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Periodical volume 17. Dezember 1892, No. 12.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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meine volle Anerkennung, so daß ich freiwillig den doppelten 
Preis zahlte; ich steckte den Hampelmann in die Seitentasche 
meines Ueberrocks und setzte meinen Weg fort, soweit dies 
möglich war, denn meine Schritte wurden immer aufs neue 
gehemmt. Da war eine alte Frau, die au einer langen 
Stange papierne Ketten für den Weihnachtsbaum ausbot; ihre 
Enkelkinder hatten sie daheim geklebt, recht bunt und grell, 
blau, rot, grün und gelb. Neben ihr stand die Enkelin, ganz 
weiß vor Frost im Gesicht, nur das kleine Naschen leuchtete 
rot hervor und schien sich mit den Anfängen eines tüchtigen 
Schnupfens vertraut zu machen. Das Würmchen bol Weih- 
nachlsruteu an, und ich schenkte ihm mitleidig ein Nickelstückchen, 
von denen ich einen ganzen Vorrat in meiner kleinen Tasche 
entdeckte. Dort am Brückengeländer saß ein Bürschchen und 
rief seine Schäfchen aus, wahre Ungetüme, aus Holz und 
Watte zusammengekleistert; aber der kleine Söhlke in Taschen 
format war sehr stolz auf die Erzeugnisse seiner Kunstfertigkeit 
und schrie tapfer ununterbrochen: ,,N' Sechser t’ Schäften, n’ 
Dreier n’ Knarre!" So hatte er es von seinem Großvater 
gelernt, der auch vor sechzig Jahren „Schäfken" verkauft hatte 
und immer noch nach Sechsern und Dreiern rechnete. Auch 
diesem Vertreter vaterländischer Kleinindustrie warf ich 
ein aufmunterndes Geldstückchen zu. Du lieber Himmel, ob 
ich mein Geld in irgend ein Depot gebe, wo ich es nie wieder 
sehe, oder hier den kleinen Händlern, das kommt doch auf 
eins heraus, diese suchen es wenigstens durch ehrliche Arbeit 
zu verdienen. Sonderbar, so oft ich einen der so billigen 
Wohlthäligkeitsakle vollzog, verspürte ich in meiner Tasche 
einen merkwürdigen Ruck, es schien, als wollte der Hampel 
mann seiner Freude über meine kaum der Rede werte Wohl 
thätigkeit Ausdruck verleihen. 
Ich stellte mich auf eine Bordschwelle und ließ das bunte 
Weihnachtsbild in seiner ganzen Mannigfaltigkeit auf mich 
wirken. Rechts baute sich die wuchtige Masse des Schlosies 
auf, der weite Platz davor flimmerte von unzähligen Lichtern; 
die Gaslaternen zogen in dem scharfen Frost einen in den 
Regenbogenfarben schillernden Lichtkreis um sich, darüber hin 
weg sandten die elektrischen Lampen ihren milchweißen Schein 
und dort, hinter dem Turme der alten Marienkirche kam der 
berühmteste aller nächtlichen Lichtzauberer, der Mond hervor. 
Er spielte mit den zerflatternden Schneewolken, die bald weiß, 
bald schwefelgelb aufleuchteten; zuweilen steckte er sein gut 
mütiges Gesicht unverhüllt hervor und überschüttete das ameisen 
artige Getriebe da unten mit hellen Lichtfluten, weckte auf der 
kupfernen Kuppel des dunklen Doms einen falben Wiederschein 
und balgte sich dann aufs neue mit den Wolken herum, die 
gleich silbergepanzerteu Rittern mit wallenden Mänteln auf 
dampfenden Nebelrossen gegen ihn zum Kampf anstürmten. 
„Nicht wahr, das alte Berlin hat doch auch seine Schön 
heiten?" hörte ich plötzlich jemand neben mir sagen. Erstaunt 
drehte ich mich um und gewahrte einen alten Mann, der mir 
außerordentlich bekannt vorkam. Wahrhaftig, es war niemand 
anders als der Hampelmann, der mir ganz heimlich aus der 
Tasche geschlüpft war und jetzt neben mir stand, genau so wie 
er in den Bilderbüchern abgebildet ist, mit grauem Pelzmantel 
und beschneiter Pudelmütze. 
„Sie wundern sich, lieber Herr." sagte der Alte, daß ich 
mich so hinterrücks aus meinem Gewahrsam befreit habe, aber 
Sie erkennen wohl, daß Sie keinen gewöhnlichen Hampelmann 
gekauft haben, sondern daß ich, der alte Knecht Ruprecht, nur 
jene Gestalt angenommen habe. Sie gingen verschiedenemale 
an mir vorbei, ohne mich zu beachten; da verwandelte ich 
mich flugs in eine Ziehfigur und gelangte alsbald zu meinem 
Ziel. Ich bin nun mal ein alter Spaßvogel, halten Sie mir 
diesen kleinen Scherz zu gut." 
„Ich wüßte nicht, welche Bekanntschaft mir lieber sein 
könnte, als die Ihrige." entgegnete ich, kräftig die dargebotene 
Hand schüttelnd. „Von Kindesbeinen an habe ich Sie als 
eine wohlbekannte Erscheinung liebgewonnen. Auch bei uns 
zu Hause gab es am heiligen Abend einen leibhaftigen 
Weihnachtsschenker, als welchen sich ein loser Schalk ausge 
kleidet hatte. Wie fürchteten wir seine Rute, wie verlangend 
blickten wir auf den Sack mit Aepfeln, Nüssen und Spielzeug, 
den er am Schluß seiner bärbeißigen Rede auf den Boden 
ausschüttete. Ja. wir glaubten fest und steif daran, daß es 
einen Weihnachtsschenker gebe, und jetzt erkenne ich ja, daß 
mich dieser Glaube nicht getäuscht hat. Seien Sie mir herz 
lich willkommen! Wie freue ich mich, persönlich einen der 
guten Geister kennen zu lernen, die in der stets wachsenden 
Weltstadt immer seltener werden." 
„Ja, Sie haben recht, immer seltener," brummte der Alte 
wehmütig. „Unsere Stunde hat geschlagen, bald werden wir 
alle verschwunden sein, und die Welt wird immer alltäglicher 
und nüchterner. Man versteht uns nicht mehr, wir haben 
uns überlebt, sind altes Gerümpel geworden, über das man 
spottet. Es ist nicht mehr das alte, gemütliche Berlin aus 
Großvaters Zeiten, alles ist abgeschliffen und modern. Mich 
selbst hat erst gestern ein Schutzmann arretieren wollen, weil 
ich keinen Gewerbeschein besäße. Den hätte ich nicht nötig, 
erwiderte ich, mein Privileg stamme schon aus den Zeiten der 
alten Markgrafen." 
„Und was sagte der Polizist?" 
„Er wollte mich erst wegen Beamtenverhöhnung arretieren, 
dann ließ er mich stehen, denn er dachte wohl: Dem Alten 
ist bei der Kälte eine Schraube losgegaugen." 
Wir lachten beide und schritten langsam vorwärts. Der 
Alte versank in Nachdenken, dann sagte er endlich traurig: 
„Heute gehe ich zum letztenmal an dieser Stelle, man hat uns 
gekündigt, die alten Buden und all der altvaterische Kram 
passen nicht mehr in die vornehme Gegend. Und ich dächte, 
wir hätten doch ein gutes Recht darauf. Von hier aus ist 
Berlin groß geworden, ich habe es wachsen sehen seit Jahr 
hunderten: fröhliche und traurige Weihnachten in guter und 
schlechter Zeit haben wir eingeleitet mit dem Aufbau unserer 
armseligen Buden. Freilich, wer will heute noch etwas von 
dem Berliner Weihnachtsmarkt wiffen? Jetzt muß alles in 
den teuren Läden gekauft werden in der Leipziger- und 
Friedrichstraße; der plundrige Markt ist nur noch für die 
armen Leute. Und doch waren wir bei Hof einst sehr an 
gesehen." 
„Davon müssen Sie doch viel erzählen können, wie über 
haupt von der alten Zeit," warf ich ein, in der Hoffnung, 
von dem redseligen Alten etwas über das Weihnachtsfest im 
alten Berlin erfahren zu können. 
„O ja, o ja, das dächt' ich auch." sagte er geschmeichelt. 
„Ich kann weit zurückdenken und habe mir alles wohl gemerkt. 
Ja, davon weiß ich mancherlei zu erzählen. Das find jetzt 
gerade dreihundertunddrei Jahre her, da übten dort oben auf
        
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