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Periodical volume 7. Januar 1893, No. 15.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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zwei große Proszeniumslogen und für Tischsitzplütze in Nischen 
ausgenutzt, indem man auch hier Knnstinstiiul und gesellschaft 
liches Behagen zu vereinigen bemüht war." 
In der gleichen Vornehmheit sind die übrigen Räume 
des Theaters gehalten. Der gewaltige Znschauerraum enthält 
nur zwei weitgeschweifte Ränge. „Diese verschwenderische 
Raumeinieilung hat eine derariige Anordnung der Plätze er 
möglicht, daß man von allen Punkten des Saales aus eine 
vollkommene und bequeme Uebersichr der Bühne genießt. In 
mäßiger Höhe über dem Parkett liegt der Balkon, so daß es 
— ähnlich wie bei den Subskripiionsbällen im König!. Opern 
hause — möglich sein wird, aus ihm und dem Parkett einen 
einzigen gewaliigen Ballsaal von seltener Schönheit zu machen. 
Der Balkon enthält 32 Normallogen, hinter denen sich im 
Fond des Saales Promenadenräume und Speiselokalitäten 
befinden, von welchen aus man den Vorstellungen beiwohnen, 
wo man auch während derselben soupieren kann. Die vorderen 
Normallogen sind nur mit niederen Boxeswänden unter sich 
und vom Gange abgetrennt — eine Einrichtung, die sich im 
, ersten Range wiederholt und den Ausblick über den gesamten 
Raum wesentlich erleichtert. An den beiden Enden des 
Balkons gegen die Bühne sind zwei große Logen angebracht, 
von denen die (vom Zuschauer aus gerechnet) linke die Kaiser 
loge ist. Zu ihr führt eine besondere in hellen Farben ge 
haltene Prachttreppe, von der man zunächst in einen Vorraum 
gelangt; dann einen Salon passierend, betritt man die Hofloge 
selbst. Diese Räume sind besonders vornehm ausgestattet 
worden, die Wände sind hier mit tiefrotem Seidenstoffe be 
kleidet, in den das Hohenzollernwappen eingewebt ist. 
Von der höchsten Schönheit aber ist der Theaterraum im 
ersten Range, über dem in reizvollster architektonischer An 
ordnung der Bau zur Höhe des Plafonds emporsteigt. Es 
öffnen sich nämlich nach dem Promenoir hin acht mächtige 
Bogen, getragen von einer Reihe Karyatiden. Die Figuren 
stellen einen Germanen, einen Indianer, einen Neger, einen 
Araber, einen Japaner und einen Schlangenbändiger in der 
Bethätigung ihrer Kraft oder Geschicklichkeit dar. Der erste 
Rang selbst enthält beiderseitig Logen und im Fond Sitzreihen, 
die alle in unmiitelbarer Verbindung mit dem Wintergarten 
stehen. 
Eine besondere Erwähnung verdienen die Einrichtungen, 
die zur schnellen und bequemen Entleerung des Hauses ge 
troffen sind und die nicht allein die polizeilichen Anforderungen, 
sondern wohl alle bezüglichen Berliner Schöpfungen übertreffen. 
Im Balkon mündet sowohl der innere Gang hinter den 
Normallogen, als auch der äußere eigentliche Gang zu den 
Ausgängen nach drei Seiten; das Promenoir öffnet sich zu 
beiden Seiten nach den Nebentreppen, nach vorn zur Haupt 
treppe und zum Foyer. Eine dezentrale Entleerung des 
Hauses ist nach drei Seiten hin zulässig, die seitlichen Aus 
gänge finden rechts direkt ihre Fortsetzung über den Hof nach 
der Behrenstraße und indirekt nach den Linden, links durch 
die Passage sowohl nach der Behrenstraße als nach den Linden. 
Das schwierige Problem der Akustik ist auf glückliche 
Weise zu lösen versucht worden, indem man den Zuschauer 
raum als einen muschelförmigen Schallfänger konstruiert hat." 
Zum Schluffe noch einige Worte über die Bühne. Nach 
dem Muster von Bayreuth ist das Orchester tief gelegt worden 
und somit vom Zuschauerraum aus unsichtbar. „Dies hat 
zur Folge, daß der Ausblick auf die Bühne durchaus un 
behindert ist und die Vorgänge auf ihr dem Publikum so 
nahe als möglich gebracht werden. Dazu tragen auch die 
Größenverhältniffe des Bühnenraumes bei. der weniger tief, 
als breit ist. Zu seinen beiden Seiten sind im Souterrain, 
Parterre und in drei Stockwerken die Requisitionsdepots, 
Garderoben und Ankleidezimmer angebracht, die neuesten 
theatermaschinellen Errungenschaften sind natürlich zur Ver 
wendung gelangt. 
Sehr .eigentümlich sind die beiden Vorhänge. Dem 
eisernen Vorhänge, der so konstruiert werden mußte, daß er 
90 kbm per Quadratmeter Luftdruck aushält, hat man durch 
ein neues Verfahren sein unfreundliches Aussehen genommen, 
indem man ihm mit einem teppicharligen Flächenmuster be 
deckte. Wenn er sich hebt, so wird man durch den Farbenreiz 
des zweiten Vorhanges überrascht, der wiederum auf eigene 
Art (Oelfarben auf Asbest) behandelt ist. Maler Seliger 
hat hier die heitere Gesellschaft Friedrichs des Großen in 
Rheinsberg dargestellt, wie er inmitten seiner Umgebung sich 
an Tanzkunst und Musik erfreut, und er hat damit einen sehr 
lebendigen Eindruck erzielt." 
Diese kurze Beschreibung wird genügen, um in dem Leser 
die Ueberzeugung wachzurufen, daß der Prachtbau, der vor 
einigen Monaten in der Behrenstraße seine Pforten geöffnet 
hat, eine der ersten Sehenswürdigkeiten der deutschen 
Reichshauptstadt ist. Die nahe liegende Frage, ob ein solcher 
Prachtbau nicht zu schade ist für das im Theater „Unter den 
Linden" gepflegte leichte Kunstgenre, ob nicht, gegenüber dem 
gewaltigen architektonischen Aufschwünge, der zwischen 
Schuch und Ronacher liegt, ein bedeutender Niedergang in 
Bezug auf das künstlerisch an derselben Stätte Gebotene zu 
konstatieren ist, ein Niedergang, zu dessen Charakteristik nur 
an den gewaliigen Abstand zu erinnern ist, der zwischen Lesfings 
„Minna" und dem Ballet „Die Sirenen-Jnsel" liegt — diese 
Frage wollen wir hier, wo wir es nur mit dem Gebäude 
des Theaters „Unter den Linden" zu thun haben, unerörtert 
und unbeantwortet lassen. Jedenfalls ist es tief bedauerlich, 
daß die Gebrüder Ronachör das so großartig angelegte 
Unternehmen ohne die erforderlichen Mittel übernommen haben, 
und daß auch an diesen Prachtbau sich die Flüche und Ver 
wünschungen vieler Handwerker und Lieferanten knüpfen. 
E. Gr. 
Mönch Hermann von Kehnin. 
Ein märkischer Sang von M. tj. Krrrtz. 
(12. Fortsetzung.) 
Im hohen Grimnitzschloffe 
Der Jubel heut nicht fehlt, 
Dieweil zum Erzbischöfe 
Herr Erich ward erwählt. 
Wie in vergangnen Tagen 
Scholl süßer Harfenklang, 
Von minniglichen Liedern 
Es tönend wiederklang. 
Doch Markgraf Otto schauet 
Zuletzt enttäuscht darein:
        
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