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Periodical volume 8. Oktober 1892, No. 2.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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einträgt, und wie die Kinder in der ganzen Stadt auf das 
Mädchen versessen sind, das werden Sie selbst schon bemerkt 
haben." 
Der Apotheker hatte sich bereits verabschiedet, jetzt begaben 
sich auch die anderen Gäste des Honoratiorenstübchens aus den 
Heimweg. Ans dem Flur begegneten sie dem französischen 
Kommandeur, der ihren respektvollen Gruß mit einer nachlässigen 
Handbewegung erwiderte. An der Thür stand ein Doppel 
posten, während mehrere Troßknechte Gepäckstücke von einem 
Wagen luden und in das Innere des Gasthauses schleppten, j 
„Sie scheinen sich für längere Zeit hier festsetzen zu 
wollen," wandte sich der Kaufmann mit leiser Stimme zum 
Pfarrer. „Gebe Gott, daß sie auch bezahlen, was sie ver 
zehren!" 
Dann schüttelten sie einander die Hand und trennten sich. 
* * 
Eine unruhige Woche war vorübergegangen. Noch immer 
lagen die Truppen des Kaisers in der Stadt, und wenn auch 
die Strenge der Vorgesetzten ernstere Ausschreitungen zu ver 
hindern wußte, so empfanden doch viele der Einwohner die 
Einquartierung als eine unerträgliche Last. Die Anforderungen, 
welche Soldaten und Offiziere stellten, waren groß und die 
Lebensmittel übermäßig im Preise gestiegen. Dazu kamen 
traurige Nachrichten aus dem Norden und Osten, wo die 
Franzosen von Tag zu Tag neue Erfolge errangen. Der 
letzte Schimmer der Hoffnung erlosch, als sich die preußische 
Armee, trotz der heldenmütigen Attacken ihrer Reiterei, von 
Murat und Davoust bedrängt, unter die Mauern der alten 
Krönungsstadl Königsberg zurückziehen mußte. 
Dazu kamen die empörend anmaßenden Erlasse, die der 
siegreiche Kaiser aus seinen Hauptquartieren in die Welt 
schickte. 
Die Herren vom Honorarioren-Stübchen fanden sich immer 
seltener im „Preußischen Adler" ein, sie glaubten bemerkt zu 
haben, daß der Kommandeur, der mit seinem Adjutanten und 
einem Regimentsschreiber noch immer im Gasthofe wohnte, 
ihren Besuch ungern sehe. Zudem durften sie nur mit halber 
Stimme reden, da ihnen der Wirt zu verstehen gegeben hatte, 
daß die sich im Hause herumtreibenden Soldaten mitunter 
länger als notwendig vor der Thür dev kleinen Gaststube 
verweilten. 
Das kleine, nach dem Hofe gelegene Zimmer. Hane der 
verwundete Rittmeister bezogen. Er hieß Max von Lindeck 
und stammte aus dem Hessischen. Er war einige Monate nach 
Ausbruch des Krieges in die bayrische Armee eingetreten, da 
er bei der hervorragenden Rolle, die dieser Kontingent der 
Rheinbundtruppen auf dem Kriegstheater spielte, dort am 
sichersten auf ein schnelles Avancement rechnen zu dürfen glaubte. 
Heute hatte ihm der Arzt zum ersteninale wieder er 
laubt, das Lager zu verlassen. Er saß im alten Lehnstuhle 
des Wirtes am Fenster und freute sich der Juni-Abendsonne, 
die mit rötlichem, warmen Strahl durch das dichte Laub der 
Linde schimmerte und unstete goldetie Lichter auf Dielen und 
Wand seines Gelasses zauberte. Im Hose war ein Troßknecht 
mit den Pferden beschäftigt. Der Rittmeister fragte ihn nach 
seinem Rappen. Da wurde das Tier aus dem Stalle geführt. 
Es stutzte, als es die Stimme seines Herrn vernahm, dann 
wieherte es fröhlich in die Abendluft und trabte zu dem 
Fenster hin, wo es seinen lang vermißten Reiter gewahrte. 
Das treue Roß schien sich aufrichtig zu freuen, und konnte, 
nachdem es aus des Rittmeisters Hand einige Stücke Brol 
genommen halte, nur mit Mühe in den Slall zurückgebracht 
werden. 
Der kleine Hansel, des Wirtes jüngstes Söhnchen, Hane 
von der Hoflreppe aus diesen Vorgang beobachtet. Die freund 
liche Art, mit welcher der Offizier das Pferd behandelte, schien 
das Vertrauen des kleinen Tierfreundes zu wecken. Er machie 
sich unter dem Fenster zu schaffen und versuchte auf jede Weise 
die Aufmerksamkeit des Soldaten auf sich zu lenken. AIs ihm 
dies mißlang, wartete er den Augenblick ab, wo ihn der Blick 
des Rittmeisters zufällig traf, und redete ihn ohne weitere 
Förmlichkeiten an. 
„Du, hör mal," sagte er, „darf ich einmal zu Dir in 
Deine Stube kommen?" 
Als die Erlaubnis erteilt worden war, trippelte er die 
Hoftreppe hinauf und öffnete die Thür, wobei er sich mit 
beiden Händchen an die Klinke hing. 
„Hast Du die Pferde lieb?" fragte das Kind. 
„Ja, mein Junge." 
„Auch die Hunde und die Hühner?" 
„Natürlich, man muß alle Geschöpfe lieb haben." 
„Hast Du auch die Menschen lieb?" 
„Wenn sie brav und gut sind, auch die Menschen." 
„Soldaten sind brav und gut, nicht wahr?" forschte der 
Knabe mit unerbittlicher Logik weiter. 
„Gewiß, Kleiner, sonst find's keine rechten Soldaten." 
„Sag' mal, warum willst Du denn unsere Soldaten mit 
Deinem Säbel totschlagen?" 
Das Kind wies mir dem kleinen Zeigefinger nach der 
Wand, wo über dem Bette die schwere Waffe des Offiziers hing. 
Der Gefragte besann sich einen Augenblick, er sah sich 
in die Enge getrieben. 
„Weil mirs der Kaiser befiehlt," sagte er zögernd. 
Hansel trat einen Schritt zurück. 
„Mußt Du alles thun, was er sagt?" fragte er erstaunt. 
„Gewiß, Junge, dafür ist er mein Kaiser." 
„Auch wenn es Unrecht ist? Du, hör mal, Du bist groß 
und hast einen Säbel und läßt Dir etwas befehlen? Wenn 
ich groß bin. dann laste ich mir von keinem Menschen was 
sagen, außer von Tante Friederike!" 
„Tante Friederike?" wiederholte der Kranke. Ihm war, 
als hätte er gestern schon einmal den Namen nennen hören. 
Richtig! Demoiselle Friederike — so hatte der Schreiber des 
Kommandeurs die Dame genannt, die sich der Verwundeten 
im Lazarett so freundlich angenommen. 
„Wer ist denn Tante Friederike, mein Kind?" forschte er. 
„Du kennst Tante Friederike nicht?" entgegnete Hansel 
mit ungläubiger Miene. 
„Die so viele Erdbeeren und Stachelbeeren in ihrem 
Garten hat," ergänzte er, „sie sind aber noch nicht reif, wer 
sie jetzt schon ißt, der wird krank. Sieh mal, den Säbel hat 
sie mir gemacht, mit der schönen Quaste dran, die war früher 
an ihrem Fächer. Den hat sie in der Laube liegen lasten, 
da hat es die Nacht drauf geregnet, und da ist er ganz entzwei 
gegangen." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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