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Periodical volume 24. Dezember 1892, No. 13.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Dom „Düstern Keller" llei Berlin. 
Von Ferdinand Mo»7er. 
Anfangs der vierziger Jahre erschien in den Schaufenstern 
unserer Kunsthandlungen eine Lithographie, welche ein völlig 
schwarzes Rechieck darstellie, mit der Unterschrift: Berlin bei 
Nacht, vom Düstern Keller aus gesehen. Nach der 
Naiur gezeichnet von Anastasius Grün spähn. 
Dieses schwarze Blart bildere eine harmlose Satyre 
auf die damalige Straßenecleuchrung und — halte die Lacher 
auf seiner Seile. Es soll uns zunächst veranlassen, einen 
Rückblick aus die früheren Beleuchtungs-Zustände unserer 
gulen Valerstadt zu werfen. 
Vor nunmehr 66 Jahren — am 19. September im 
Jahre des Heils 1826 — brannten die ersten Gasflammen 
in der preußischen Hauptstadt, und zwar Unter den Linden, 
vom Brandenburger Thor bis zum Königlichen Palais — 
„in zierlich eingerichteten Lampen auf Säuleu von Gußeisen." 
Ueber den Eindruck, den diese Erleuchtung hervorbrachte, 
lesen wir: „Noch vor 50 Jahren würde man denjenigen 
verlacht haben, welcher es als möglich dargestellt hätte, daß 
eine ganze Stadt mit brennbarer Luft erleuchtet werden könne. 
Ist es doch selbst jetzt noch den Leuten kaum begreiflich zu 
machen, wie man mit nichts — so nennen sie alles, was sie 
nicht sehen und mit dem Stocke fühlen — ein Licht erzeugen, 
ja überhaupt irgend etwas bewirken könne. Das Märchen ist 
indessen wahr, und mit dem ersten Gaslicht schwand der 
Wunderschein des Unternehmens; alles preist und lobt die 
schöne Wirklichkeit, und denkt nicht weiter an die riesenhaften 
Anstrengungen, welche der Wirklichkeit vorangegangen sind." 
Eine alte, stets wiederkehrende Wahrnehmung, von der 
auch die Gegenwart nicht immer freizusprechen ist! 
Zuvor, im Jahre 1803, war mit den Oellaternen auf 
Pfählen, durch Einführung der sogenannten Rsverbsren oder 
Hohlspiegel-Laternen, eine wichtige Verbesserung vorgegangen, 
indem die doppelt angebrachten polierten Hohlspiegel die hinein- 
sallendeu Lichtstrahlen der Flamme verstärkt zurückwarfen. In 
den Hauptstraßen erhielten die Laternen Granitpfähle; in den 
minder breiten waren sie mittels eiserner Arme an den Häusern 
befestigt, wie dies auch bei der Stadtmauer in ihrer ganzen 
Ausdehnung der Fall gewesen. Dagegen hingen die Laternen 
in den schmaleren Straßen und Gassen an einer quer über 
den Damm gespannten Kette. So heißt es denn auch voll 
Genugthuung in einem damaligen Berichte: „Kein Winkel und 
keine Gasse unserer Stadt ist in den Winiermonaten ohne 
Erleuchtung." — Selbst vor den Thoren erhielt die Um 
gebung der Stadt ihre Laternen, jedoch der Sparsamkeit halber 
auf Holzpfählen. 
Vor dem Halleschen Thore lag nun der „Dustere 
Keller", jenes wegen seines vorzüglichen Weißbieres viel be 
suchte Gartenlokal hart am „Weinbergsweg" (seit 1837 Berg- 
manitstraße), da wo derselbe in die Tempelhofer (jetzige 
Bellealliance-) Straße einmündete. Der eigentliche dustere 
Keller, nach welchem jenes Lokal bis zuletzt seinen Namen 
führte, bildete eine Höhling in dem dahinter gelegenen Wein 
berge; auf ihm — seitwärts an der östlichen Front der Straße 
„Am Tempelhofer Berg" — erhebt sich jetzt die „Societäts 
Brauerei". 
In früherer Zeit war die am Düstern Keller vorüber 
nach Tempelhof führende Landstraße ein von Menschen und 
Tieren keineswegs angenehm zu passierender Kommunikations 
weg, was auch bei dem ohnehin nicht großen Reichtum schöner 
Gegenden um Berlin — und Tempelhof bildete bereits im 
vorigen Jahrhundert für die Berliner eine erquickliche grüne 
Oase im märkischen Sande — schwer empfunden wurde. 
Blicken wir noch einmal auf das Erlenchtungswesen des 
Jahres 1803 zurück, so zerfiel dasselbe in 60 Laternen- 
Reviere mit einer gleichen Anzahl von „Laternenmännern", 
welche am Tage die Laternen zu putzen, die Oellampen zu 
füllen, solche des Abends anzuzünden und des Morgens 
wieder auszulöschen hatten. Die Laternenmänner trugen lange 
blaue Beinkleider, gleichfarbige Jacken mit dunkelrotem Kragen 
(im Winter einen gleichen Rock) und einen runden Hut mit 
Schild. Diese aus invaliden Militärs rekutierte „Erleuchtungs- 
Jnvaliden-Kompagnie" war in 5 Korporalschaften geteilt, 
deren jede unter einem Aufseher oder Unteroffizier stand, 
welcher als Abzeichen einen kurzen Säbel trug. Ueber jene 
führte ein Feldwebel das Kommando, während an der Spitze 
des ganzen, von der Königlichen Polizei-Direktion ressortierenden 
Erleuchiungswesens ein Offizier oder Direktor fungierte. 
Hatte die Stadt bis dahin zur Straßenerleuchtung nichts bei 
getragen, so mußte sie nunmehr zu den jährlichen Verwaltungs 
kosten von 38 000 Thalern eine Beisteuer von 15 147 Thalern 
zahlen. 
Die neue Einrichtung sollte gleichwohl zu lauten Klagen 
Veranlassung geben. Vom 1. Mai bis 1. September brannten 
die Laternen überhaupt nicht, so daß „bei großer Dunkelheit 
in den Straßen hin und wieder Unglücksfälle sich ereigneten, 
namentlich bei der Beendigung des Schauspiels und der 
Konzerte, wo der starke Wagenverkehr das Getümmel in den 
Straßen vermehrte." Infolge dieser und ähnlicher Beschwerden 
stellte der Magistrat den Antrag, daß die Straßenerleuchtung 
bis Milte Mai fortgesetzt, und vom 15. August ab mit der 
selben wieder angefangen würde — wenn nicht etwa das 
Mondlicht die Laternen entbehrlich machen sollte. 
Mittlerweile war, im Jahre 1815, in London die erste 
Straßenerleuchtung eingeführt worden. König Friedrich 
Wilhelm III. beauftragte daher den Minister des Innern 
und der Polizei, v. Schickmann, mit der Englischen 
„Jmperial-Continental-Gas-Association" einen Vertrag behufs 
Einführung der Gasbeleuchtung, und zwar vom 1. Jan. 1826 
ab, auf die Dauer von 21 Jahren abzuschließen. Der Staat 
gewährte zu den Einrichtungen und Anlagen einen Beitrag 
von 31 000 Thlr. unter der Bedingung, daß nur preußische 
Landesprodukie als Materialen zur Verwendung gelangten. 
Innerhalb der drei ersten Jahre sollten 2800 Laternen her 
gestellt werden, welche nicht weniger als 300 000 Fuß eiserne 
Röhren mit einem Gewicht von 60 000 Centnern erforderten; 
jedoch waren bis 1835 erst 1789 Laternen aufgestellt, deren 
Flammen nur bis 1 Uhr morgens brannten. 
Die bedenklichen Folgen davon traten alsbald zutage: 
Die meisten Diebstähle fanden nach jener Stunde statt, 
die Militärwachen konnten ihrem Dienste nach Mitternacht nur 
ungenügend vorstehen, und die Steuerrevision an den Thoren 
wurde unmöglich gemacht. Gegen Gewährung eines städtischen 
Zuschusses von jährlich 49 062 Thlrn. brannten nunmehr die 
Laternen bis zur Dämmerung (3 Uhr morgens) weiter; 
dann übernahm die Stadt mit Ablauf des Vertrages die Er 
leuchtung der Straßen.
        
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