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Periodical volume 31. Dezember 1892, No. 14.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

Unter Mitwirkung 'so.ywj.aw 
von 
Dr. R« Öeringutcr, Dr. A. gtrjcnbickc, ®ijeobotr Fsntane, Stadtrat G. Friobet 
Kerb. Meyer, Gymnasialdirektor Dr. M. KrtTwartz und Ernst V. Mrtbenvrrrrst, 
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XIX. 
Zastrgang. 
Jsi 14. 
herausgegeben von 
Friedrich Lillessen und Richard George. 
Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanstalt (No. 709), Buchhandlung und 
Zeitungsspedition für 2 Mk. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
31. tzkzembrr 
1892. 
levvai un§ Treue. 
Historischer Roman au; der Zeit der 7 jährigen Krieges von E. H. rrrm Dobonrnth. 
1. Buch. 
1. Kapitel. 
ie Cour im Dresdener Schlosse war beendet. Die Ge 
mahlin Augusts III., Kurfürsten von Sachsen und Königs 
von Polen, die Königin-Kurfürstin Maria Josephe, hatte sich 
in ihre Gemächer zurückgezogen. Auf einen Wink der Gräfin 
Ogilvy, der Oberhofmeisterin Ihrer Majestät, waren die 
Hofdamen der Königin nur bis zum blauen Zimmer gefolgt 
und harrten dann im Vorsaale weiterer Befehle. 
„Was wünschen Sie von mir?" fragte die Königin-Kur- 
fürstin befremdet darüber, daß die Oberhofmeisterin hinter sich 
die Thüre schloß, und die Züge der hohen Dame. der stolzen 
Tochter des Kaisers Joseph I. von Oesterreich, verbargen den 
Unmut darüber nicht, daß die Oberhofmeifterin, der sie keines 
wegs gewogen war, sich durch Fernhalten der Damen des 
Gefolges eigenmächtig Gehör unter vier Augen erzwang. 
„Ich habe eine Bitte an Eure Majestät, die ich Ihrer 
Gnade unterbreiten wollte, ehe Sie in der Abendandacht den 
Segen der heiligen Mutier Gottes für die Werke des Tages 
erflehen. Es ist der sehnliche Wunsch des Grafen von Brühl, 
die gnädige Zustimmung Eurer Majestät zu dem Projekte 
einer Verbindung der Baronesie von Rohr mit seinem Neffen 
Gottlob Erich von Beriet zu erhalten." 
Der Blick der Königin heftete sich durchbohrend auf die 
Oberhofmeisterin; sie war überrascht und schien zu argwöhnen, 
daß man ihr zumute, das Werkzeug einer Intrigue zu werden. 
„Ich habe noch nicht bemerkt," versetzte sie, „daß Fräulein 
von Rohr meine Dienste zu verlassen wünscht. Hat Anna 
Ihre Vermittelung angerufen? Und warum scheut sich der 
Graf Brühl, mir selbst sein Begehren vorzutragen. Glaubt er 
etwa, daß es mir angenehm sei, durch Sie veranlaßt zu 
werden, auf etwaige Bedenken zu verzichten?" 
Die Königin sprach das mit bitterer Ironie; man konnte 
aus ihrem ganzen Wesen fühlen, daß sie den Grafen Brühl, 
den ersten Minister und Günstling ihres Gemahls, ebenso sehr 
haßte wie seine Verbündete, die Gräfin Ogilvy. 
Maria Josephe hatte lange vergeblich gekämpft, den all 
mächtigen Einfluß des Grafen Brühl auf ihren Galten zu be 
siegen; der Graf, welcher sich in achtzehn Jahren vom Pagen 
zum Minister empor geschwungen halte und jetzt schon bald 
ebenso lange seinen Monarchen und Gönner vollständig be 
herrschte, halte die stolze Habsburgerin mit seinen Spionen 
umgeben, und alle ihre Versuche, ihn zu stürzen, durchkreuzt. 
Er hatte sie sogar gezwungen, nachdem ihre frühere Ober 
hofmeisterin, die Gräfin Kollowrat, seine Schwiegermutter, ge 
storben war, die Gräfin Ogilvy aus Prag, die völlig in seinem 
Solde stand, als Oberhosmeisterin anzunehmen. Alle Hof 
stellen, vom ersten Kammerherrn bis zum niedrigsten Lakaien, 
waren von Brühl besetzt, ohne dessen Willen niemand dem 
Ohre des Königs nahte, und Maria Josephe hatte sich schließ 
lich darin fügen müssen, auf den Kampf zu verzichten. Sie 
war nie schön gewesen, halle niemals jenen Zauber über ihren 
Gatten geübt, der oft selbst in der Erinnerung noch mächtig 
ist. und sie spielte am Hofe zu Dresden die Rolle der Kur- 
sürstin-Königin, ohne es in Wahrheit zu sein. 
Die stolze Habsburgerin suchte Trost im Gebete, sie nahm 
jede Demütigung als eine ihr von Gott auferlegte Prüfung 
hin, aber ihr Herz verzichtete nicht auf die Hoffnung, daß 
der Tag kommen werde, der sie von dieser Pein erlöse und 
ihr Rache bringe an ihrem Feinde. 
„Majestät." versetzte die Gräfin Ogilvy, welche der 
Monarchin doppelt verhaßt war, weil sie Frömmigkeit nur 
zur Schau trug und unter der Maske einer Heiligen das 
Gold begierig einscharrte, das ihr Brühl für ihre Dienste 
zahlte, „ich würde mich ohne besondere Ursache nicht in eine
        
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