Path:
Periodical volume 7. Januar 1893, No. 15.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

■■8 179 &• 
Schatten noch Männer wie Adalbert v. Chamisso, der 
große Kunstgelehrte Franz Kugler und Gubitz hier ver 
kehrten, um gleich anderen gewöhnlichen Sterblichen der 
„kühlen Weißen" zuzusprechen. Noch führt die Erinnerung 
das Bild des „alten" Gubitz vor unser geistiges Auge, der, 
als Sohn eines armen Leipziger Schriftsetzers, die Holz 
schneidekunst in Deutschland wieder zu Ehren brachte, 
nachdem er als fiebenzehnjähriger Theologe zum erstenmale 
die Kanzel betreten hatte und bereits zwei Jahre später, 1805, 
unserer Kunst-Akademie als Lehrer und Professor angehörte. 
Es sei daran erinnert, wie er während der Fremdherrschaft 
die satyrisch-politische Wochenschrift „Das Vaterland" herausgab 
und deshalb in französische Untersuchungsgefangenschaft geriet. 
Wie ferner die Aufmerksamkeit der litterarisch Gebildeten in 
ganz Deutschland auf seine Zeitschrift „Der Gesellschafter" 
gelenkt wurde, in welcher auch Heinrich Heines erstes, „Der 
Kirchhof" betiteltes Gedicht: „Ich kam aus meiner Herrin 
Haus, und wandelt in Wahnsinn und Mitternachtsgraus" u. s. w., 
seine „Harzreise" u. a. m. erschienen. Reich an fesselnden 
Schilderungen sind die „Erinnerungen", welche Gubitz noch 
als 82 jähriger Greis schrieb, bis er zwei Jahre später, am 
5. Juni 1870, das Zeitliche segnete. 
Eine andere,, wohlbekannte Persönlichkeit des vorigen 
Jahrhunderts, welche vorübergehend in Berlin verweilte, wird 
ebenfalls als Gast des schon damals florierenden „Düstern 
Kellers" genannt: Mirabeau, der gewaltige Redner und 
Abenteurer, der commis voyageur der Ideen des Neu- 
Franzosentums. In jenem Garten soll er eine Anzahl 
Berliner, zumeist der französischen Kolonie angehörig, um sich 
versammelt haben, und die erhitzten Gemüter noch mehr zu 
entfachen bestrebt gewesen sein. — 
Noch in der letzteren Zeu, als Körting das Lokal 
besaß, hatte sich durch Einführung der Groschenkonzerte des 
Trompeter-Korps vom Garde-Dragoner-Regiment ein reger 
Verkehr hier entfaltet, trotzdem bereits gegen Ende der dreißiger 
Jahre ein gefährlicher Gegner in der „Bockbrauerei" erstanden 
war. Als dann 1857 auch die Brauerei „Tivoli", und zu 
letzt die „Sozietäts-Brauerei" in unmittelbarster Nähe hinzu 
kamen, waren seine Tage gezählt. . . 
Jetzt leuchtet der helle Wiederschein der Abertausende von 
Flammen über der aufgestiegenen Kaiserstadt, und Licht auch 
strahlt von der einstigen Stätte des düstern Kellers aus: 
das ist die Kehrseite des „schwarzen Blattes" unseres Humoristen 
Anastasius Grünspahn. 
Kleine Mitteilungen. 
Papa Mrangol als — Heiratsvermittler. Wie 
der selige Feldmarschall Graf Wrangel anfangs der 60 er Jahre zwei hoch 
betagte Leute in den Hafen der Ehe hineinbugsierte, darüber weiß ein alter 
pensionierter herrschaftlicher Förster folgendes zu erzählen: „Papachen" 
war damals auf dem Rittergule B. in Ostpreußen bei unserem Baron zu 
Gast und ließ sich auf seinen täglichen Spaziergängen durch einen alten 
Mann begleiten, der früher als Waidhüter unserem Junker daS Leben ge 
rettet hatte und nun dafür das Gnadenbrot aß. Zwischen den, Feld 
marschall und dem ehemaligen Waldwärter hatte sich bald eine Art Freund 
schaft herausgebildet und als Wrangel merkte, daß sein getreues Faktotum 
für die ebenfalls schon alte, aber noch recht rüstige Wirtschafterin eine stille 
Liebe im Herzen trage, erbot er sich bei dieser für seinen Schützling den 
Freiwerber zu machen. „Ach, Excellenz, wo denken Sie blos hin, det 
lassen Sie man lieber sind. Wo wird die Mamselle mir ollen Knacker 
nehmen," meinte, sich hinter den Ohren kratzend, der in Berlin geborene 
Alle, worauf Graf Wrangel ärgerlich erwiderte: „Ach wat, Halls Maul, 
ick werd die Jeschichte schon ins Lot bringen." Gesagt, gethan! Eine 
halbe Stunde später ging „Papachen" gestiefelt und gespornt schnurstracks 
nach der Küche und brachte der ob des unerwarteten hohen Besuchs ganz 
erstaunten Alten sein Anliegen vor. „Hm, Excellenz belieben gewiß nur 
zu scherzen, denn unmöglich kann ich glauben, daß — hm — es den Herrn 
Grafen Ernst ist — mich armes Geschöpf —" „Ach, nu man nich jroß 
jeziert — in Herzenssachen mach ick kecne Witze — also heraus mit die 
Sprache, will Sie oder nich?!" stieß der General zornig werdend, hervor. 
„Ja — aber — Excellenz sind ja doch noch — verheiratet," platzte die 
Wirtschafterin heraus. „Ha, ha, ha," lachte Wrangel und fuhr dann fort: 
„Nee, Jungferken, mit mich nich, aber mil'n alten Ewald sollt Ihr jlücklich 
werden. — Na, was macht Sie denn plötzlich for'n dummes Jesicht? 
Meint Sie etwa, daß Sie noch zu jung iS zum Heiraten, he?» Oder paßt 
Ihr der Anbeter nich?!" „Ach, Excellenz, der ist doch aber schon so alt 
y und dann — haben wir ja alle beide nichts." — „Wal? Zu alt?! 
Ick bin ja noch ville älter — und mir hättet Ihr doch genommen. Nee, 
Mamsellchen, die Ausrede jilt nich. Ewald hat hier bis an sein Lebens 
ende nich Not zu leiden und Sie hat jewiß in Ihre lange Dienstzeit ooch 
wat erspart, wie?" „Mein Gott, aber nur sehr wenig, Excellenz." 
„Wenig? Det iS mehr wie nischt — und waS die Hochzeit kostet, det be 
rappe ick — also man rin inS Verjnügen. For so'ne junge Leute wie 
Ihr zwei Beede seid, hängt noch der Himmel voller Jeijen. — Na, will 
Sie ihm?" Die Wirtschafterin besann sich noch ein Weilchen und als 
Graf Wrangel dann kurz noch einmal fragte: „Ja oder nein?" da nickte 
sie mit dem Kopfe und sagte: „Ja — aber wenn uns nur nicht die Leute 
auslachen werden." — Der alte Waidhüter a. D. war überglücklich, als er 
dar günstige Resultat der Werbung deS Feldmarschalls erfuhr. Er küßte 
dem Grafen voller Dank die Hand, der Schloßherr aber meinte, als ihm 
später die Geschichte zu Ohren kam, zu seinem Gast: „WaS Du alter 
Schwede doch sür Dummheiten anzettelst. Schließlich verkuppelst Du mir 
uoch mein ganzes Gesinde." 21. 21. 
Kaiser Friedrich als Kronprinz hatte ini Elsterwerder Forst 
der Auerhahnjagd obgelegen. Die Ankunft des Kronprinzen war vorher 
bekannt geworden und die Schützengilde zu Liebenwerda hatte ihm zu 
Ehren bei der Durchfahrt durch Liebenwerda auf dem Marktplätze Aus 
stellung genommen. Der Kronprinz war über diese Ehrenbezeugung höchlich 
erfreut und richtete an verschiedene Personen huldvolle Worte. AIS er sich 
bei dem Schützenmajor, Schneidermeister und Senator a. D. Wengner, 
nach seinem Beruf erkundigte, war dieser im Augenblick so befangen, daß 
er antwortete: „Schneidermeister a. D., Königliche Hoheit!" Der Kron 
prinz erwiderte darauf lächelnd: „Nun, dann hat Ihnen Ihre Nadel viel 
eingebracht!" —z. 
Kiichcrtisch. 
Deutsch' Kee-Gras. Ein Stück ReichSgeschichle von Vice-Admiral 
Bätsch. Berlin 1892. Verlag von Gebrüder Paetel. Preis 
10 Mk. 
Wenn ein Seeoffizier über die deutsche Flottenbewegung schreibt, so 
begegnet er überall einem gewisien und, man darf wohl sagen, berechtigten 
Mißtrauen, denn, wenn er ein warmes Herz für seinen Beruf hat, ist in 
der Regel die Voreingenommenheit sür seinen Beruf nicht weit davon ent 
fernt. Der Verfasser von Deutsch' See-Gras ist wegen seiner Liebe und 
Begeisterung für unsere Marine weit bekannt, trotzdem aber hat er cS ver- 
standen, den vorliegenden Stoff, die Geschichte der „Deutschen Flotte" von 
1848 bis 1852, nüchtern und sachlich zu behandeln, indem er nach dem 
sehr richtigen Grundsätze handelt, daß er nicht Sache der Seeoffiziers ist, für 
eine Flotte Lanzen einzulegen, da die Vergrößerung der Flotte sein eigener 
und das Jntereffe seines Rocker ist, daß er aber die Pflicht hat, dem 
Steuerzahler zu seinem Urteil über den Wert einer Flotte das nötige 
Material zu bieten. Denn wer daS Wesen deS Seeverkehrs u. s. w. nicht 
kennt, vermag auch das Maß des Einflusics und die Schlagkraft einer 
Flotte nicht zu beurteilen. Wenn diese Darstellung der Geschichte der 
„Deutschen Flotte" also — hoffentlich recht vielen — zu einer Belehrung 
im Sinne der Notwendigkeit einer tüchtigen, achtunggebietenden Flotte dient, 
so ist das lediglich das Ergebnis der erzählten Thatsachen. Zwar ist über 
diesen Gegenstand schon viel und auch Guter geschrieben, aber meist auf 
einen kleinen Kreis von Lesern beschränkt geblieben; daß diese Schrift nicht 
demselben Mißgeschick verfällt, wird der Umstand verhindern, daß sie zu 
gleich einen interessanten Beitrag zur Geschichte unserer Zeit giebt, zur Ge 
schichte der Generation, die auf diese Ereignisie als selbsterlebte zurückblickt 
und vielleicht an manchen mit beteiligt war. Da eine Seekriegsgeschichte 
das allgemeine Bild nicht außer Acht laffen kann, ist auch der Zusammen 
hang mit dem gesamten Kriegslauf und mit der Geschichte der Zeit stets 
berücksichtigt. Die Beschreibung der Kriegsgeschichte, auch des Seekrieges, 
wird gewöhnlich fast ausschließlich von dem Offizier des Heeres in Anspruch
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.