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Periodical volume 21. Januar 1893, No. 17.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Gemeinden in Flatow und Umgegend damals DiaSpora-Gemeinden waren, 
fand man eS nicht bedenklich, die Kinder bei dem nächsten katholischen 
Pfarrer taufen zu lassen; auch von dem damaligen Rittmeister v. Blücher 
wissen wir, daß er zwei seiner Kinder katholisch taufen ließ. Während 
feines Aufenthaltes in Gresonse starben Blücher zwei Kinder, welche aus 
dem evangelischen Kirchhofe der Dorfes begraben liegen. Um das An 
denken deS in Deutschland, insbesondere um Preußen hochverdienten Feld- 
marschalls zu ehren, hat im Jahre 1863 Prinz Karl, als damaliger Be 
sitzer der Herrschaft Flatow, neben den Gräbern der beiden Blücherschen 
Kinder ein Denkmal in der Form eines Kreuzes mit breitem Postament 
errichten lassen. Sowohl das Postament als auch das Kreuz sind von 
Marmor. Auf einer Seite stehen auf dem Postament die Worte: 
Oer verewigte Feldmarschall 
Fürst lieberecht Blücher von Wahlstadt 
befand sich in den Jahren 1774 bis 178) 
als Rittmeister a. O. im Pachtbesitz der 
Vorwerke Gresonse und Stewnitz 
Aus der anderen Seite liest man die Inschrift: 
Hier ruhen zwei Kinder 
des Feldmarschalls 
Fürsten Blücher von Wahlstadt: 
Ernst Friedrich August, 
geh. 30. April 1774 
und 
Bernhard Franz Joachim, 
geb. 10 Februar 1778. 
Dem Andenken ihres heldenmütigen Vaters 
errichtete dies Denkmal zum 17. März 1863 
Carl, Prinz von Preussen. 
Leider befindet sich das hölzerne Gitter, welches die Gräber und 
das Denkmal umschließt, in Verfall und aus dem Marmor grünt Moos. 
Dem Vernehmen nach soll die hölzerne Umfriedung durch eine eiserne er 
setzt werden. — Im Jahre 1780 zog Blücher nach Pommern, wo er sich 
ein eigenes Landgut lauste. — Die Güter der Herrschaft Flatow-Gresonse 
gehören gegenwärtig dem Prinzen Friedrich Leopold; im 17. Jahrhundert 
befanden sie sich im Besitze derer von GrudzinSki, Woiwoden v. Kalisch, 
im 16. Jahrhundert im Besitze der Grafen DzialinSki. Seit 1788 war 
der Kriegs- und Domänenrat v. Fahrenheid Grundherr von Flatow, im 
Jahre 1798 kaufte der Ritterschaftsrat v. Gerhardt die Herrschaft. Im 
Jahre 1820 kamen die Flatower Güter in den Besitz deS Königs Friedrich 
Wilhelm III., welcher auch am S. September 1826 die Stadt Flatow in 
Begleitung der Prinzen Wilhelm und Albrecht besuchte. Der König 
schenkte diese Besitzungen seinem Sohne, dem Prinzen Karl, von dem sie 
Prinz Friedrich Karl, und von diesen, Prinz Friedrich Leopold erbte. Die 
Leute von Flatow und Umgegend sind stolz auf ihre Grundherren und 
hängen mit größter Liebe an den Hohenzollern, den Patronen ihrer Kirchen 
und Schulen. Diesen Patriotismus haben sie auch dadurch bewiesen, daß 
sie ein herrliches Krieger- und ein prächtiges Kaiser Wilhelm-Denkmal er 
richtet haben. G. 
Die sogenannte gjciditkageUe bet St. Hedwig, 
eine an die Südostseite der hiesigen St. Hedwigskirche angebaute, kleinere 
Rotunde, welche zugleich die Stelle der Glockenhauses vertritt, hat im ver- 
wichenen Sommer und Herbst eine vollständige und so durchgreifende 
Renovation erfahren, daß es wohl die Leser deS „Bär" interessieren dürfte, 
hierüber einiges zu erfahren, umsomehr, als zugleich Gelegenheit gegeben 
ist, diesen Teil deS in neuester Zeit so prächtig ausgestatteten Gotteshauses 
täglich zu jeder beliebigen Stunde besichtigen zu können. Die Kapelle, 
deren Eingang vom St. Hedwigs-Pfarrhause aus durch eine doppelte Frei 
treppe vermittelt wird, ist täglich von früh 6 bis abends 6 Uhr dem freien 
Besuche geöffnet, eine Einrichtung, die nur dankbar anerkannt werden muß. 
Dies vorausgeschickt, bitte ich den fteundlichen Leser, mir nunmehr durch 
die einfache Doppelthür in das Innere des kleinen, aber unwillkürlich zur 
Andacht stimmenden Raumes zu folgen. Früher, und zwar seit Erbauung 
der Kirche, in einfacher grau-schwarzer Bemalung gehalten, strahlt jetzt die 
Kapelle.in freundlichen, lichten Farben, von denen ein tiefeS Himmelblau 
vorherrschend ist. Die Säulen, auf denen die ebenfalls ausgemalte Kuppel 
ruht, die Wandflächen, die Nischen, alles ist in dem Baustil angemessener 
Weise farbig dekoriert, ohne Ueberladung, kein Zuviel, kein Zuwenig, und 
dazwischen streben prächtige, flache Säulen von dunkelrotem Kunstmarmor 
zum Kuppelsims empor, ruhend auf Sockeln von schwarzem Kunstmarmor. 
In den auf himmelblauem Grunde erscheinenden Malereien, teils Arabesken, 
teils kirchliche Symbole, sind überaus schön behandelte Heiligenfiguren, 
und zwar die 14 hl. Nothelfer, in länglicher Umrahmung an die Wand 
gemalt, der Heiligenschein in echter Vergoldung gehalten; darunter befindet 
sich der Name deS betreffenden Heiligen. An der dem Hochaltar der 
Hauptkirche bezw. Sakristei zugekehrten Wand befindet sich ein der trauernden 
Gottesmutter geweihter Altar mit schönen Tabernakel, daS alS Bekrönung 
eine in polichroniertem Holz ausgeführte sogenannte Pieta trägt: Maria 
hält den vom Kreuze abgenommenen Leichnam ihres göttlichen Sohnes im 
Schoße. Die durchaus edel und ohne abschreckende Beimischung gehaltenen 
Figuren sind fast lebensgroß, dahinter befindet sich das einfache, feines 
Opfers entledigte Kreuz. Vom Zenith der Kuppel herab hängt eine „Ewige 
Lampe", darunter befindet sich ein auf Marmorstufen gestellter, in Marmor 
und Bronce ausgeführter, kostbarer Taufstein, dessen Deckel mit der Bronce- 
figur des hl. Johannes Baptistä gekrönt ist. Früher stand hier ein sehr 
einfaches, eher an eine antike Opferschale erinnerndes Taufbecken, das 
eigentlich jedes kirchlichen Charakters entbehrte, weshalb der damalige Propst, 
jetzige Herr Armeebischof Dr. Aßmann, dem die Kirche so viel schönen 
Schmuck verdankt, diesen prächtigen Taufbrunnen beschaffte. In den durch 
die Säulenpfeiler gebildeten Nischen befinden sich die Beichtstühle; neben 
den Beichtstuhl des Propstes ist das Movell eines ergreifenden Werkes von 
Achtermann, eine Eece-horneo-Büste, aufgestellt. An den freien Pfeiler 
flächen sind die 14 Stationen des Kreuzweges in vergoldeten Rahmen an 
gebracht; dieselben waren früher in der Kirche selbst, störten dort den 
architektonischen Eindruck, und dies ist leider auch hier der Fall. Ueber 
der Kuppel, im Dachstuhl als Zwischengeschoß eingebaut, ist eine Geräte- 
Kammer, im Dachstuhl selbst hängen die beiden Glocken der Kirche, die 
eine der hl. Hedwig, die andere der hl. Maria geweiht. Seit Anfang 
November v. I. ist die Kapelle, nach vollendeter Renovation, wieder dem 
Besuch geöffnet, einige alte, wertvolle Gemälde harren noch der Renovierung 
durch kundige Hand und sind vorläufig nicht wieder ausgehänat worden. 
E. K. 
Büchertisch. 
Jimratta. Sozialer Roman aus der Gegenwart. Von Hans Blum. 
Zwei Bände. Berlin 1892. Verlag von Gebrüder Paetel. Preis 
12 Mk. 
Wenn man von Chur nach Tusis fährt, so hat man bald hinter 
Reichenau zur Seite die malerischen Ruinen von RäzünS und Jnvatta, 
beides rälomananische oder landinische Namen lim Engadin gesprochener 
Dialekt), von denen der letztere beveulet: Freue dich des Hohen, des Er 
habenen; Professor' Anderegg hat ihn einem von ihm angenommenen 
Mädchen gegeben. Dies zur Erklärung des rätselhaften Titels des vor 
liegenden RomanS, der so recht aus dem vollen Menschenleben der durch 
allerlei Gegensätze vielfach zerklüfteten Gegenwart herausgegriffen ist und 
unS in seiner ungemein spannenden, teilweise freilich etwas unwahrschein 
lichen, Handlung mit den sozialen und politischen Gegensätzen der Zeit 
(1869) bekannt macht. Mit ungewöhnlich technischem Gelchick hat der Ver 
fasser alles, was die Zeitgeschichte an bezüglichem Stoff bietet, zu ver 
wenden gewußt, und dadurch einen sozialen Roman aus der Gegenwart 
und für die Gegenwart geschaffen, wie uns kein anderer bekannt ist. Wir 
hätten allerdings gewünscht, daß die Auseinandersetzungen über Sozial 
demokratie, den Pessimismus und den Naturalismus etwas kürzer und 
weniger lebhaft ausgefallen wären. Der Roman verfolgt die edelsten 
Tendenzen, „Du hast erkannt", so werden dieselben schließlich gewissermaßen 
zusammengefaßt in einer Anrede an den von seinen pessimistischen An 
schauungen und seinem tiefen Haß gegen Deutschland bekehrten Willy- 
Hannibal, „daß die Liebe die edelste und mächtigste Triebkraft und Blüte 
bildet der idealen Herrlichkeit der Menschennatur". Von ihr singen nicht 
bloß der Dichter, von ihr erzählt nicht bloß die Weltgeschichte; täglich 
offenbart sie sich vor unseren Augen in Familie und Beruf, in Amt und 
Bürgertum, am Krankenbette unter Not und Sorge, wie im Sonnenschein 
der Freude, als eine rein ideale Herrlichkeit, deren Lebenselement das werk- 
thätige Pflichtgefühl bildet, die sich äußert in opferfreudiger Hingebung, 
natürlicher HerzenSgüte, in hohem- Enthusiasmus, in unwandelbarer Treue. 
Auf diese idealen Mächte im Menschenherzen vertraut in entscheidungSooller 
Stunde unwillkürlich auch der materialistische Denker, weil er sie in sich 
selbst verspürt. Mag dem Materialisten immerhin der Mensch nur ein 
physikalisch-chemischer Mechanismus fein, im Leben ist ihm die Menschen 
natur dennoch eine ideale Größe. Er rechnet mit ihr als einer wirklichen 
lebenSregen Kraft, und mit unwilligem Erstaunen wendet er sich ab, wenn 
er hier anklopft und kein Lebenszeichen, kein Entgegenkommen wahrnimmt 
Groß ist unser Jahrhundert durch seine Entdeckungen und Erfindungen, 
durch die ungeheuere Erleichterung allen Verkehrs, durch die Befreiung uno 
das Selbstgefühl der Völker — aber größer durch die Werke der Lieb.-, 
welche es vollbracht und eingeleitet har: durch die Ideen der Humanität 
und Gewissensfreiheit, die Aufhebung der Sklaverei, die geordnete Armen- 
und Gefangenenpflege, die unverbrüchlichen völkerrechtlichen Satzungen 
menschlicher Kriegführung — und vor allem durch seine Fürsorge für die 
schwächeren unteren Klassen deS Volkes. Hier zeichnet die Liebe der Zu 
kunft die Bahn vor zur Lösung der letzten, größten Frage der Gegenwart 
und aller vergangenen Zeiten. Wir werden die Lösung nicht mehr erleben, 
aber darum soll unS mit Nichten der Mut und die Freude an dem großen 
Werke entsinken, die Menschheit ihrer Vollendung.näher zu bringen durch 
daS Wort des neuen Bundes: Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst 1 
Denn kein Jahrhundert kann den großen Bau der Menschheit vollenden, 
nur neue, dauernd wertvolle Bausteine kann eS einfügen. K. H. 
Anhalt: Verrat und Treue. Historischer Roman aus der Zeit 
des 7jährigen Krieges. Von E. H. von Dedenroih (Fortsetzung); Mönch 
Hermann von Lehnin. Ein märkischer Sang von M. v. Buch 
(Schluß); Der Fernemüller und sein Weib. Ein Stück märkischer 
Geschichte. Bon Rudolf Eckert (Fortsetzung); Friedrich der Große 
als dramische Person aus der Bühne des The'ätre fran^ais. 
Von Dr. Gustav Albrecht (Schluß). — Kleine Mitteilungen: Bei 
RahnSdorf (mit Abbildung). Prinz Friedrich Karl. Fürst Blücher int 
Kreise Flatow. Die sogenannte Beichtkapelle bei St. Hedwig. — Bücher 
tisch. — Anzeigen. 
Für die Redaktion verantwortlich: Richard George in Berlin Fl. 4, Chausseestr. 2d. — Abdruck ohne eingeholte Erlaubnis ist untersagt. 
Verlag: Fr. Zillessen, Berlin X., Schönhauser Allee 141. — Druck: Buchdruckerei Gutenberg, Berlin N., Schönhauser Allee 141a.
        
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