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Periodical volume 3. Dezember 1892, No. 10.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Säulen und hohen Bogenwölbungen selbstgefällig um. — 
„Ja, ja, Herr Bürgermeister," begann nun Andreas Budach, 
der Ratsherr und Obermeister der Tuchmacherinnung, „das 
Geschäft des Rats im Weinkeller blüht heut wieder." 
„Grüß Euch Gott, Meister und Kollege, zurück von der 
Stettiner Reise?" 
„Gottlob ja und wohlbehalten, mußt mir doch auch das 
neue Wunderwerk des Frankfurter Bauherren besehen, der den 
neuen Ratskeller aufgeführt hat. Es ist ein prächtiges Ge 
wölbe geworden und wie es scheint der Anziehungspunkt der 
ganzen Stadt." 
„Seid Ihr wirklich nur des Kellers halber hergekommen 
oder hat Euch nicht etwa auch der neue Stadtseiger so zufällig 
hergelockt?" fragte der Stadtrichter. 
„Wenn ich ehrlich sein soll, beides. Wenn man Monate 
lang fortgewesen ist, freut man sich über jeden neuen Fort 
schritt der Vaterstadt und ist auch begierig, das Neue zu 
sehen." 
„Was befehlen Euer Ehrbaren?" fragte jetzt der Küfer 
bursche den Bürgermeister. 
„Ein Glas Kanarienwein, der hat Feuer im Leib!" 
„Ich mag die fremden Weine nicht," mischte sich nun 
Elias Kästner, der Apotheker, ein; „der Jugend mögen sie 
taugen, aber das Alter will sich nicht mehr gern erhitzen. 
Da lobe ich mir unseren heimischen Landwein, den Gubener, 
Landsberger und Wepritzer; sind sie auch nicht besonders süß 
und auch nicht schwer, so find sie doch rein und klar, der 
heurige ist ausnehmend schön, das pure Gold. Das dunkle, 
trübe und scharfe Zeug mit seinem Zimmt- und Nelkengeruch 
ist mir zuwider." 
„Er erinnert Euch wohl zu sehr an Euere Apotheke?" 
fragte der Bürgermeister spitzig zurück, über diese freie Kritik 
seiner Geschmacksrichtung etwas geärgert. 
Martin Geister, der Hofrichter, aber beugte sich zu dem 
Bürgermeister herüber und flüsterte ihm ins Ohr: „Das redet 
er nur, weil ihm Kanarienwein zu teuer ist." Alsdann fragte 
er laut: „Was kostet denn heuer der Wepritzer?" 
„Nun, das Viertel kostet 13—15 Thlr.," erwiderte der 
Bürgermeister. 
„Und der Kanarienwein?" 
„Ei, der ist teurer, den bezahlt der Rat das Viertel mit 
20—25 Thlr. und darüber." 
„So erspart Ihr jährlich doch ein recht hübsches Sümmchen, 
wenn Ihr nur Wepritzer trinkt." 
„Ah, bah sparen, davon ist unser Apotheker kein Freund, 
ebensowenig wie er eitel ist!" meinte Andreas Budach. 
„Was wollt Ihr damit sagen?" 
„Beruhigt Euch. Apothekerchen, an das Gemälde des 
Paulus, das Ihr der Marienkirche zu Landsberg geschenkt habt, 
und das Euch so verzweifelt ähnlich sieht, habe ich dabei nicht 
gedacht/") 
Der Apotheker biß sich in die Lippen, den anderen huschte 
ein Lächeln über das Gesicht, laut zu lachen wagte indes 
keiner, aus Rücksicht auf den Apotheker. 
„Und ich bleibe dabei," tönte die-Baßstimme des Stadt. 
’) Der Apotheker hatte sich selbst abkonterseien lassen, da« Bild ist 
noch erhalten. 
richters Hans Sturlebusch dazwischen, der dem Gespräch eine 
andere Wendung geben wollte, „ein gutes Glas Bier von 
Bernau oder Guben ist das gesündeste und beste." 
„Verschmäht Ihr das heimische Gebräu?" 
„O nein, unser Märzenbier ist gewiß nicht zu verachten, 
und wie Ihr seht, mundet es mir auch vortrefflich. Wollte 
Gott, daß im Ratskeller nie schlechtere Sötte verschenkt würde!" 
„Ja, darauf stoße ich mit an." rief der Apotheker, froh, 
daß er von den peinlichen Erörterungen erlöst war. „Auf guten 
Stoff und auf den Ratskeller!" 
„Darauf könnt Ihr auch getrost anstoßen," meinte der 
Bürgermeister, „denn in diesem Jahre hat der Keller dem Rat 
ein ganz erkleckliches Sümmchen von über 250 Thaler ein 
gebracht/") 
„Das lobe ich mir," rief Andreas Budach. „Ein schlechter 
Kaufmann, der ohne Profit handelt! Doch im Vertrauen 
Bürgermeister, was kostet denn dem Rat der Brunnen, der 
auf dem Markt jetzt neu errichtet ist, und dessen Wasser ich 
vorhin im Vorbeigehen so anmutig plätschern hörte? Da wird 
der ehrbare Rat wohl tief in den Beutel gegttffen haben." 
„Da merkt man wieder, daß Ihr lange fortgewesen seid! 
Garnichts kostet der Brunnen. Peter Rakow hat ihn der 
Stadt zum Besten bauen lassen, um seine Baukunst zu zeigen. 
Haben über 14 Tage an den hölzemen Röhren gezimmert, 
mit denen sie das Wasser von den Bergen auf unseren Markt 
geleitet haben." 
„Und den Roland, das Wahrzeichen der Stadtselbständig 
keit, habt Ihr so ruhig darauf setzen lassen. Wenn der nun 
herunterfällt und ferne steinerne Nase verliert!'") 
„Dann setzt ihm der Apotheker eben eine aus Siegelwachs 
an," meinte der Stadtrichter. 
„Nehnrt die Euere nur in Acht," höhnte der Apotheker 
zurück, „wer sie in alles steckt —" 
„Ja, ja, das Wahrzeichen der Selbständigkeit," begann 
der Bürgermeister und schnitt damit den Streit ab. „ist der 
Roland einmal gewesen. Früher war dies Wahrzeichen be 
rechtigt, da waren wir freie Bürger einer freien Stadt, und 
nur unserem gnädigsten Landesherrn Rechenschaft schuldig, 
aber was haben sie nicht alles uns aufgepackt, eine Regierung 
in Küstrin, der wir über unser Thun auf Schritt und Tritt 
Rechenschaft geben müssen, ein kurfürstliches Amt in Himmels- 
städt, das uns aufpaßt und bevormundet." 
„Der Bürgermeister hat recht," rief der Apotheker da 
zwischen, „wißt Jhrs denn nicht, wie seine fürstlichen Gnaden 
der Markgraf Johann den Rat in Küstrin haben bei Winter 
kälte auf dem Hof warten lassen, und wie er sie dann an 
gefahren hat, weil sie immerzu mit Querelen kämen, die neue 
Holzordnung wäre für sie noch viel zu gut?) Geht mir weg 
mit der Stadt-Selbständigkeit, die ist zum Teufel, mag der 
Roland auch zum Teufel gehen!" 
„Seht doch den Apotheker an, der wird ja ordentlich 
pathetisch. Habt wohl auch in Küstrin mit eins auf den Pelz 
gebrannt gekriegt?" meinte Valentin Karge, der Kämmerer, 
der am anderen Tische saß. 
„Ach. es ist nur wegen der Rolandsnafe!" meinte der 
Stadtrichter. 
Historisch. 
’) Ist späterhin wirklich geschehen, 
fl Historisch.
        
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