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Periodical volume 4. Februar 1893, No. 19.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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VII. 
Unschuldig. 
In dem großen Ratssaale, der wegen des ungeheuren 
Andranges für die Verhandlung gegen den Fernemüller und 
sein Weib genommen war, drängten sich die Vornehmsten der 
Stadt, denn nur diesen war der Zutritt gestattet. 
Das Richterkollegium bestand heute, wie das bei einem 
so schweren Fall üblich war, aus dem gesamten Rat und 
allen Richtern. 
Michael Bösinger eröffnete, nachdem die Angeklagten vor 
geführt, die Sitzung; indem er die früheren Ereignisse, die 
Drohungen des Fernemüllers gegen den Bürgermeister Hans 
Herrendorfer, dessen wundersamen Tod, die Flucht des Ferne- 
inüllers, den Verkauf der Mühlen, das Geständnis der als 
Hexen verbrannten Frauen und alle die übrigen Belastungs 
momente nochmals aufzählte. „Der Stadtmedikus von Schwulle 
hat bezeugt, daß der Bürgermeister Herrendorfer an Gift 
gestorben ist, der Stadtdiener Baltzer hat Euch, Euer Eheweib 
und die bereits verurteilten Frauen bei der Giftmischerei 
betroffen. Durch Eure Flucht habt ihr Euch dringend verdächtig 
gemacht, Ihr seid also angeklagt der Hexerei und des Mordes 
durch Gift. Was habt Ihr darauf zu erwidern?" 
Stockend und zagend begann der Fernemüller seine Ver- 
leidigung. Daß er dem Bürgermeister Scheltworte gesagt und 
ihm gedroht, leugnete er nicht, daß er auch hinterher noch bei 
dem Essen, in Gegenwart der Frauen, seinem Zorn Luft ge 
macht habe, leugnete er auch nicht; aber den Bürgermeister zu 
löten, sei ihm nicht eingefallen, er sei jähzornig, aber nicht 
rachsüchtig. Das Bier sei das beste im Keller gewesen und 
ohne Tadel, wie und woran der Herr Bürgermeister gestorben 
sei, wisse er nicht. Geflohen sei er nur, weil ihm ein Freund 
dazu geraten habe. Auf die Frage, wer der Freund gewesen 
sei. schwieg er. Alsdann folgte das übliche Zeugenverhör, 
aber der Fernemüller wie sein Weib leugneten alles weitere 
und blieben bei dem stehen, was sie gesagt hatten. 
„So müssen wir denn nun, nachdem die Dingbank alle 
Mittel erschöpft, um die Wahrheit zu ergründen," fing Bürger 
meister Bösinger wieder an, „zu dem letzten, der peinlichen 
Befragung schreiten. Seine fürstliche Gnaden der Markgraf, 
den wir hierum angegangen, hat uns sagen lassen, die Antwort 
sei bereits unterwegs. Da dieselbe bis jetzt noch nicht einge 
troffen, bleibt nichts übrig, als die Sache zu vertagen." 
„Mit Verlaub Herr Bürgermeister, wollt Ihr mir hierzu 
einige Worte gönnen?" fragte nun Marlin Geister. 
Alles stutzte, denn was Geisler that, wich von dem her 
kömmlichen Gerichtsverfahren ab. 
Ratlos sah sich der Bürgermeister um, indes Hans 
Sturlebusch rief: „Laßt ihn doch reden!" 
Totenstille trat ein. 
„Edle Herren!" so begann Martin Geisler anfangs 
zögernd und nach Worten ringend, während später seine 
Stimme an Kraft und Fülle wuchs, und die Worte hervor 
sprudelten. 
„Erinnert Euch des letzten Prozesses gegen die drei Frauen! 
Da war ich es allein, der die Anficht vertrat, der Fernemüller 
sei unschuldig, und die Frauen seien es erst recht. Ihr glaubet 
einem ehemaligen Barbier und einem Schreiber mehr als der 
Stimme der Vernunft. Noch einmal trete ich jetzt als Warner 
vor Euch hin. Entsagt den Wahnvorstellungen überwundener 
Zeiten, macht Euch frei voll dem Aberglauben der Spinnsttlben 
und Mägdekammern! Ueberlaßt die verrotteten Phantasien 
von überirdischen Kräften, von Hexen und Teufeln dem Volk, 
aber verbannt sie aus den Gerichtssälen! Drei unschuldige 
Opfer mögen Euch genug sein, schont der übrigen! Ihr habt 
vor Gott geschworen, Gerechtigkeit zu üben nach bestem Wissen 
und Gewissen. Ist das Gerechtigkeit? Ist ein Geständnis von 
Wert, das ihr den Angeschuldigten durch Schmerz und Qual 
abgepreßt? Eitel Plunder ists und Meineidige seid Ihr alle, 
die Ihr danach handelt. Ja, droht mir nur mit Euren Fäusten 
und zuckt Eure Schwerter! Lange genug habe ich meinen 
Groll unterdrückt!" rief er, als ein Sturm der Entrüstung 
losbrach, während der Bürgermeister die Ratsmitglieder zu 
beruhigen suchte. „Was ich behaupte, pflege ich auch zu be 
weisen. Nicht mit Worten, sondern durch Thaten werden die 
alten Götzen von dem Grundstein Eurer Gedankenwelt hinab 
gestürzt. Und ich habe gehandelt. So laßt Euch denn gesagt 
sein: Ich war es, der den Fernemüller warnte, der ihn zur 
Flucht bewog, weil ich ihn für unschuldig hielt; ich war es, 
der den Verkauf der Mühlen an den Markgrafen vermittelte, 
ich war es, der Boten nach Garz sandte, ihn und sein Weib 
zu warnen, weil ich sie für unschuldig hielt. Ich war des 
Fernemüllers Anwalt vor dem Landesherrn, und ich spreche 
zu Euch im Namen des Markgrafen." 
Wie mit einem Zauberschlage legte sich die ungeheure 
Aufregung und das wilde Tosen, mit dem die Worte Martin 
Geislers begleitet waren, und einen Augenblick trat Ruhe ein, 
aber nur einen Augenblick. 
„In seinem Namen," fuhr Geisler fort, „und in seinem 
Aufträge verbiete ich Euch die peinliche Inquisition, nur den 
Reinigungseid läßt seine fürstliche Gnaden der Markgraf zu." 
Wieder entstand eine allgemeine Bewegung unter den 
Zuhörern, die sich von ihrem Erstaunen gar nicht erholen 
konnten. Noch immer war Martin Geisler nicht zu Ende. 
„Hat denn einer von Euch klugen Richtern, auch nur daran 
gedacht zu fragen, ob das Bier, das der Bürgermeister vom 
Fernemüller erhielt, überhaupt vergiftet war? Hat es denn 
einer untersucht? Gift läßt sich nicht verheimlichen, nicht unter 
drücken, Gifte, die man nicht nachweisen kann, giebt es nicht. 
Nein, es giebt keine, und mögt Ihr hundertmal Oho! rufen! 
Dort steht Hans Weiß, der Schwiegersohn des Bürgermeisters 
Hans Weiß, hier vor versammeltem Gericht frage ich Euch: 
ist dies hier das Fäßchen, in welches Ihr mir eine Probe von 
dem Bier gegeben, das der Fernemüller Eurem Vater gesandt, 
ist das Euer Siegel?" 
Hans Weiß besichtigte das Fäßchen, das Martin Geisler 
hervorgeholt hatte, genau, schließlich sagte er: „Ja." 
„Ist es unverletzt?" 
„Ja." 
„Und hier, Ihr Herren." fuhr Martin Geisler fort, „ist 
bei einem Bohrloch im Faß das Siegel der Universität Leipzig, 
in der andere Doktoren und Gelehrte sitzen als unser Stadt 
medikus, ganz und unverletzt. Hier das Gutachten der medi 
zinischen Fakultät!"
        
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