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Periodical volume 14. Januar 1893, No. 16.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

Unter Ukitwirknng 
Dp. R« Zörin girier, Dr. K. Krendictro, Theedor Fsrrtcrne, Stadtrat G. Friedet 
Ford. Meyor, Gymnasialdirektor Dp. M. Srtzrrrcrrsi und Ernst v. Mitdenvrrrrts, 
herausgegeben von 
Friedrich Ltlleffen und Richard George. 
XIX. 
Jahrgang. 
16. 
Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanstalt (No. roy), Buchhandlung und 
Zeitungssxedition für 2 Mk. 60 Pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
14. Januar 
1898. 
lrvvai un8 Ävrur. 
Historischer Roman aus der Zeit des 7 jährigen Krieges von E. A. »<m Dodorrrrth. 
(2. Fortsetzung.) 
2. Kapitel. 
DMie nordische Macht, das ehemalige Kurfürstentum Branden- 
bürg, welches sich durch das Talent, die Thatkrafl und den 
deutschen Sinn des Kurfürsten Friedrich Wilhelm in der 
europäischen Politik zum ersten Male Geltung verschafft, dann 
aber, als es zum Königreiche erhoben worden, sich in aller 
Stille emporgearbeitet, war zur Zeit des Regierungsantrittes 
Friedrichs II. ein Staat, dessen gewaltige innere Kraft nie 
mand kannte, der im Kulturleben fast noch für barbarisch galt, 
als man Dresden schon Klein-Paris nannte. Alle Welt hatte 
sich für den preußischen Thronerben interessiert, der unter dem 
strengen Regimente Friedrich Wilhelms I. französischer Bildung 
huldigte, den die Strenge des Vaters zur Flucht ans der 
überall verschrienen Kaserne Preußen gereizt hatte, der die 
Flöte blies und geistreiche Verse machte. Hatte man über die 
Soldatenspielerei Friedrich Wilhelms die Achseln gezuckt, das 
freilich oft brutale Regiment, welches in Preußen auf Zucht 
und Sitte hielt, während sonst überall die Verschwendung, die 
Verderbnis der Sitten, die Fäulnis der Moral der Höfe und 
des Adels das Mark der Völker zum Siechtum brachten, so 
wähnte man, der junge achtundzwanzigjährige König, der seine 
Jugend halb wie ein Strafgefangener verlebt, werde mit seinen 
französischen Freunden und Künstlern das Weiterfeiern der 
lustigen Feste von Rheinsberg jetzt als Lebensberuf ansehen. 
Niemand ahnte, was in der Seele des jungen Mannes vor 
gegangen war, der seinen Zechkumpanen die Worte Heinrichs V. 
an Fallstaff: „Ich bin jetzt der König!" zugerufen und gegen 
die hergebrachte Etikette nach der Huldigung eine halbe Stunde 
auf dem Balköne des Schlosses zu Berlin einen festen, auf 
merksamen Blick auf die Menge gerichtet, als wolle er seinem 
Volke ins Auge sehen, ihm von der Stirn lesen, ob es ge 
wachsen sei dem Ringen und Streben, zu welchem sein Geist 
die Pläne geschaffen. Niemand ahnte, daß der jugendliche 
König nun auch das Progranim, das er als 18jähriger Prinz 
in seinen Betrachtungen über Gegenwart und Zukunft des 
preußischen Staates entworfen, zur Ausführung bringen werde. 
Dort hatte er gezeigt, wie dem Könighause mehr Größe zu 
verschaffen sei, wie Preußen abgerundet werden müsse, damit 
sein König eine schöne Figur inner den Großen der Erde 
mache und eine hervorragende Rolle spiele. Begeistert hatte 
er geschlossen: „Ich wünsche diesem königlichen Hause Preußen, 
daß es sich vollständig aus dem Staube erhebe, in welchem 
es bisher gelegen." Es erschien als der übermütige Ehrgeiz 
eines Poeten, daß der kleine König von Preußen dem mächtigen 
Oesterreich den Krieg erklärte, und alle Welt neidete dem 
Abenteurer, dem Emporkömmling in Europa, sein Glück, als 
er siegreich blieb. Die Großmächte murrten, daß sich ein 
Vasall in ihre Kreise gedrängt habe und mitreden wolle, und 
Neid und Mißgunst vereinten sich in dem Gedanken, den 
jungen Adler, ehe ihm die Flügel noch mehr wuchsen, bei 
erster Gelegenheit wieder in seinen engen Käfig zu sperren. 
Es zweifelte niemand daran, daß es nur eine Frage der 
Zeit sei, wann man den Uebermut Preußens brechen werde, 
aber man wollte dabei möglichst vorsichtig zu Werke gehen, 
Friedrich hatte scharfe Zähne gezeigt, man wollte sich zusammen- 
thun und gleich mit Keulen dreinschlagen, womöglich sollte 
ganz Europa den unverschämten Preußen beim Kragen faffen. 
Friedrich II. blies die Flöte, arrangierte Konzerte, machte 
Verse, er schien sorglos auf seinen Lorbeeren auszuruhen, aber 
sein Auge war offen, er blickte scharf, und während man des 
arglosen Träumers spottete, der vermeintlich das heranziehende 
Gewitter nicht sah, rüstete er sich zum Riesenkampfe und hatte 
überall Spione, welche das heimliche Treiben seiner Feinde 
beobachteten.
        
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