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Periodical volume 8. Oktober 1892, No. 2.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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So Bunt und vielgestaltig wie das Berliner Straßenbild 
ist, zeigt sich also auch die Wohnung der Berliner oberen 
Zehntausend, nur mit dem Unterschied, daß letztere in ihrem 
Wechsel von Stilformen nicht ganz unberechtigt ist. Sehen 
wir uns nun ans der Ausstellung um, so finden wir noch 
neben diesen, sich an geschichtliche Stile anlehnenden Arbeiten, 
solche, die sich als etwas Neues in dem Ring der bisher be 
liebten Stilformen ausweisen. Das sind Möbel, deren 
charakteristische Eigenschaft sich durch das Wort „komfortable" 
bezeichnen läßt, die wie dieses Wort uns von den stamm 
verwandten Engländern überkommen ist. Die Vorliebe für 
diesen modern-englischen Stil scheint auf eine Geschmacks 
zimmer, in den eleganten Formen der französischen Früh 
renaissance ausgeführt, kann als bestes Beispiel für die Ver 
bindung von Wohnlichkeit, Eleganz und Schönheit gellen. An 
diesen Raum schließt sich das elwas höher gelegene und mit 
einer gefälligen Ballustrade nach vorn geschlossene Wohnzimmer, 
bei dessen Möbeln die italienische Renaissance in Anwendung 
gekommen ist. Dadurch ist erreicht, daß. ohne die Einheit des 
Ganzen zu zerstören, doch ein gewisser Wechsel das malerische 
Ensemble belebt. Ganz abweichend sind das Schlaf- und 
Wohnzimmer gestaltet. In den strammen, eleganten Formen 
der englischen Moderne spiegeln diese elsenbeinartig lackierten 
und reich vergoldeten Möbel so recht den Wirkungskreis einer 
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Dir Helgoländer der der Hordstparcrdc auf denr TenrpeU,osier Felde dei Derlirr. (S. 22.; 
Nach einer Momenlausnabmc von M. ZicSler in Berlin. 
änderiliig innerhalb des Berliner Kunstgewerbes hinzudeuten, 
die, wenn sie sich bewahrheitete, nur als ein Fortschritt auf 
der Bahn unseres kunstgewerblichen Strebens begrüßt werden 
kann. Vielleicht ist die Ausstellung in dieser Hinsicht iticht 
ohne Bedeutung für das Berliner Kunstleben. 
Gehen wir nun näher auf die Ausstellung ein, so fällt 
vor allem, wie schon eingangs gesagt, die allgemeine An 
wendung der Renaissance auf. die fast % des Terrains be 
herrscht. An der Spitze steht hier die Kunsttischlerei von 
E. R. Fahnkow, Wasserthorstraße 9. die ein kombiniertes 
Speise- und Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein Toiletten 
kabinett ausgestellt hat, alles als Teile der ländlichen Wohnung 
einer Schauspielerin gedacht. Selten hat wohl ein Gedanke 
einen künstlerisch so vollkommenen Ausdruck gefunden, wie der 
bben skizzierte mit diesen drei Wohngelassen. Das Speise 
vornehmen Dame wieder. Es ist so envas von Esprit- 
Stimmung, die über dem Ganzen lagert, oder, wenn ich so 
sagen darf, von Pompadour-Geist, der in dieser Behaglichkeit 
seinen Ausdruck findet. Besonders aber wird das in den 
duftigsten Rosatönen gehaltene Schlafzimmer wegen seiner 
wundervollen Harmonie der Farben, die Wand, Plafond. 
Teppich, Möbel und Stoffe mit zartem Schmelz überziehen, 
gelobt. Die Harmonie der Farben ist überhaupt einer der 
Vorzüge unserer Berliner Möbelindustrie; in dieser Beziehung 
sind jedenfalls in dem letzten Jahrzehnt die meisten Fortschritte 
gemacht. 
Mir will es immer scheinen, als ob Eichenholz das 
meiste Anrecht auf Renaissanceformen besitzt, wenigstens ist 
hier der Zusammenhang beider gewissermaßen geheiligt. Wenn 
es auch andere als stilgeschichtliche Gründe sind, die seine
        
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