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Periodical volume 10. Dezember 1892, No. 11.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

124 s- 
Der Fernemüller und fein Weib. 
Ein Stück märkischer Geschichte von Rudolf GrKert. 
(1. Fortsetzung.) 
Der Bürgermeister hob beschwichtigend die Hand gegen 
den Richter und wandte sich wieder an den Fernemüller. 
„Ich weiß es," begann er eindringlich und ernst, „Ihr seid 
ein jähzorniger, böswilliger Mann, wenn Ihr trunken seid, 
und Ihr seid heute wieder trunken. Wäret Ihr zu mir ge 
kommen und hättet mich bescheidentlich gebeten, ich hätte Euch 
sicherlich entbunden von der Anspannung zur Dorfreise, ich 
bin nicht harr und ungerecht. Um Eures Sohnes willen, der 
gar nicht von Euerer Art ist, und dem Ihr noch sein väterlich 
Erbteil verbringen werdet, hätte ich nachgegeben; aber durch 
diesen herrischen Ton, durch Eure Grobheiten habt Ihr nicht 
bloß mich, sondern auch die Würde, die ich bekleide, beleidigt, 
und so erkläre ich Euch denn, daß Ihr morgen die Anspannung 
zur Dorsreise stellen werdet, und sollte ich mit 20 Schützen 
und allen Ratsdienern und Markimeistern Euch die Pferde 
aus dem Stalle holen. Und nun weise ich Euch hinaus aus 
diesen Räumen, in denen ich der Herr bin. und die Ihr durch 
Euer unflätiges Benehmen entweiht habt. Hinaus, oder ich 
lasse Euch durch die Sladtdiener hinausschaffen." 
„Hinaus!" rief der Stadtrichter. 
„Hinaus," dröhnte der Chorus des Rats dem Fernemüller 
entgegen, indem die Mitglieder desselben sich vor den Bürger 
meister stellten, und die Stadtdiener, darunter Baltzer, herbei 
eilten. 
Einen Augenblick zögerte der Fernemüller noch, mit den 
Zähnen knirschend. Er hob den Arm, um sich auf den Bürger 
meister zu stürzen, doch fünf Fäuste ballten sich ihm entgegen. 
„Das werde ich Euch gedenken, Bürgermeister!" schrie 
er dann in voller Wut, „ich werde Euch eine Suppe einbrocken, 
an der ihr zeitlebens zu essen haben werdet."*) Damit 
wandte er sich und verließ dröhnenden Schrittes das Ratszimmer, 
ging die steinerne Treppe des Rathauses herunter über den 
Markt, an der Gerichtslaube und den Fleischerscharren vorbei, 
die Gerichtsstraße (Richtstraße) entlang bis zum Zantocher Thor. 
Der Thorschreiber saß gerade vor der Thür der Thor- 
wachlstube und begrüßte ihn freundlich, als er vorbeischritt, um 
sich über die Zugbrücke und den Stadtgraben an der Gertrauden 
kapelle vorbei nach seiner Mühle zu begeben; hatte er doch 
von ihm schon so manchen Heller erhalten, wenn Asmus 
abends noch spät nach schwerer Sitzung mit den Kastenherren 
oder andern guten Freunden aus dem Ratskeller heimkehrte, 
und er ihm das Thor wider den Befehl des Rats heimlich 
öffnete und ihn hinausließ. Dabei war es oft genug vor 
gekommen, daß Asmus auch noch in der Wachtstube, namentlich 
bei Winterszeit, bei prasselndem Feuer einen Augenblick ver 
weilte und seinen Freunden, die sich grade unter den wacht 
habenden Schützen befanden, Bescheid that. Er war ein gar 
reicher und angesehener Mann der Fernemüller, besaß er doch 
zwei Mühlen, die Fernemühle und die Vierradenmühle, und 
jetzt nach der Erbauung der Schneidemühle gar drei. Auch 
gefällig und gemütlich konnte der Müller sein, erst vorigen 
Winter, als die Eulamer das Wachtholz, das sie, wöchentlich 
vier Fuhren, für den Rat zu-liefern hatten, zu spät angefahren 
hatten, hat er noch mitten in der Nacht seinen Mahlknecht 
*) „es werde ihm zum Unzeich gedeihen", so berichtet der Chronist, 
hat der Fernemüller geäußert. 
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unter Friedrich item Grrchen. (6. 181.) 
Aus! Jederzeit kampfbereit! (Verlag von F. HirtLSohn in Leipzig.)
        
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