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Periodical volume 7. Januar 1893, No. 15.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

HS 170 &— 
Maria Josephe vergaß, was sie mit Anna besprechen 
wollle, erschrocken blickte sie auf. Sie erriet, daß Anna etwas 
in ihrem Interesse gewagt, und zitterte, daß das junge Mädchen 
in guter Absicht vielleicht etwas gethan, was der Königin keinen 
Nutzen, Anna selbst aber Verderben bringen konnte. 
„Unselige", fragte sie. „redest Du vom Grafen Brühl?" 
„Ja, Majestät, und ich bin stolz darauf, daß ich geholfen 
habe, ihn zu entlarven." 
Die Königin lächelte trübe. „Armes Kind", versetzte sie, 
„Dich erwartet eine bittere Enttäuschung, die heilige Jungfrau 
gebe, daß Dich nicht Schlimmeres bedroht. Du hast Dir 
einen Feind gemacht, der Dich zermalmen kann. Was hast 
Du gethan? Es haben andere versucht, Brühl aus des Königs 
Gunst zu drängen, und Brühl hat sie gestürzt, und Du willst 
wagen, was die Vornehmsten des Reiches aufgegeben zu ver 
suchen?" 
„Majestät, Sie sagten oft selbst, daß der König 
nicht ahne, wie es im Lande aussieht, daß nicht einmal 
ein Minister vertrauliches Gehör erlangt, ohne daß Brühl 
zugegen ist. Der König wird es aber heute erfahren, daß selbst die 
Armee, welche des Thrones Stütze sein soll, Ursache zum Mißver 
gnügen hat. Die Offiziere haben seit achtundzwanzig Monaten 
keinen Heller Sold erhalten, sie befinden sich in drückendster Not, 
und der Oberst v. Miltitz hat diese Klage in einer Supplik an den 
König aufgesetzt, ich aber habe den Brief des Obersten in des 
Königs Tasche gespielt, und er wird ihn öffnen, denn ich habe 
ihn in ein Couvert gethan, welches Seine Majestät angenehmen 
Inhalt erwarten läßt." 
Ueber Maria Josephens Antlitz glitt bei den letzten Worten 
Annas ein düsterer Schatten, aber er verschwand sehr rasch, 
es schien, als schöpfe die Königin doch Hoffnung, daß das 
kühne Wagnis Erfolg haben könne. 
„Wenn er den Brief liest," murmelte die Königin, „wenn 
er eine Untersuchung fordert! Die Offiziere der Armee werden 
sich nicht scheuen, die Wahrheit zu bekennen, und dann ist 
Brühl verloren; Mädchen, ich möchte Dich küssen, aber ich 
zittere, wir triumphieren zu früh. Du hast viel gewagt. Wehe 
Dir, wenn Brühl sich doch aus der Schlinge zieht, und man 
Deine Hilfe entdeckt, ich kann Dich nicht schützen!" 
Glutröte flammte im Antlitze Annas auf. „Majestät," 
antwortete sie, und das Wogen ihrer Brust verriet die innere 
Erregung, „ich enthüllte Ihnen mein Geheimnis, um Ihnen 
eine frohe Hoffnung zu bereiten, aber tiicht, um Ihren Schutz 
anzuflehen. Was ich that, wagte ich auf eigene Gefahr, und 
Ihre Verachtung würde mich nicht tiefer kränken, als wenn 
Sie daran dächten, mich im Falle einer Entdeckung nicht ver 
antworten zu lassen, was ich ohne Ihr Vorwissen gethan. 
Gönnt es mir der Himmel nicht, daß mein Wagnis gelingt, 
so werden Sie mir doch die Genugthuung gönnen, mich 
für den Versuch, Ihnen zu dienen, geopfert zu haben." 
„Du hast ein treues, edles Herz. Aber wie doch der Himmel 
alles seltsam fügt! Während man mich ersuchte, bei Dir ein 
gutes Wort für den Neffen des Ministers einzulegen, arbeitest 
Du am Sturze des Onkels." 
Wieder errötete Anna, aber es malte sich Unmut in 
ihren Zügen. 
„Wer wagte es, mich bei Eurer Majestät zu verleumden?" 
fragte sie. „Ich wüßte nicht, daß ich einem der Neffen des 
Grafen Brühl das Recht gegeben habe, irgend ein Ansuchen 
an mich zu stellen." 
Die Königin lächelte. „Ich wäre auch die letzte," ant 
wortete sie, „welche ein Anliegen eines Menschen aus dieser 
Sippe begünstigte. Man erzählte mir nur, daß ein derartiges 
Projekt vorhanden sei. Es freut mich, daß Du dagegen Ein 
spruch erhebst, ich hoffe. Dein Herz ist noch völlig frei, es 
denkt noch nicht daran, Bande für die Zukunft zu spinnen." 
Anna begegnete dem forschenden Blicke der Königin an 
scheinend völlig unbefangen, aber sie konnte freilich auch nicht 
ahnen, daß Maria Josephe nur aus diese Weise an ihr Herz 
pochte, um der Antwort auf eine Frage in ganz anderer Be 
ziehung zu lauschen. 
„Mein Herz," erwiderte sie, „atmet allein in dem Be 
streben, Ihnen zu dienen und mir Ihre Zufriedenheit zu er 
werben; ich würde mit Freuden mein Leben opfern, wenn ich 
dazu beitragen könnte, das Ihrige glücklicher zu gestalten." 
„Ich glaube Dir, Anna, ich bin von Deiner treuen Er 
gebenheit überzeugt, und ich hoffe, Dich um so fester an mich 
zu ketten, als ich weiß, daß unsere Gefühle in allem über 
einstimmen. Sieh', ich sollte Dein Wagnis tadeln, weil Du 
Dich einer großen Gefahr und mich der Sorge aussetzest, Dich 
zu verlieren. Dich nicht schützen zu können, ohne daß Du eine 
Bürgschaft dafür hast, daß im günstigsten Falle Deine That 
wahrhaften Nutzen bringt. Ich fürchte, daß, wenn Brühl in 
Ungnade fällt, der König seine Stelle durch jemand besetzt, 
der das Schlechte nicht bessert, und dem das einzige fehlt, 
was ich an Brühl noch schätze. Mein Gemahl liebt den Luxus 
und das Vergnügen, er mag nichts von Regierungssorgen 
wissen, er wird stets von dem geleitet werden, der seinen 
Schwächen schmeichelt, und Brühl hat wenigstens das Gute, 
daß er unserem Rival in Norddeutfchland das Glück des Empor 
kömmlings nicht gönnen mag, daß er Preußen haßt und am 
Sturze des hochmütigen Brandenburgers arbeitet. War es 
nicht heute, als trete uns der ganze rohe, brutale Hochmut 
eines glücklichen Klopffechters, der elende Bettelstolz, die Frech 
heit des Rebellen gegen Kaiser und Reich verkörpert in dem 
preußischen Offizier entgegen, der mit seinen hohen Stiefeln, 
dem groben Tuch der häßlichen Uniform, seinem Zopf, seiner 
stocksteifen Haltung unter den Kavalieren dastand, als ertrotze 
er sich, wie ein grober Bauer, das Recht Mt seinen Fäusten?" 
In der Miene Annas kämpfte sichtliche Verwirrung mit 
dem Lächeln über die Schilderung der Königin, welche sie 
vielleicht für launige Uebertreibung hielt, denn in manchem 
mußte sie der Königin beistimmen. 
„Majestät," antwortete sie, „werfen aus einen einzelnen 
den Groll, den Sie gegen die Armee hegen, aber ein tapferer 
Soldat bleibt, was er ist, in jedem Kleide. Ich gebe zu, daß 
das Auge sich erst an diese Uniform gewöhnen muß, um einem 
Manne gerecht zu werden, der in der Tracht der Kavaliere 
einen ganz anderen Eindruck machen würde. Ich habe Herrn 
v. Brenkenhof auf einem Redoutenballe in Breslau gesehen, 
und da folgte ihm das Auge mancher kaiserlich gesinnten Dame 
freundlicher, als das patriotische Gefühl erlaubt hätte." 
„Ah!" ries die Königin. Ueberraschung heuchelnd, „Du 
kennst den Offizier aus früherer Zeit?" 
Anna errötete leicht, als sie die Frage bejahte. „Mein 
Vater," erzählte sie, „nahm mich mit, als er vor zwei Jahren 
sein Gut in Schlesien besuchte, um die Pachtverträge zu er-
        
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