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Periodical volume 31. Dezember 1892, No. 14.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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uhr überzeugt, daß es noch nicht für sein Vorhaben zu spät 
war, es war eben erst 1 / 2 o Uhr. An den Häusern waren die 
Läden vor den Fenstern meist noch geschlossen, und nur die 
Bäcker waren bereits in ihren Ständen auf dem Markt fleißig 
mit dem Verkauf der während der Nacht hergestellten Back 
ware beschäftigt. 
Blutigrot war der Himmel gefärbt, die Türme der Stadt 
mauer und die der Thore, welche von dem Turm der 
Gertraudenkapelle überragt wurden, hoben sich von dem rot 
glühenden Hintergründe in scharfen Umrissen ab, und als 
Martin Geisler vor das Thor trat, glitzerten an den Halmen 
und Gräsern der Wiese, die zu beiden Seiten des Dammweges 
lag und mit einem frischen grünen Teppich das Stadtgebiet 
umwob, rötliche Tauperlen, gleich Blutstropfen. 
„Eine schlimme Vorbedeutung für den heutigen Tag," 
sagte Martin Geisler, wie im Selbstgespräch, indem er sich von 
der Zugbrücke aus, die über den Stadtgraben führte, an einigen 
Scheunen und niedrigen Vorstadthäusern vorbei links abwandte 
und einen Fußweg betrat, der ziemlich steil ansteigend zu den 
Teufelsschanzen führte. Es war dies eine dicht mit Eichen 
und Bilchen bestandene Anhöhe, die nur nach der Stadtseite zu 
abgeholzt war, und die ihren Namen daher führte, weil nach 
einer Sage der Leute der Teufel hier einmal einen Wall gegen 
übergroße Wasserfluten errichtet haben sollte. 
„Soweit das Auge den Horizont erreicht, Blut und 
Feuer!" 
Damit schritt er, seinen Gang allmählich mehr beschleunigend, 
rüstig bergan, den Gedanken, die ihn beherrschten, freien Aus. 
druck gebend. 
„O, Ihr Unglückseligen, wie hat Euch Aberglauben und 
überreizte Einbildungskraft doch verblendet und bethört! — 
Mir »lat und Feuer glaubt Ihr Eure Hirngespinste, die ihr 
Euren armen, unschuldigen Opfern andichtet, zu vernichten, 
und wenn der Scheiterhaufen hoch zum Himmel emporlodert, 
wenn arme, unglückselige Menschenkinder mit Wimmern und 
Wehklagen eines erbärmlichen Todes dahinsterben, dann froh- 
lockt Ihr über den Sieg, den Ihr den Höllengeistern abgerungen, 
dann jubelt Ihr in verzückter Begeisterung zu der Gottheit 
empor, der Ihr diese Opfer darbringt! Dann werft Ihr 
Euch in die Brust als die Hüter und Wahrer der Gerechtigkeit! — 
„Thoren die Ihr seid! 
„Leben um Leben, heißts in der Schrift, aber nicht Leben 
um thörichte Wahngebilde!" 
Er hatte die Höhe erklommen, während er stoß- und ruck 
weise diese Ausrufe halblaut vor sich hin murmelte. 
Zu seinen Füßen lag die Stadt. Ein röllicher Sonnen 
blitz traf eben die vergoldeten Knöpfe ber beiden Schwester 
türme, die über der Marienkirche sich erhoben und verbreitete 
einen hellen Strahl weit in das Land hinein, so daß er wie 
geblendet sich wegwenden wußte. 
Unten an der Kladow emlang fuhren zwei Zechower 
Bauern mit ihren Wagen, die mit Scheit- und Knüppelholz 
beladen waren, rechts davon klapperte die Fernemühle in den 
stillen Morgen hinein. 
„Da schleppen sie nun", begann Martin Geisler aufs 
neue, „der Waldeskinder zerfetzte Leiber zum blutigen Schau 
spiel hinein in die Stadt, und rohe Henkersknechte frohlocken 
über das herrliche Fest, das sie heute Abend dem Volke bieten 
werden. 
„Drei Opfer auf einmal! 
„Thoren die Ihr seid! 
„Fühlt Ihr denn nicht die Scham auf Euren Wangen 
brennen, greift es Euch nicht hinein ins Herz und krampst es 
zusammen, gellt es Euch nicht in die Ohren: sie find unschuldig? 
„Aber Ihr fühlt nichts, Ihr hört nichts! 
„Wenn Ihr sie mit glühenden Zangen anpackt, mit 
Schrauben und siedendem Pech ihnen die Glieder zermartert, 
und wenn sie dann in ihrer Angst und Pein alles gestehen, 
was Ihr von ihnen verlangt, so glaubt Ihr Gerechtigkeit 
geübt zu haben, glaubt das Urteil Gottes zu vernehmen. 
„O, über Euch Thoren!" 
Sein Blick fiel auf die Fernemühle. 
„Da hat auch einer gewohnt, der nun Euer Opfer geworden 
ist, das Opfer Eurer — Gerechtigkeit! Wie erschrak der arme 
Mann, als ich ihm mitteilte, welchen furchtbaren Verdacht der 
Kurpfuscher Euch eingeflüstert. Doch was half es? Wo die 
Geister des Blödsinns, des Aber- und Hexenglaubens walten, 
da flieht die Vernunft, und jeder vernünftige Mensch thut 
am besten, wenn er gleichfalls flieht. 
„Ja, ja, Ihr edlen, hochweisen Herren des Landsberger 
Rats, ich war es, der dem Fernemüller und seiner Familie 
zur Flucht verhalf, ich war es, der ihm den Anschlag verriet, 
den Ihr gegen ihn geplant! Zu meinem eigenen Scheiter 
haufen wäret Ihr imstande das Holz zusammen tragen zu 
lassen, wenn Ihr das wüßtet, und wenn Ihr nicht den Mark 
grafen Johannes fürchtetet, dessen Diener ich bin!" 
Auf dem höchsten Wall der alten Wendenschanze setzte 
sich Geisler nieder und stützte das Haupt in die Hand, weh 
mütig vor sich hinblickend. Ein Pirol ließ seine langgezogenen 
Pfeifentöne durch den frischen Morgen ertönen, dessen Stille 
nur durch das gedämpft herauftönende Geklapper der Ferne- 
mühle unterbrochen wurde. Er richtete sich bei diesem Klang 
schnell auf, und lauschte, als erwarte er eine Wiederholung 
des Vogelrufs. Indes alles blieb still, und bald entdeckte er 
auch den langgeschwänzten Urheber in den Zweigen einer Buche. 
Enttäuscht sank er auf seinen Platz zurück. 
„Hier an dieser Stelle hat Asmus Müller zum letzten 
mal seine Heimat begrüßt," so hub er wieder an, „hier habe 
ich neben dem armen Unglücklichen gestanden, als er Abschied 
nahm, der einst so reiche und nun gebrochene Mann. — Die 
Thränen rollten ihm über die Wangen. — Es ist grausam, 
einen alten eingewurzelten Baum zu versetzen. — Hier hat 
er mir in die Hand geschworen, daß er an dem Tode des 
Bürgermeisters unschuldig ist. — Nein und zehnmal nein, Ihr 
edlen Herren, er ist nicht schuldig!" 
Drohend erhob er die Hand gegen die Stadt. 
„Mögen die armen Opfer Eurer Folterkammem ihn 
immerhin beschuldigen, wer losgewurzelt wird von der Scholle, 
auf der er geboren und gelebt, wer mit abgetrennten Lebens 
fasern arm und heimatlos hier gestanden hat, wie er, der 
sagt nicht die Unwahrheit! — Wie vor seinem Gott hat er 
mir sein Innerstes blosgelegt. — Er war rauh und wild, 
aber nicht schlecht. — Und wenn Ihr jenen das Fleisch vom 
Knochen entblößet, vermögt Ihr ihnen doch nicht ins Herz zu 
schauen, Gott allein gehört das Gericht!" 
(Fortsetzung folgt.)
        
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