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Periodical volume 26. November 1892, No. 9.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Damil gehet sie von hinnen 
Und spricht leise vor sich hin: 
„Bis ins tiefste Herz ihn kränken 
Wäre Wonne mir und Labsal, 
Sollt ich drum auch sterben müssen." 
Zähne knirschend steigt die Alte 
In den Garten, wo sie Ruth trifft: 
„Edles Fräulein, hört! ich wollte 
Sagen nur, ich kehr' nicht wieder, 
Denn geheilt ist Dochows Wunde, 
Und er soll daß Roß bald satteln, 
Ehe ihm zwei blaue Augen 
Andres, tiefes Herzleid schaffen." 
Eine feine Röte steiget 
In die Wang' Ruth Ehrenreichs: 
„„Dankbar wird Dir sein der Junker,"" 
Spricht sie freundlich zu der Alten, 
„„Aber sag. wer hals gelehrt Dich, 
Daß die Heilkraft aller Pflanzen 
Dir bekannt ist unb vertraut?"" 
„Das Geheimnis hat vererbt fich 
Und es wird in unsrer Sippe," 
Wohl bewahrt," giebt Antwort Mara. 
Aber Ruth fragt sie verwundert: 
„„Stolpe ist nicht Deine Heimat, 
Sage doch, wo kommst Du her?"" 
„In dem Landstrich, der die Zauche 
Wird genannt, fitzt meine Freundschaft, 
In Lehnin, dem Klosterdorfe. 
Einst kam Herr Johannn, der Markgraf, 
In das Kloster, und sein Kriegsknecht 
Wenzel fand an mir Gefallen; 
Ich war Wittwe, frei und ledig, 
Und zog mit, 's war in dem Jahre, 
Da der Klosterzögling mitkam, 
Jener Findling, dem der Abt 
Hermann Pritzwalk seinen Namen 
Aus Barmherzigkeit gegeben." — 
„„Dem der Abt den Namen gab?"" 
Fragt zum Tod erschrocken Ruth, 
„„Sprich, wie heißet Hermann sonst?"" 
Mara wiegt den grauen Kopf 
Ernst, bedächtig hin und her: 
„Niemand heißt er, niemand ist er, 
Denn er ward als hilflos Kind 
Vor dem Klosterthor gefunden. 
Und mir brachten sie ins Haus 
Dann das arme, kleine Würmlein, 
Daß ich ihm die Nahrung reichte, 
Die mein Knabe nicht begehrte, 
Der am selben Tag gestorben. — 
Ja, ich weiß es noch wie heute, 
Wie ich an der kleinen Leiche 
Meines Kindes saß und weinte, 
Und wie mir durch Mark und Bein 
Drang der Schrei des fremden Kindes, 
Das ein Klosterknecht mir zutrug. 
„Hier, ich bringe Dir Ersatz," 
Sprach er, weine länger nicht. 
Nimm Dich hier des Findlings an 
Und Dein Schaden solls nicht sein, 
Wenn das arme Ding gedeiht. 
Unter heißen Thränen that ich, 
Wie er sprach, doch als das Kind ich 
Annahm, dacht ich meines Lieblings, 
Der in kühler Erde ruhte, 
Und so kam es, statt Ersatz, 
Sah' ich in dem fremden Knaben 
Nur den Eindringling, und Haß 
Gegen ihn wuchs mir im Busen." 
(Fortsetzung folgt.) 
Najade, bekränzt mit Elsen, 
Flußgöttin heimischer Spree, 
Sanft läßt dein Naß du sich wälzen 
Stromabwärts zum Müggelsee. 
Vom Walde, dem blieb dein Name, 
Der traumhaft im Schatten ruht, 
Bis wo sich vermischt die Dahme 
Mit deiner wendischen Flut; 
Bis wo Du hast Ruh' gefunden 
Im Flusie, den Schwänen hold, 
Wo Spandau den Turm, den runden, 
Läßt ragen voll Frankengold. 
Du hast nur ein schlichtes Rinnen, 
Dar einfach und stille geht. 
Den Weltruhm Dir zu gewinnen. 
Dran hast du gedacht erst spät. 
Wohl rollt mit stolzerem Prangen 
Manch Rinnsal, Europas Zier, 
Vom Newabord, eiSumhangen, 
Fernhin zum Guadalquivir; 
Vom Tajo, camoenSbesungen, 
JnS weite Weltmeer entleert. 
Zur Wolga, die leckeren Zungen 
Den Sterlet schenkt und beschert. 
An unsere Spree. 
Erfrischet hat mich von denen 
Manch eines mit Wogenkuß; 
Wie kommtS, daß allein mich sehnen 
Nach dir ich, o Spree«, muß? 
Daß mehr als der Donau Wallen, 
Die's mächtig zieht zum Euxin, 
Mir täglich du willst gefallen, 
Bescheidener Fluß von Berlin? 
Ich denk' an deine Carinen, 
An Käscher und Angelrut', 
An SlralowS Weiden, im Grünen 
Den Schatten werfend so gut; 
An Aale, die Reusen spenden — 
Ob Fische, ob Schlangen sindS? 
An Frösche mit saft'gen Lenden/ 
Groß wie ein verwunschener Prinz. 
Ich danke in Traum und Wachen 
Dir Spree, an der Kind ich war, 
Für Bad und Eisbahn und Nachen, 
Für Brisen, wehend durchs Haar; 
Für Schuß, der im Binsicht knallet, 
Die Lietze, die Ente schreckt, 
Für Wafferwrasen, der wallet 
Und leidvoll Erinnrung weckt; 
Für tausende von Geschenken, 
Durch dich geboten gar mild. 
Soweit, längs den schilfgen Blänken, 
Die Strömung olivenfarb quillt. 
Sie haben im Lied gepriesen 
Dich wen'ger oft als den Rhein; 
Hast doch zwischen Busch und Wiesen, 
So Ein'ger mit dem gemein. 
Seid beid' ihr nicht deutsche Flüfle, 
Abspiegelnd in euren Well'n 
DeS Vaterlands Grüß' und Süße 
Bei diesem und jenem Cöln? 
Auch wo du springest aus Grotten, 
O Rhein, in der Rhälier Gau, 
Bei Gemswild und bei Marmotten, 
Von Gletschern so kalt, so blau; 
Auch wo du dich birgst in Rohren, 
Mein Spreefluß, als Sorbenkind 
AuS niedrigrem Fels geboren, 
Im KieSbett murmelnd geschwind. 
Da klingtS euch in fremden Zungen: 
Ladinerwort, Wendenlaut. — 
WaS einst an der Wieg' gesungen 
Bleibt bis zum End' uns vertraut. 
Drum möge der Strom gedenken, 
Deß sich die große Stadt labt: 
Kann'S die Berlinerin kränken, 
Daß sie wend'sche Amme gehabt? 
Der Scharfenberger.
        
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