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Periodical volume 21. Januar 1893, No. 17.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Friedrich der Große als dramatische Person 
auf der Kühne des Ikeati-e frangais. 
Von Df. Gustav gUtrredjt. 
(Schluß.) 
Man sieht, eine wie eingehende Kenntnis der theatralischen 
Wirkungen Fleury besaß, und ein wie sorgsames Studium er 
seiner Rolle widmete. Trotz aller Bemühungen war es ihm 
aber, nachdem die Proben bereits begonnen hatten, immer 
noch nicht gelungen, eine einigermaßen ähnliche Maske 
Friedrichs II. auf seinem Gesicht herzustellen. Zwar meint 
er selbst, ein Maler hätte ihm sicher eine große Hilfe hierin 
leisten können, aber er wollte niemand ins Vertrauen ziehen, 
damit die Wirkung seiner Leistung eine umso nachhaltigere 
sein könnte, wenn er, ohne daß jemand vorher etwas davon 
wußte, in einer Friedrich äußerst ähnlichen Gestalt auf der 
Bühne erscheinen würde. 
„Ich quälte mich ab," berichtet er, „ein Mittel zu finden, 
das mich an mein Ziel brächte, als ein glücklicher Gedanke 
mich rettete; ich weiß nicht, ob er jedermann glücken würde, 
aber ich gebe ihn so, wie er bei mir anschlug. Ich stieß 
einmal mit einem Freunde auf eine jener Gemäldeausstellungen 
unter freiem Himmel. Bei den Bildern, die mich nicht 
interessierten ging ich schnell vorüber und blieb nur vor denen 
stehen, die mir gefielen. Ueber eine halbe Stunde hatte ich 
das gethan, als ich bemerkte, daß eine Menge Leute mir 
folgten und sich um mich drängten; ich meinte, man habe 
mich als ein Mitglied des französischen Theaters erkannt und 
zog meinen Freund mit fort. Dieser erzählte mir, daß ich 
selbst Schuld daran sei, denn bei jedem Bilde hätten meine 
Züge sprechend Vergnügen oder Mißbilligung ausgedrückt; 
vor einem heroischen Gegenstand hätte ich stolz den Kopf er 
hoben. bei einem melancholischen dagegen ihn gesenkt; wenn 
ich einen Menschen im Zorn erblickte, hatte mein Auge ge 
glänzt, wenn einen gedemütigten, hätte ich die Achseln gezuckt. 
Ich wäre also gleichsam der Spiegel von allem gewesen, was 
Eindruck auf mich machte. Ich wurde von dieser Erzählung 
betroffen, dachte darüber nach und bestärkte mich in der Idee, 
wie sehr unsere Züge sich mit einem uns ergreifenden Gegen 
stände in Harmonie setzen und wie sehr man in der That 
der Spiegel von Dingen ist, die einen aufregen. Ich meinte 
daher, wenn ich mich in die Gemütsstimmung setzen könnte, 
welche bei Friedrich II. die herrschende sein mußte, würde es 
mir gelingen, meiner Physiognomie etwas von der des großen 
Mannes zu geben. Von Stunde an dachte ich daher an nichts 
als an Belagerungen und Schlachten, verhandelte mit meinen 
Generalen, kommandierte meine Schwadronen, ließ die 
Infanterie vorrücken, ließ die Reiter einhauen, die feindlichen 
Schlachtlinien durchbrechen, zog den Degen, sprach den Soldaten 
Mut ein und jauchzte mit ihnen über den Sieg." 
Trotz dieser vielfachen Bemühungen wollte die Aehnlichkeit 
immer noch nicht hervortreten. Fleury schnitt vorläufig noch 
die gewaltigsten Grimassen, wodurch er zum Teil die Harmonie 
seiner Gesichtsmalerei zerstörte, und war auf dem besten Wege 
sich gründlich lächerlich zu machen. Dennoch hielt er an seiner 
Jdee„fest, und das Bedürfnis sich zu begeistern trieb ihn ko 
weit, daß er die Flöte spielte — oder wie er selbst sagt, 
einem erbärmlichen, beschädigten Instrument die gräßlichsten 
Töne entlockte —, weil er wußte, daß das Flötenspiel Schuld 
gewesen war, daß Friedrich II. den Kopf etwas nach einer 
Seite hin trug. Schon hatte er den Entschluß gefaßt, die 
Rolle in der bisher eingeübten Weise fortzuführen und in 
dieser ihn zwar nicht befriedigenden, aber immerhin ähnlichen 
Gestalt vor das Publikum zu treten, als ihm eines Tages 
eine Erzählung aufstieß, welche ihm die Augen über den 
eigentlichen Charakter des Königs öffnete und ihn alsbald 
eine andere Methode beim Einstudieren der Rolle einschlagen ließ. 
Friedrich II. pflegte nämlich die Werke des Jean Baptiste 
Rousseau zu commentieren und hatte auch einen Teil seiner 
Oden umgearbeitet. Eine solche Ueberarbeitung der elften 
Ode Rousseaus. welche Friedrich am Vorabend der Schlacht 
bei Zorndorf (25. August 1758) niedergeschrieben hatte, gelangte 
durch die Abschrift eines Herrn von Katt in die Hände unseres 
Schauspielers. Lassen wir ihn selbst den Eindruck schildern, 
welchen diese philosophische Ruhe Friedrichs vor einer ent 
scheidenden Schlacht auf ihn machte. „Diese Kaltblütigkeit, 
diese Kunst der Selbstbeherrschung, diese Fähigkeit, Verse zu 
machen und mit Worten zu spielen, wenn man König ist und 
um seine Krone spielt, wenn man Feldherr ist und seinen 
Ruhm einsetzt, öffneten mir die Augen; ich sah, ich hatte 
studiert, als hätte ich einen Karl XII. darzustellen; ich sah, 
daß in Friedrich nichts Jugendliches, nichts Leidenschaftliches, 
nichts Gigantisches war, daß seine Physiognomie viel mehr den 
Ausdruck des Nachdenkens als irgend einer Gemütsbewegung 
gehabt haben mußte. Dieser König hatte aus dem Kriege 
eine Kunst und eine Wissenschaft gemacht, wozu weit mehr liefere 
Gedanken als verwegene Entschlüsse erforderlich sind, mehr 
Genie als Tapferkeit; er mußte eine Schlacht überdenken wie 
Montesquieu und Buffon ihre Bücher. Der beste Weg, 
Friedrichs Gesicht zu finden, konnte daher nur sein, ihn wie 
einen großen Mathematiker, einen geschickten Schauspieler auf 
zufassen und in sein Antlitz alles zu legen, was man in den 
Zügen von Menschen findet, die gewohnt sind, ihre. Gegner 
matt zu machen. — Als ich darüber im Reinen war, setzte 
ich wirklich ein Schachspiel auf meinen Tisch, und wiewohl ich 
in diesem gelehrten Spiel nichts weniger als ein Meister war, 
machte ich meine Grimassen, indem ich Pläne combinierte, 
und sah dann in den Spiegel — und Wunder! ich glich! ich 
glich vollkommen." 
Dieser Erfolg flößte unserm Schauspieler selbstverständlich 
das höchste Vertrauen ein, aber um ganz sicher zu gehen, 
wollte er die Wirkung seiner Copie vor seinem Auftreten. erst 
erproben. Er ließ deshalb Saint Fal, den obenerwähnten 
Begleiter des Prinzen Heinrich bitten, ihn eines Abends zu 
besuchen. Der Offizier erschien, man bat ihn, im Vorzimmer 
zu warten. Da Fleury etwas zögerte, wurde der Wartende 
ungeduldig und wollte fortgehen. Nun ließ Fleury seinen 
einzigen Vertrauten, den Chevalier Boufflers, im Kostüm des 
englischen Gesandten in das Zimmer treten. Saint Fal 
kannte ihn nicht. 
„Sie warten, mein Herr?" sagte Boufflers beim 
Eintreten. — 
„„Ja. Herr, und mit großer Ungeduld."" — 
„Sie wissen, entgegnen Boufflers, unsere Pflicht ist, 
zu warten." — 
„„Unsere Pflicht? Wer sind Sie denn, mein Herr?"" — 
„Der englische Gesandte."
        
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