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Periodical volume 28. Januar 1893, No. 18.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

Da es in den letzten Tagen geregnet hatte, waren die 
Wege ziemlich grundlos und der federlose Wagen machte oft 
ganz bedenkliche Schwankungen. 
„Zum Teufel, Bauer, fahrt langsamer!" rief eine Stimme 
aus dem Inneren des Wagens, „bei den schauderhaften 
Wegen geht mir noch der ganze neue Kutschwagen kapul!" 
„Sehr wohl, Herr!" antwortete der Bauer, indem er die 
Gangart der Pferde mäßigte, „aber Ihr verspracht mir doch 
ein gutes Biergeld, wenn ich Euch zur richtigen Zeit nach 
Landsberg bringe! Mir ist's schon recht, wenn ich meine 
armen Gäule schonen kann. Ist ohnehin eine stramme Leistung, 
die Fahrt von Küstrin nach Landsberg." 
„Sollt Ihr auch haben, seid unbesorgt, aber ich sehe, 
wir haben noch Zeit genug, wir brauchen uns also nicht zu 
übereilen. Ist ohnehin kein Vergnügen, eine Fahrt in so 
einem Kutschgestell, und wenn mir mein Reitpferd in Küstrin 
nicht krank geworden wäre, hätte ich mir auch nicht einen 
solchen Rumpelkasten gekauft, wenngleich die Dinger jetzt zum 
guten Ton gehören," brummte der Insasse des Wagens 
für sich. 
Inzwischen näherte sich der Wagen dem Kietz, einem 
Dutzend kleiner Fischerhütten, die auf einer alten Befestigung 
dicht an dem Ufer der Warthe lagen. Große auf Stangen 
zum Trocknen aufgespannte Fischernetze verrieten schon von 
weitem die Hauptthätigkeit ihrer Bewohner. Als man die 
Hütten passiert und sich dem Kirchhof näherte, der die 
Johanniskapelle umgab, ließ der Insasse des Wagens halten, 
stieg aus und bedeutete dem Bauern, er solle mit seinem 
Wagen direkt nach dem Gehöft Martin Geislers, des kur 
fürstlichen Hofmeisters, dicht am Markt in der Schloßstraße 
fahren, dort ausspannen, seine Pferde in den Stall bringen 
und sie gut pflegen. Wollte man ihn am Thor anhalten, 
solle er nur erklären, der Wagen gehöre dem Hofmeister, der 
bald nachkäme, so würde man ihn schon passieren lasten. Auch 
ein reichliches Trinkgeld erhielt der Bauer, der schmunzelnd 
mit seinen müden Pferden davonfuhr. 
Martin Geisler — den unsere Leser schon längst erkannt 
haben werden — reckte zunächst alle Glieder, die ihm von 
dem langen Sitzen wie abgestorben waren. Dann schritt er 
tapfer zu. 
„Gott sei Dank," murmelte er im Weitergehen, „daß 
die Fahrt überstanden ist. Eine ganze Nacht in diesem 
Marterkasten von Wagen zuzubringen, ist für einen Mann in 
meinem Alter keine kleine Aufgabe. Aber es reut mich doch 
nicht, was ich wollte, habe ich erreicht. Ich hätte sonst in 
Küstrin mit meinem lahmen Gaul noch lange sitzen können, 
und wäre wahrhaftig schließlich doch noch hierher zu spät ge 
kommen, nachdem alles bisher so gut gegangen ist." 
Es war ein herrlicher Morgen. Die Sonne stand schon 
ziemlich hoch. Zu seiner Rechten wälzten sich in breitem 
Strom, die Niederung bedeckend, die vom Regen hoch an 
geschwollenen Fluten der Warthe, zur Linken zogen sich an 
den Abhängen grüne Rebengelände hinauf. 
AIs der Hofmeister bei einer Biegung des Weges, hinter 
den Scheunen einiger Vorstädter, die Turmknäufe des Mühlen- 
thores und die der Marienkirche emportauchen sah, da schlug 
sein Herz höher, ein eigenes, verschmitztes Lächeln überflog 
sein.Geficht. 
„Ja. blinket Ihr nur und glitzert in goldigem Schimmer!" 
rief er ihnen heiteren Antlitzes zu. „Wer nur den Kirchturm 
als seinen Gesichtskreis betrachtet, dem thut ein erleuchtender 
Blick von oben her Not! Und Euerem Rat wird heute ein 
Licht aufgehen, ein Licht!" — 
Er vollendete den Satz nicht, nur ein Schnalzen der 
Finger verriet, mit wie frohen Hoffnungen er die Stadt wieder 
betrat. Unwillkürlich beschleunigte er seinen Gang. 
Am Thor, besten Brückenaufzug herabgelassen war, 
herrschte heute Ruhe und Stille. Heute war kein Markttag, 
da war der Verkehr gering und für die Thorschreiber, die an 
fremde Durchreisende, Händler und Kaufleute die blechernen 
Steuermarken zu verteilen hatten, welche diese dann bei den 
Marklmeistern im Ralhause abgeben und dort den Zoll er 
legen mußten, gab es heute wenig zu thun. Drei oder vier 
Schützen hatten sich's auf der steinernen Bank vor der Thür 
des Wachlhauses bequem gemacht, und der Thorschreiber, der 
aus seinem Häuschen mit hinzugetreten war, plauderte mit 
ihnen. 
„Ei, ei, Herr Hofmeister, seid ja jetzt gar vornehm ge- 
worden!" rief Franz Reetz, einer der Schützen, dem Hofmeister 
schon von weitem entgegen, nachdem er ihm seinen Gruß 
entboten. 
„Wie so bennV" fragte dieser, indem er den Gruß er 
widernd, näher schritt. 
„Nun, der Bauer sagte doch, der vornehme Kutschwagen 
gehöre Euch." 
„Ja, allerdings, habe ihn mir in Küstrin gekauft." 
„In Küstrin? Den hättet Ihr doch hier auch haben 
können." 
„Glaube ich wohl. Aber, was will man machen, wenn 
das Reitpferd lahm wird, und man schnell fort will?" 
„Man mietet sich eben ein anderes. Ihr habt doch am 
markgräflichen Hofe Freunde genug." 
„Gewiß, aber Freund, ich bin alt. eine ganze Nacht zu . 
Pferde zuzubringen, das vertragen meine Knochen nicht mehr." 
„Dann müßt Ihr aber lange weg gewesen sein," sagte 
nun Bartel Senckler, ein anderer Schütze. 
„So an acht Tagen mögen's gewesen sein." 
„Dann wißt Ihr auch garnicht, was hier inzwischen 
passiert ist, daß wir sie haben?" 
„Wen?" fragte Martin Geisler, indem seine Stimme ein • 
wenig zitterte. Er ahnte oder hoffte wenigstens, daß der 
Name des Fernemüllers ihm entgegeniönen würde, und doch 
zitterte er. den Namen des Mannes zu hören, mit dessen 
Schicksal er sich die ganze Zeit über beschäftigt hatte, und in 
dessen Interesse er gewirkt hatte. 
Als sein Diener in jener Schreckensnacht, wo der Aufent 
halt des Fernemüllers und dessen Familie entdeckt wurde, 
davonjagte, hatte er ihm eingeschärft, falls er sie nicht mehr 
warnen könne, sich von Garz sofort nach Küstrin zu begeben 
und ihm dort Bericht zu erstatten; er selbst hatte sich ebenfalls 
dorthin am anderen Morgen aufgemacht. Wie er es be 
fürchtet. war es eingetroffen; die Boten des Rates waren 
seinem Diener zuvorgekommen. Aber die Möglichkeit war 
immer noch gegeben, daß die Auslieferungsförmlichkeiten sich 
schneller abwickelten, als er es erwartet, und daß man ihni 
bereits den Prozeß gemacht hatte.
        
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