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Periodical volume 21. Januar 1893, No. 17.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Erstaunt fuhr der Offizier einige Schritte zurück, er glaubte 
einen Verrückten vor sich zu haben, aber er sollte noch mehr 
in Erstaunen geraten, denn in diesem Augenblicke öffnete der 
Bediente Fleurys in reicher Livree die Thür und rief mit 
gewaltiger Stimme: Der König! — 
Auf der Schwelle erschien der Schauspieler in dem Kostüm 
Friedrichs des Großen, als wollte er auf die Bühne treten. 
Sein langsamer, gemessener Gang, der auf die linke Schulter 
gebeugte Kopf, das etwas schwankende Knie, der in die Höhe 
gezogene eine Mundwinkel, sein glänzendes Auge, da? mit 
Blitzesschnelle die Gegenstände im Zimmer musterte und sich 
dann gutmütig lächelnd auf die Anwesenden richtete — das 
alles war von so außerordentlicher Wirkung, daß Saint Fal 
sprachlos vor Erstaunen in einen Lehnsessel zurücksank. Fleury 
führte hierauf mit dem Chevalier vor dem starr dasitzenden 
Offizier eine bekannte Scene auf, welche in Betreff der englischen 
Subsidien zwischen Friedrich und dem englischen Gesandten 
stattgefunden hatte, der Beifall des preußischen Offiziers 
kannte keine Grenzen. 
Zufrieden mit diesem Erfolge beschleunigte Fleury nun 
die Proben und die Aufführung. Am 27. März 1789, dem 
Tage der ersten Aufführung strömte das Publikum zahlreich 
ins Theater. Unser Schauspieler war nicht ohne Besorgnis, 
so sicher er sich auch fühlte, denn er sollte vor höchst achtbaren 
Zuschauern spielen, von denen einige, so Mirabeau, Friedrich 
ziemlich genau gekannt hatten. Außerdem waren der Prinz 
Heinrich und zahlreiche preußische Offiziere anwesend, welche 
als gestrenge Richter über die Wahrheit und Treue der Dar 
stellung betrachtet werden mußten. 
Fleury trat auf. Langsam aus dem Hintergründe her 
vorwandelnd musterte er die Haltung der auf der Bühne 
aufgestellten Schildwachen, warf der einen ein Lächeln zu, um 
sie zu belohnen, und wandte sich mit einem mißvergnügten 
Achselzucken von der andern ab seinem Zelte zu. Bisher war 
es im Theater lautlos still gewesen, nun aber brach ein Bei 
fallssturm sondergleichen los, welcher andauerte, bis Fleury 
sich umwandte, um zu sprechen. Die Darstellung gelang ihm 
über Erwarten gut, und der Erfolg ließ nichts zu wünschen 
übrig. Fleury wurde über alle Maßen gefeiert, beklatscht beim 
Kommen und beim Abgang, die Bravorufe betäubten ihn fast. 
Den schönsten Triumph errang unser Schauspieler aber dadurch, 
daß er den Prinzen Heinrich durch sein Spiel so sehr rührte, 
daß dieser im Andenken an seinen geliebten Bruder Thränen 
vergoß. 
Das Stück gefiel außerordentlich; es wurde kurz hinter 
einander dreißig Mal anfgefiihrt, und hielt sich als eins der 
Lieblingsstücke des Pariser Publikums bis in das erste 
Dezennium des 19. Jahrhunderts auf der Bühne des RllsLbrs 
lranoam. Die geplante Absicht war somit durch die Vor 
führung dieses Lustspiels vollkommen erreicht: Friedrichs II. 
Name wurde fortan auch in Paris gefeiert. 
Einige Gesänge aus dem Lustspiel, welche den Beifall 
des Prinzen Heinrich erhalten hatten, fanden Aufnahme beim 
Volke und wurden zu Ehren des Prinzen häufig gesungen. 
Fleury, der am meisten zum Erfolge beigetragen hatte, wurde 
in allen Kreisen der Gesellschaft gefeiert; vom Prinzen Heinrich 
erhielt er eine kostbare Tabatisre mit dem Bildnis Friedrichs 
des Großen. 
Obgleich die Verehrung und Schwärmerei für Friedrich 
sich nicht lange hielt, da die leichtlebigen Pariser dieselbe wohl 
nur als eine Modesache betrachteten, so muß es uns Deutsche 
doch sympathisch berühren, daß ein französischer Schauspieler es 
versucht hat, sich in den Geist unseres „alten Fritz" hinein 
zuversetzen und letzteren seinen Mitbürgern in möglichst ähn 
licher Gestalt als Helden und Philosophen vorzuführen. 
Kleine Mitteilungen. 
Ser (Zu dem Bilde auf S. 197). ES ist ein 
heller Sommernachmittag, einer jener Nachmittage, an denen nach dem ge 
fallenen Regen ein erfrischender Odem durch die Natur zieht. Schon fallen 
die Strahlen der Sonne schräg über die vollen Schleier hinweg, die die 
übermütigen Winde am Himmel entlang jagen, und in breiten Garben 
senken sich die goldenen Fäden hinab in das kühlende Naß. Dann huschen 
neue Wolken eilends vorüber, ballen sich zu wunderlichen Gebilden zu 
sammen und lösen sich wieder aus, und hinter diesem neckischen Spiel der 
sich formenden Dunstkreise steht die Schöpferin dieses Lichtzaubers, bald 
zitternde, goldig-sckauernde Pseile schießend, bald gravitätisch mit leuchtendem 
Antlitz in dieses Natur-Stillleben blickend. Ein Duft wie von blühenden 
Wiesen zieht über den Boden und leise gurgeln und plätschern die Wasier 
an den faulenden Stämmen des Floßholzes, an den knisternden, schau 
kelnden Binsen und an dem Wurzelgeäst breitstämmiger Uferbuchen, die 
geheimnisvoll flüstern von Sehnen, von Hoffen, von Ruhe, Die blitzenden 
Kämme wiegen sich auf dem Wasier, das sich glättet und kräuselt ohne 
Rast und Ruh und. in leisen Akkorden hinunterrieseli in das große, silberne 
Becken des Müggelsees, und Wind und Wolken ziehen darüber hin, und 
Baum und Busch neigen ihre Häupter, und dann hebIS sich empor — ein 
keusches, endloses Wiegen in Sommermelodien: sie erzählen von der ver 
zauberten Prinzessin von dem Müggelschlosie, von dem Hoffen und Sehnen 
alter Wendenkönige und von dem Raffe Triglaffs. — 
Eine Wildente, die in dem Rohr ihr verborgenes Nest hat, hebt sich 
flüchtend aus dem spröden Röhricht empor. Mit mächtigem Flügelschlage 
eilt sie, vom Schritt deS Jägers cmporgescheucht, hinein in das wallende, 
webende Licht. Glück aus! Diesmal entrann sie dem Unbarmherzigen. 
Wie lange noch? Bald wird auch hierher die Millionenstadt ihre Fang 
krallen ausstrecken — dann ade Wasier- und Waldfrieden, dann ade, Stille 
der Einsamkeit. Dann wird eine neue Poesie, die eines anderen Jahr 
hunderts hier ihre Stätte finden, und andere Menschen werden sagen, wie 
er war und wie er ward. R. M. 
Ukrrnz Friedrich Karl hatte im Frühjahr im Elster- 
werder Forstrevier auf Auerhahn gepirscht. Als er in der graugrünen 
Uniform des Forstbeamten auf dem Perron in BuxSorf den Zug erwartete, 
welcher ihm wieder entführen sollte, trat ein untersetztes Männchen zu ihm 
heran und frug, indem er auf die auf dem Perron liegende Jagdbeute 
zeigte: „Herr Förster, waS sind denn daS für Vögel?" „ES sind Auer- 
hähne!" entgegnete der Prinz. Während der Fremde die Vögel eingehend 
besichtigte, juhr der Prinz fort: „Wer sind Sie, und wo sind Sie her?' 
„Ich bin der Bauer Hänse! aus Coßdorf." „Wo liegt Caßdorf?" „Kennen 
Sie das Nest nicht?" „Nein, es ist mir nicht bekannt." H. machte ein 
verwundertes Gesicht und meinte: „Na, 'S liegt ja blos ein Stündchen 
von hier." Der Perron war ziemlich belebt; es gingen hin und wieder 
Leuts am Prinzen vorüber, welche denselben mit devoter Verbeugung be 
grüßten. Dies entging den Augen des H. nicht und er titulierte den 
Prinzen deshalb in der Fortsetzung deS Gespräches „Herr Obersörster." 
Nach einiger Zeit näherte sich dem Prinzen der BahnhofS-Jnspektor und 
unterbrach das Gespräch. AIS dem H. endlich klar wurde, daß er einen 
Prinzen vor sich hatte, erfaßte ihn die Angst und im Sturmschritt eilte er 
von dannen. Mit herzhaftem Lachen sah der Prinz dem Flüchtling nach. 
Fürst Slüchor im Kreise Flatorr. In den Jahren 
von 1740 bis 1780 ist der Feldmarschall Blücher Einwohner des Kreises 
Flatow in Westpreußen gewesen. Im Jahre 1772 besaßen die Herrschaft 
Flatow-Krojanke die Grafen v. Dzialynski. Der ehemalige sächsische Obrist 
v. Mehling, welcher mit August II. nach Polen gekommen war und sich 
mit einer v. BojanowSki verheiratet hatte, war General-Bemächtigtcr der 
Familie Dzialynski, später Generalpächter der Flatower Güter und wohnte 
in dem Schlosse zu Pottlitz bei Flatow. Hier lernte Blücher unmittelbar 
nach seiner Entlastung als Rittmeister die Tochter des Herrn v. Mehling 
kennen, heiratete sie im Jahre 1773 und nahm von seinem Schwiegervater 
die Vorwerke Gresonse und Stewnitz in Asterpacht. Da die evangelischen
        
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