer gesündigt hätte, ihm die Geschichte 
später in der Armee nicht allzu sehr angerechnet werden würde. „Nach 
Papa Wrangel", so tröstete der Sieger von Wörth dem über seinen dummen 
Streich zu Krokodillthränen gerührten Miffethäter inS Ohr flüsternd, „ist 
«in Kadett ohne Arrest ja wie ein Hund ohne Schwanz", und als E. 
darauf laut auflachte, meinte der Kronprinz, mit dem Finger drohend 
„aber nicht weiter sagen!" 21. 21. 
Das oirsle Gpfor. — Achtzig Jahre sind es jetzt geworden, 
seit sich Preußen gegen die Zwingherrschaft deS Kaisers Napoleon erhob, 
und dankbar gedenken wir derer, die damals das drückende Joch über 
mütiger Fremdherrschaft abschütteln halfen. DaS erste Opfer, nachdem 
König Friedrich Wilhelm III. am 3. Februar sein Volk zum Kampfe auf- 
gcrusen hatte, war der Abkömmling einer alten preußischen AdelgeschlechteS, 
der schon im Jahre 1809 wacker gegen Napoleon gekämpft hatte: Otto 
von Arnim. Mit dem russischen Oberst v. Tettenborn befreundet, hatte 
er sich an diesen als Freiwilliger angeschlossen. Um die Mittagsstunde des 
18. Februar gerieten Tettenborns Kosaken mit Würzburger reitenden Jägern 
in ein Scharmützel. Einer der letzteren schoß dem von Arnim eine Karabiner 
kugel durch die Brust, das erste Opfer fiel durch deutsche Hand. Arnim ruht 
auf dem Friedhose von Werneuchen, in deffen Nähe der Kamps stattfand. Erst 
16 Tage darauf, nachdem die Franzosen von Berlin abgezogen waren, er 
schien in der Spenerschen Zeitung die Anzeige seines Todes: „Am 
18. Februar, bei dem in der Gegend von Werneuchen stattgehabten Gefecht 
zwischen den russisch-kaiserlichen und alliirten Truppen, blieb Otto 
von Arnim aus dem Hause Suckow, durch eine Flintenkugel durch die 
Brust getroffen. Sein Tod war schnell und ohne Schmerz für ihn und 
rühmlich für Ehre und Vaterland." D. 
Diichertrsch. 
Drei Kokonsepisade« von Helene von Hülsen. Berlin, Verlag 
von Richard Eckstein Nachf. Preis 3 Mk. 
Daß die Verfafferin „SelbsterlebteS" erzählt, giebt dem Buche einen 
eigenen Reiz. Im „Königsibyll" (1847) schildert Helene v. Hülsen eine 
Sommerfrische in Wyck auf Föhr, wo sie als achtzehnjähriges Mädchen 
mit ihren Eltern weilte und in nähere Beziehungen zu dem gleichzeitig 
dort anwesenden dänischen Königspaare (Christian VIII. und Karoline 
Amalie) trat. Die zweite Episode (1864) umfaßt die Beziehungen der 
Gemahlin deS Generalintendanten zu Charlotte Birch-Pfeiffer. Die Ver 
fasserin giebt den ganzen LebenSgang dieser hochbegabten Frau und gewährt 
unS hierbei interessante Einblicke in das Theaterleben der Zeit von 1840 
bis 1865. — Der dritte Abschnitt (1885) führt die Ueberschrift: „Ein 
Drama." Helene v. Hülsen hatte während eines längeren AusenthaltS in 
Paris eine Lady Holborn kennen gelernt, deren EhestandS-Tragödie sie der 
Mitteilung für wert hält. — Aus den „drei LebenSepisoden" leuchtet unS 
das tiefe, echt frauenhafte Gemüt der Verfafferin entgegen; sie erzählt 
natürlich und mit warmer Empfindung und weiß die Aufmerksamkeit deS 
Lesers auch für Dinge, die ihn nicht unmittelbar berühren, zu fesseln. 
Kirnte Kildev. Freud und Leid der Gymnasialzcit. Humoresken 
von Onkel HanS (Paul Güssow) mit Illustrationen von 
H. LüderS. Quedlinburg 1892. Verlag von Chr. Friedr. Viewegs 
Buchhandlung. Eieg. geb. 3 Mk. 
AuS der Jugendzeit, aus der Jugendzeit 
Klingt ein Lied mir immerdar — 
daS ist dar Lied von der ftöhlichen, seligen Zeit des Schullebens, an die 
wohl jeder mit wehmutsvoller Freude zurückdenkt. Sowohl Schüler als 
auch Erwachsene werden daher mit großer Freude die Erlebniffe des Ver< 
fafferS aus der eigenen Schulzeit lesen, die mit köstlichem, nie verletzendem 
Humor und charakteristischen Zügen jene poesievolle Zeit mit ihrer Lust und 
ihrem Leid spannend schildern und unbedenklich jedem Schüler in die Hand 
gegeben werden können. Die überall hervorleuchtende Pietät gegen Eltern und 
Lehrer und die liebevolle Erinnerung an die Schulfreunde und den biedern 
Hauswirt sind zugleich der heutigen Jugend eine eindringliche Mahnung, 
sich wieder harmlos zu vergnügen und den Genoffen der Schulzeit, Mit 
schülern wie Lehrern, ein treues, pietätvolles Andenken zu bewahren. Das 
durch reizende, originelle Illustrationen von H. Lüders geschmückte Bändchen 
ist Familien- und Schulbibliotheken sehr zu empfehlen. K. H. 
©tjmrmgeir DsrrfgLschirhten. I. Band: Schafheinz. Aus 
Kinvern werden Leute. Von Clara Häcker. Leipzig, Verlag 
von OSkar Gottwald. Preis 2,40 Mk. 
Die Verlagsbuchhandlung OSkar Gottwald tritt mit diesem Buche 
mit einem neuen, wichtigen litterarischen Unternehmen an die Oeffentlich- 
keit, das sicherlich in allen Gauen Deutschlands, besonders aber im 
Thüringer Lande mit aufrichtiger Freude begrüßt werden wird, mit der 
Herausgabe eines Cyklus Thüringer Dorfgeschichten. Den Reigen eröffnet 
Clara Häcker, eine in Thüringen wohlbekannte Erzählerin, mit den beiden 
Geschichten: „Schafheinz" und „AuS Kindern werden Leute." Herr 
A. GeorgenS, Schuldirektor in Auerbach i. V., urteilt über die beiden Er 
zählungen: „Hier haben wir neben der Hochflut bellelristischer Fabrik- 
erzeugniffe doch einmal wieder reine Originalgeschichten. Einfach im Bau, 
kräftig im Fortschritt, natürlich in den Mitteln; lebenswahre, lebenswarme 
Charaktere, getragen von sittlichem Ernste, strenger Pflichttreue und dabei 
doch freundlichen Sinnes, echte Thüringer Kinder. Das sich auch in 
solchem Volke entwickelnde Böse gelangt nirgends zum Siege. ES sind 
dies echte Volksgeschichten, geeignet, zur Wiederveredelung deS deutschen 
VolksstnneS beizutragen." Da die Dorfgeschichten auch gebunden in den 
Handel gelangen, dürften sie vielfach als Geschenk willkommen sein. 
Die Sammlung wird fortgesetzt. —n. 
Antan Rirkrnstorrr. Ein Künstlerleben. Von Eugen Zabel. 
Mit dem Bilde RubinsteinS. Leipzig 1892. Verlag von Barthold 
Senff. Preis 6 Mk. geb. 7 Mk. 
Es ist in der That eine sowohl lockende als auch lohnende Aufgabe, 
eine Persönlichkeit wie die Rubinsteins nicht lediglich vom Standpunkt der 
Fachmusikers, sondern als eine beachtenswerte Erscheinung unseres modernen 
Kulturlebens zu studieren, eine Persönlichkeit, die sich jene großartige Auf 
fassung vom Wesen der Kunst unverbrüchlich bewahrt hat, die mit rast 
losem Eifer auf allen ihren Gebieten Hervorragendes und Interessantes 
geleistet hat, die unermüdlich bereit ist, für die Ideale des Geistes that 
kräftig einzutreten und die zu einem von der ganzen Welt anerkannten 
Ruhm eine Fülle der reinsten und edelsten menschlichen Eigenschaften hin 
zufügt. Als Klaviervirtuose ohne Gleichen, als Komponist eine anziehende, 
wenn auch verschieden beurteilte Persönlichkeit, als künstlerischer Organisator 
und Lehrer in seiner russischen Heimat unvergeßlich, endlich als Mensch 
voll Leben und Eigenart, anregend und überraschend in jedem Augenblick, 
ein ruhelos sinnender Geist und ein goldenes Herz, so hat sich Rubinstein 
dem Gedächtnis der Mitwelt bereits eingeprägt, und der Verfasser deS vor 
liegenden Buches hat seine Aufgabe, diese allgemeinen Züge im einzelnen 
zu einem lebensvollen Bilde des Meisters auszuführen, meisterhaft gelöst. 
8 K. H. 
Kerkkold's Handlexikon der Uatur»»iNon)rtiafie« 
und Medizin, bearbeitet von A. Velde, Dr. W. Schauf, 
Dr. G. Pulvermacher, Dr. L. Mehler, Dr. V. Löwenthal, 
Dr. C. Eckstein, Dr. I. Bechhold und G. ArendS (Verlag von 
H. Bechhold, Frankfurt a. M.) 15 Lieferungen zu 80 Pf. 
Das nunmehr bi« zur 12. Lieferung vorliegende Werk hat, wie wir 
hören, die allgemeine Verbreitung gefunden, die es bei seiner Unentbehrlich 
keit für alle, denen viele Ausdrücke aus dem Gebiete der Naturwissen 
schaften und Medizin vorkommen, verdient. Ueber wissenschaftliche und 
Handelsbezeichnungen, über medizinische, botanische, chemische und andere 
Namen erhalten wir eine präzise, treffende Erklärung, die daS Nachschlagen 
in großen und teuren Nachschlagewerken entbehrlich macht. Dank der ge 
schickten, durchsichtigen Anordnung ist eine erstaunliche Fülle von Material 
in gedrängter Form dargeboten. So wird z. B. bei Insekten mitgeteilt, 
wodurch sie schädlich oder nützlich sind, welche Mittel man zu ihrer Der- 
tilgung kennt u. s. w., bei Besprechung einer Krankheit findet man Ursachen 
und Symptome eingehend beschrieben, bei industriellen Erzeugnissen ist 
Fabrikation und Verwertbarkeit auf daS übersichtlichste dargestellt, wissen 
schaftliche und theoretische Gegenstände sind in einer für jeden verständlichen 
Form gegeben. Besonders intereffant sind die etwas umfangreichen Artikel 
wie LicheneS (Flechten), Magenkrebs, Magnetismus, Natrium carbonat 
(Soda), Nervenfaser, Petroleum u. s. w. — Wir empfehlen daher das 
Werk nochmals aufs beste, besonders auch Lehrenden und Studierenden. 
Dev Sang von Mönrhgrrt. Epische Dichtung in zehn Gesängen 
von Karl Strecker. Verlag von Wilh. Jemsch in Stralsund. 
Preis 2,75 Mk. 
Der durch seinen Roman „Familie Knippe" und die Novellensammlung 
„Hobelspähne" bereits weiten Kreisen vorteilhaft bekannte Dichter bietet 
hier insonderheit allen Freunden der Insel Rügen eine poetische Schilderung 
von Mönchgut, die von einer wunderbar seinen Beobachtung der Natur 
und namentlich des Lebens am Strande zeugt. Eine ergreifende Dorf 
geschichte, die unS den Charakter und das Leben der Mönchguter anschaulich 
schildert, bildet den Kern, um den sich die aus frischem Herzen quellenden, 
formvollendeten, oft zu dithyrambischem Schwung sich erhebenden Natur 
schilderungen erheben, an denen nicht nur die Kenner jenes idyllischen Ei 
landes Freude finden werden. K. H.
        
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