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Periodical volume 14. Januar 1893, No. 16.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Und er sprach wohl zu dem Herrn: 
„Was gelang dem Grafen Habsburg 
Das gelingt auch dem Askanier; 
Unrecht thatet Ihr, o Herr, 
Daß Ihr bei der Wahl, die Albrecht*) 
Auf den Kaiserthron geführt 
Ihn nicht selber habt bestiegen. 
Was ich einst in Jugendtagen 
Klagt von der zerbrochnen Krone, 
Muß ich fürderhin noch klagen. 
Deutschlands Heil weilt in der Mark nur!" 
Und herbei in hellen Haufen 
Strömten Deutschlands Volk und Fürsten 
Nach des Rheingaus grünen Auen, 
Um in Mainz, der „goldnen Stadl", 
Ihren Kaiser neu zu küren. 
Markgraf Waldemar auch ritt 
Mit gar stattlichem Gefolge 
Zu der Kaiserwahl am Rheine. 
Und die Träume seines Herzens 
Nahmen hohen, stolzen Flug. 
Markgraf Otto lauscht den Worten. 
Doch dem Ehrgeiz dieser Erde 
Halte er sich längst begeben, 
Seit die Wonne seiner 
Augen, 
Seit die Minne seines 
Herzens 
Mit Frau Heilwig war 
dahin. 
Und so sprach er einst 
beim Scheiden 
Zum Genossen seiner 
Jugend: 
„Kehr ich wieder nach 
Lehnin, 
Jst's, auf ewig hier zu 
rasten, 
Meine Zeit ist um, ich 
fühl es. 
Uud bereit auch meine 
Stätte 
Bei den Ahnen meines 
Hauses." 
Doch ein leuchtendes 
Gestirn 
Hebt sich nun am märk- 
schen Himmel 
Freud und Glanz und 
Ruhm versprechend, 
Waldemar, der Held der Zukunft, 
Markgraf Ottos nächster Erbe, 
Dessen ungestümem Sinn 
Kaum die Welt schien groß genug. 
Um sie. in der Faust das Schwert. 
Als sein eigen hinzunehmen. — 
Sieh! Da kam einstmals die Kunde. 
Kaiser Albrecht sei gefallen 
Von der Hand des eig'nen Neffen, 
Herzogs Hans, des „Parricida." 
Es entsetzte sich die Welt 
Ob des Frevels, doch zugleich 
Atmete sie auf erlöst 
Von dem Druck von Albrechts Scepter. 
Das CtueUenliaus dor Sproo troi Gtrorsdart) i. K. 
rnr gegenwärtigen Zustands. (S. 191.) 
Abermals der Erde nahte 
Sich der Lenz im Kranz der Blüten, 
Und das Fest in der Natur 
Ließ die Herzen höher schlagen, 
Weil die Menschheit mit 
es feiert. 
Doch der Markgraf mit 
dem Pfeil 
Kam wie sonst nicht in 
das Kloster, 
Auf Burg Grimnitz lag 
er siech, 
Lauschend auf den Ruf 
des Todes. 
Hermanns Augen gingen 
über, 
Da er diese Kunde hörte, 
Doch, da er zugleich 
vernahm, 
Waldemar, der Mark- 
graf, sei 
Zu der Kaiserwahl ge 
ritten, 
Gings wie Abendsonnen 
schein 
Ueber sein gealtert 
Antlitz. — 
Als er drauf am nächsten 
Morgen 
Mil den Brüdern war 
zur Messe, 
Schaute er vor seinem Betstuhl 
Eine schöne, weiße Lilie. 
Leise lächelnd nahm er sie: 
„Gottes Mutter, makellose, 
Deine Hand hat sie gesendet 
Als ein Zeichen, daß der Herr 
Mich nun bald von hinnen rufet. 
Und ich bin es wohl zufrieden. 
Könnt nur eins ich noch erblicken!" 
(Schluß folgt.) 
*) Albrecht von Habsburg, v. 1298—1368.
        
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