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Periodical volume 14. Januar 1893, No. 16.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

188 *v 
Tief unten höhlten wir Dir das Grab. 
Du mußt nun bröckeln und fallen. 
Die Wellen spülen und höhlen mit Macht, 
Die nächtigen Stunden, die langen — 
Und als sie ihr grauses Werk vollbracht, 
Kommt dämmernd der Morgen gegangen. 
Die Sonn steigt trüb und blaß herauf, 
Um zu beginnen ihren Lauf, 
Da findet sie das Schloß nicht mehr, 
Nur öd' und stille ist's umher. 
Und statt der hochgewölbten Hall, 
Da zieht und brodelt Wafserschwall. 
Wo Pauken tönten und Schalmein, — 
Es steht vom Schlöffe nicht ein Stein, 
Und wo getanzt der Hochzeitsreigen, 
Da herrscht des Todes 
düst'res Schweigen. 
Burgfried und Wartturm 
— alles hin, 
Die Fluten schäumend 
drüber ziehn. 
Soweit man sieht, soweit 
man schaut. 
Nur Wasser sich unendlich 
blaut. 
Der Morgenstern zum 
zweitenmal 
Seit jenem Tage sah 
ins Thal, 
Und wieder hat er sich 
geneigt 
Zum auderumal, die 
Sonne steigt, 
Viel Menschen an dem 
Ufer irr'n, 
Da treibte heran mit 
bleicher Stirn; 
Da löset aus der Wogen 
Graus 
Ein bleicher Leichnam & aSi 
sich heraus. 
Und da die Well ans Land ihn legt. 
Sein Wams den Hochzeitsstrauß noch trägt. 
Hans Dochow war es, seine Braut 
Ward aber hier nicht mehr geschaut. 
In Trümmerhaufen und in Tang, 
Da suchte man nach ihr noch lang, 
Mit Netz und Stangen, Kahn und Boot. 
Sie fanden nichts, der Ort war tot. — 
Manch Jahr zog hin in Leid und Weh. 
Da trat zurück der blaue See 
Und stiller wurden seine Wogen. 
Jetzt find Jahrhunderte verflogen, 
Jahrhunderte find schon entrollt. 
Und niemand weiß, wie er gegrollt. 
Ein Sumpf nur voll Gestrüpp, Gesträuch, 
Der meldet von der Stelle Euch, 
Wo er gewogt, wo er geglänzt. 
Und abends, wenn mit Rosen kränzt 
Sich still der West, ein weicher Hauch 
Beweget leise Baum und Strauch. 
Im Winde sich ein Tönen schwingt, 
Der jene Sage zn uns bringt. 
Zuweilen noch am grünen Rain, 
Man findet Muscheln und Gestein, 
Von den zerfallnen Trümmern stolz 
Noch halbverfaultes, mürbes Holz. 
Verschwunden ist das Dochowschloß 
Und stand so prächtig einst und groß. 
An Schätzen war es reich und schwer — 
Jetzt ist das Land rings öd' und leer. 
Bei Belzig man die Stätte kennt; 
Wenn man 
früljere ÖJ.ucUcnljttu& 
bei GBbev&badj t. S. I 
dev Spree 
3. 191.) 
dort fragt, 
sie jeder nennt 
Und zeigt: Hier stand die 
Burg einst stark. 
Jetzt heißt der Ort: „Die 
wüste Mark." 
Das Vaticinium. 
Jahre kamen, Jahre 
schwanden 
Und die Zeit, ob sie 
ersehnet, 
Oder ob verflucht sie 
ward. 
Ob sie dem die roten 
Rosen 
Um das Haupt wand. 
ob dem andern 
Nur die Dornen sie ge 
bracht — 
Zog vorüber pfeilge 
schwind. 
Vier Decennien wars, 
seit Hermann 
Trug das Kleid der 
Cisternieuser. 
An Fürst Otto aber band 
Ihn Erinnrung nicht allein, 
Denn dem ritterlichen Herrn 
Ward's Gewohnheit, in dem Kloster 
Jeden Lenzmond einzutreffen 
Und zu rasten einige Tage. 
Bruder Hermann ließ dann gern 
Sich berichten, wie es zuging 
In der Welt und in der Mark. 
Aber wenn er hören mußte, 
Wie die kaiserliche Zeit 
Wohl vorüber und vergangen, 
Aber wie der Staufer Erben 
Jhreslheilgen Amts vergaßen 
Und nur ihrer eignen Hausmacht 
Pfleg' und Sorgfalt wandten zu. 
Wallte ihm das Blut im Zorne
        
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