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Periodical volume 3. Dezember 1892, No. 10.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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so viel Arbeit und Kosten zuwenden? Die Antwort ist die. 
daß die Seidenindustrie im Mittelpunkt der gesamten wirt 
schaftlichen Politik Friedrichs des Großen stand und in ihr 
stehen mußte. Denn der Versuch des Großen Kurfürsten, den 
Nachteil auszugleichen, welchen Deutschland gegen die nationale 
und territoriale Ausgestaltung der übrigen europäischen Reiche 
zu großen Staatswesen erlitten hatte, war an deni Mangel 
der Kräfte des Landes schließlich gescheitert, und auch Branden 
burg sah sich genötigt, durch schutzzöllnerische Maßregeln mit 
unzureichend oder gar nicht vorgebildeten Elementen aus sich 
selbst heraus eine wirtschaftliche Einheit erst zu bilden, welches 
den, infolge der staatlichen Bildung auch im Gewerbe und 
Handel weit überlegenen Westen, wenigstens die Wage halten 
und im Osten sich ein Absatzgebiet schaffen konnte. Nun aber 
hatte sich, wie O. Hintze schön ausführt und auch Schmoller kurz 
erörtert, das industrielle Uebergewicht stets in engem Anschluß 
an die feinen Gewebe- 
und vorzüglich die Seiden- 
Jndustrie von Land zu 
Land entwickelt, also daß 
man gerade in dieser 
Industrie nicht nur einen 
begleitenden, sondern ge 
radezu einen der haupt 
sächlichsten Gründe der 
wirtschaftlichen Bedeutung 
eines Landes erkennen 
mußte und daher aller 
Orten mit Eifer, obwohl 
meist ohne rechten Erfolg, 
bestrebt war, sie einzu 
bürgern. Hier schien recht 
eigentlich der Stein der 
Weisen zu liegen, hier die 
eigentliche Kunst, ein Land 
reich und blühend zu 
machen. Und in der 
That, da Kohle und Eisen. 
Dampf und Elektrizität 
noch keine Rolle spielten, ’ 
war es auch so. und der 
thatsächliche Bedarf an 
Seide auch in Preußen ein außerordentlich hoher. 
Aeußerlich, aber doch bezeichnend für die große Bedeutung der 
Seidenindustrie jener Tage ist,, wie beispielsweise angeführt 
werden kann, gewiß die Thatsache, daß das Zedlersche 
Universal-Lexikon, d. h. das damalige Konversations-Lexikon 
im Jahre 1743 ihr allein über 60 Folioseiten widmet, von 
ihreni Betrieb in Deutschland aber weiß es kein Wort zu 
melden. 
Friedrich II., ganz den Grundsätzen seines Vaters folgend, 
entsprach daher vollkommen den Bedürfnissen seines Staates, 
wenn er nunmehr, nachdem sein Vater sozusagen den Urwald 
gelichtet, die Förderung der Seidenindustrte zu seiner vor 
nehmsten wirtschaftlichen Aufgabe machte, und wieder deren 
Betrachtung giebt uns den Maßstab zur Beurteilung des 
ganzen wirtschaftlichen Systems des Königs. 
Man erkennt demnach, wie außerordentlich wichtig es 
war-, gerade die Geschichte dieser Industrie der Bearbeitung 
zu unterziehen, und jeder, der von dem Werke eingehendere 
Kenntnis nimmt, wird sich freuen über die saubere und schöne 
Lösung, welche sie durch Hintze erhallen hak. Viel umfassender 
als sonst Einleitungen zu Urkundenwerken angelegt werden, hat 
Hintze im dritten Bande nicht nur dem Leser den Weg durch 
die Masse des Stoffes gebahnt, sondern diesen vielmehr 
systematisch dargestellt. Der Sache nach gliedert sich diese 
Darstellung, wie das Urkundenbuch — nach einem, die früheren 
Bemühungen von 1686—1740 behandelnden, Abschnitt — 
nach den Einflüssen, welche der siebenjährige Krieg, d. h. das 
furchtbarste Hemmnis der wirtschaftlichen Thätigkeit Friedrichs 
ausgeübt hat. Die Jahre von 1740, inbesondere von 1746 
bis 1756 sind die Zeiten des fröhlichen und hoffnungsfrohen 
Beginns, während des Krieges wird, man kann eigentlich nicht 
genug staunen, das Begonnene in großer Stetigkeit fort 
geführt und, als die Folgen des Krieges auf wirtschaftlichem 
Gebiet nach dem Friedens 
schluß mit voller Gewalt 
sich kenntlich machen, wird 
es dennoch durchgehalten, 
bis endlich gerade dieser 
Umstand den unvermeid 
lichen Fall beschleunigte. 
Denn als die durch die 
Kriege veranlaßte, über 
ganz Europa seit 1763 
ihreKreise ziehende Krisis, 
auch Berlin im Jahre 
1766 erfaßte, zerstörte 
sie die bisherigen Schöp 
fungen in der Haupt 
sache, und nunmehr fing 
der König, ungebeugt 
durch das Unglück, voll 
ständig von vorn an und 
erschuf die Seidenindustrie 
noch einmal ganz neu. 
Erst seine Nachfolger ern 
teten bekanntlich, wie 
überall so gerade auch 
auf wirtschaftlichem 
Gebiet, was der König 
gesäet hatte, und um die Wende des Jahrhunderts 
hatte Preußen — eben weil seine östlichen Provinzen nun 
mehr ebenso ein wirtschaftliches Ganze bildeten, wie sich die 
westlichen mit ihren Nachbarländern hauptsächlich wohl durch 
den Besitz des Rheins schon früher zu einem solchen zusammen 
geschlossen hatten — im Handel und Gewerbe eine so hohe 
Stellung erreicht, daß es in der vordersten Reihe seinen Platz 
behauptete. Der Friede von Tilsit, die französische Kon 
tribution, die Handelssperre gegen England, Napoleon haben 
dann auch diese Blüte geknickt. 
Gehen wir etwas näher auf die Sache ein, so müssen 
wir die Nebenzweige der Sammet- und Seidenindustrie, wie 
die Halbseide-, Seidenband- und Seidenstrumpf-Fabrikation, 
und überhaupt das Technische der Fabrikation (über welche 
Hintze in einer sehr praktischen Form, der der alphabetischen 
Reihenfolge orientiert) leider außer Acht lassen. Ebenso be 
merken wir von vornherein, daß es sich für uns hier nur um 
Korlinrv 
Meilzbierpffilister. 
AuS dem Prachiwcrkc: 
„Berliner Pflaster."
        
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