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Periodical volume 21. Januar 1893, No. 17.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Mann hat seine Karriere als Hoflakai begonnen und nie in 
seinem Leben richtig schreiben gelernt, aber er starb als 
Minister. Jetzt, heißt es, Brühl will den Hofrat v. Globig 
zum Oberkonsistorial - Präsidenten ernennen, um auch den 
protestantischen Klerus sich unterthänig zu machen. Ja," 
murmelte der Oberst, tief aufseufzend, „Graf Brühl bestiehlt 
sogar die Witwen und Waisen, um Geld zu schaffen, er legt 
Steuerscheine an die Stelle geraubter Mündelgelder in die 
Kassen, oberes wird anders werden, es muß anders werden!"*) 
Das Gespräch ward unterbrochen. Der Kabinettskanzlist 
Mentzel, ein langer hagerer, glattrasierter Mann, dessen Auf 
treten eine gewisse Selbstgefälligkeit zeigte, trat in das Zimmer. 
Er sah aus, als bringe er böse Nachrichten, aber er stutzte, 
als er den Obersten nicht allein fand. 
„Was bringst Du?" fragte Miltiz seinen Verwandten; 
„der Herr," damit deutete er auf Brenkenhof, „ist mein Freund, 
er kann es hören." 
Mentzel zögerte einen Augenblick, aber das Herz war 
ihm zu voll, es strömte über. „Du bist verloren, armer 
Vetter," sagte er mit bebender Stimme, „mache Dich auf das 
schlimmste gefaßt." 
Das Antlitz des Obersten ward bleich, aber noch zweifelte 
er an der Wahrheit dieser Worte. „Stünde es schlecht," 
sagte er, „so würdest Du mir das nicht berichten, dann stände 
die Wache hier, mich zu holen. Was kannst Du wissen?" 
„Ich weiß nur, daß heute in aller Frühe der Befehl an 
die Kanzlei gekommen ist, an die Offiziere aller Regimenter 
den rückständigen Sold in Steuerscheinen, den des laufenden 
Monats aber bar auszuzahlen. Die Quittungen der Offiziere 
sollen sofort an den Generalkriegszahlmeister gehen und dieser 
ein eidliches Attest an den Grafen Brühl senden, daß die 
Offiziere nichts mehr zu fordern haben. Verstehst Du, was 
das bedeutet?" 
Der alte Oberst zitterte an allen Gliedern vor Erregung. 
„Daß ein Schurke mich zum Lügner machen will," knirschte 
er, „aber es giebt noch einen Gott im Himmel, der wird den 
Bubenstreich nicht gelingen lassen. Hören Sie, Brenkenhof, 
setzt habe ich kein Geheimnis mehr. Der Graf Brühl be 
stiehlt auch die Armee, 30 000 Mann stehen auf dem Papiere,' 
17 000 Mann sind jedoch höchstens da, aber freilich dabei 
168 Generale und Obersten. Sie können sich denken, daß die 
Mehrzahl dieser Generale und Obersten nur dazu da ist, um 
Brühls Befehle auszuführen. Es läßt sich daher nicht nach 
weisen, daß fast die halbe Sollstärke fehlt, aber eines dachte 
ich, könne alle Schlauheit Brühls nicht vertuschen, den Um 
stand nämlich, daß man allen Offizieren der Armee seit acht 
undzwanzig Monaten den Sold schuldig geblieben ist. Wenn 
das der Kurfürst hört, dachte ich. werde er endlich erfahren, 
*) Auf Grund einer kurfürstlichen Verordnung, die Brühl durch 
gesetzt, waren alle unbeweglichen Güter, die für Waisen verwaltet wurden, 
verkauft, und der Erlös war an dle Steuerkaffe abgeliefert worden. 
Dasselbe geschah mit allen gerichtlich niedergelegten Mündelgeldern. Die 
Steuerscheine, die als Ersatz dafür gegeben wurden, hatten nur % 2ükrt 
und sanken infolge der schlechten Finanzverwaltung Brühls noch immer 
tiefer. Man vergl. Leben und Charakter des Premier-Ministers Grafen 
v. Brühl in vertraulichen Briefen entworfen 1760. Bd. 1151. Il33. ff. 
Dieses Werk, wahrscheinlich von einem Herrn v. Justi verfaßt, übt eine 
schonungslose, vernichtende Kritik des Brühlschen Regimentssystems. 
Nicht in gleichem Maße von Bedeutung find: Leben und Charakter der 
Gräfin Brühl 1763 und zuverlässige Lebensbeschreibung des Ministers 
Heinrich von Brühl, Frankfurt und Leipzig 1766. 
was Brühl wagt und wie es im Lande aussieht; ich fürchtete 
nur eins, daß meine Supplik nicht in die Hände des Königs- 
Kurfürsten käme, daß die Spione Brühls sie auffingen und 
unterschlügen; dann war ich vorbereitet, in die Kasematten des 
Königsteins zu wandern. Aber ich habe mich doch verrechnet. 
Der König muß meine Supplik erhalten und den Grafen noch 
gestern Abend zur Rede gestellt haben, denn Sie hören. Brühl 
bezahlt. Er bezahlt, und dann bin ich ein Lügner. Was 
sagen Sie dazu?" 
„Die Sache klingt unglaublich; es wird doch leicht sein, 
dem Könige zu enthüllen, wie Graf Brühl sich geholfen hat." 
Der Oberst lachte bitter auf. „Bis zum Könige dringt 
niemand," ries er, „den haben die Kreaturen Brühls mit drei 
fachen Schutzmauern umgeben, damit er den Notschrei des 
Volkes nicht hört, und jetzt werden die Spione doppelt vor 
sichtig sein, da es mir doch gelungen ist, eine Supplik in die 
Hände des Köuigs zu bringen." 
„Mir ist das unverständlich," sagte Brenkenhof, den Kopf 
schültelnd. „Es kann dem Könige doch nicht entgehen, welche 
Summen Brühl verpraßt, er muß jetzt Verdacht schöpfen, wenn 
es noch nicht geschehen."*) 
Mentzel kam dem Obersten mit der Antwort zuvor. „Es 
mag sein," erwiderte er, „daß Seine Majestät groben Betrug, 
wenn er enthüllt wird, nicht ungestraft lassen wird, aber diese 
Enthüllung wäre dem Könige schwerlich angenehm. Wenn 
Seine Majestät fragen: „Brühl, habe ich Geld?" antwortet 
der Minister stets: „Ja", mag es sich auch um ungeheuere 
Summen handeln, und wenn Seine Majestät nachdenken 
wollten, wo das Geld herkommen kann, so wäre das leicht zu 
erraten. Doch ich kann Ihnen noch mehr sagen. Ich hatte 
Vermögen, meine Frau brachte mir eine glänzende Mitgift, 
ich habe dem Hofe Geld vorstrecken müssen, heute schuldet mir 
der König 130 000 Thaler, ich habe nichts mehr, aber wenn 
ich dem Schatzmeister meine Not klage, werde ich vertröstet. 
Ich kann nicht hundert Thaler zurückbekommen, ich bin ruiniert, 
meine Kinder find Bettler." 
Der Kanzlist sprach das mit einer entsetzlichen Ruhe, es 
war die unheimliche Ruhe, die über einem Krater herrscht; 
wer hineinschaut, erbebt vor dem Augenblicke, wo die ent 
fesselten Elemente hervorbrechen, sich Luft machen und die 
Bande sprengen werden, die sie jetzt noch zurückhalten. Der 
Blick des Kanzlisten hatte etwas Siechendes, er lächelte bei 
seinen Worten, aber das Lächeln sah aus, als gleite eine 
Schlange über sein Antlitz. 
*) Der Kurfürst ahnte wirklich nichts von der Not des Volkes. 
Er glaubte, alle seine Unterthanen seien so glücklich und zufrieden wie 
er. Brühl aber erpreßte und verpraßte ungeheuere Summen. Er hatte 
eine ganze Reihe von Staatsstellcn an sich zu reißen gewußt, so daß er 
unter verschiedenen Titeln ein geradezu fürstliches Gehalt bezog, alle 
Verwaltungszwcige beherrschte und jede Konttollc unmöglich machte. 
In Sachsen war er: Premier-, Kabinetts- und Konferenzminister, 
Wirklicher Geheimrat, General der Infanterie, Oberst von zwei Re 
gimentern, Oberkämmcrer, Kammerpräsident, Obcrsteuer-, General accis-, 
Oberrechnungs -Deputations-, Berg - Direkior, Ober - Jnspcttor der 
Porzellan-Manufaktur, Kapitular des Stifts Meißen. Probst zu Budiffin 
u. s. w. In Polen: Kronfcldzeugmeister, Starost über viele Starosteien. 
Er erhielt monatlich 65 000 Thaler Gehalt, sogar sein Pagcntrattament 
bezog er noch als Minister. Vgl. Böttiger, Geschichte Sachsens; heraus 
gegeben von Prof. Flathe. S. 410 ff. Er soll 93 Millionen Thaler 
außer Land geschafft haben. Vgl. Leben und Charakter des Grafen 
Brühl 1760. II. 122. Der Verfoffer taxiert I. 17 die Güter, die sich 
Graf Brühl ttotz seiner Verschwendung in Sachsen und Polen erworben, 
auf 5—6 Millionen Thaler. Vgl. auch Neidhardt, Der Nachlaß des 
Grafen Brühl in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte Dresdens, 
Heft 8.
        
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