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Periodical volume 1. Oktober 1892, No. 1.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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noch stärkeres Fiasko. Was konnte eine Greisin von fünsund- 
fiebenzig Jahren noch bieten?! — 
Der Vorhang hat sich gehoben, die Bühne ist leer. Da 
tritt aus der linken Coulisse ein kleines, schmächtiges, altes 
Mütterchen hervor, in ein einfaches, schwarzes, seidenes Kleid 
mit gleicher Mantille gekleidet; auf dem Kopf einen schwarzen, 
geschlossenen Hm mit weißer innerer Garnierung über den 
schneeweißen Scheiteln. 
Als das Mütterchen langsam und — nach Art der allen 
Schule — unter drei respektvollen Verbeugungen nach vorn 
tritt, brichr ein donnernder, minutenlanger Applaus aus, 
welchen die rührend-ehrwürdige Erscheinung ganz unwillkürlich 
hervorgerufen hatte. Wieder knickst das Mütterchen lief nach 
allen Seiten, wobei ein leichtes Lächeln über ihre verwitterten 
Züge huscht, während die noch immer mächtigen Augen einen 
Augenblick aufleuchten. 
Es wird still. . . . Das Mütterlein stellt sich in eine 
gewisse Positur, den rechten Fuß auswärts vorgestreckt, so daß 
man den ausgeschnittenen schwarzseidenen Schuh mit den kreuz 
weis gebundenen Bändern sieht. Sie blickt einen Augenblick 
in ein Heft, welches sie in der Hand trägt und beginnt dann: 
„Die Glocke von Schiller", nach dem Titel eine Pause 
machend. 
Ein leises Murmeln der Ueberraschung gehl während 
derselben durch den Saal: „Ist es möglich?! Kann eine 
fünfundsiebenzigjährige Greisin noch eine so sonore, mächiige 
Stimme haben?!" 
Dann erfolgte der Vortrag der herrlichen Dichtung. — 
Oft habe ich seitdem „Die Glocke" von berühmten Künstlern 
und Künstlerinnen sprechen hören, aber keiner und keine hat 
die alte Sophie Schröder darin erreicht, geschweige denn über- 
troffen. Dem tiefen, mächtigen Organe, welches wie die 
eherne Stimme des Schicksals selbst ertönte, hatte die alles 
zerstörende Zeit wenig angethan, was wohl der sorgfältigen 
Schulung der Summe zuzuschreiben war. Kein Ermatten, 
keine Anstrengung, kein Kampf mil verschwindenden Mitteln, 
wie bei der Tochter, machte sich während des langen Vor 
trages, der die ganze Skala der Gefühlserregungen durchläuft, 
irgendwie geltend. Und welche weihevolle, bei aller Mäßigung 
und Einfachheit hinreißende, dem Inneren entstammende und 
im Innersten ergreifende Beredsamkeit, allein durch Adel und 
Wahrheit ihre mächtige Wirkung erzielend! — 
Hier fühlte jeder, daß ihm eine der außerordentlichsten 
Offenbarungen des Genius kundgeworden. — 
Nach dem Schluffe des Vortrags herrschte erst einige 
Augenblicke jene tiefe Stille, welche nur da eintritt, wo ein 
überwältigender Eindruck stattgefunden hat. Dann aber brach 
ein Jubel aus, welcher gar nicht wieder aufhören wollte und 
das Mütterlein zu vielen altmodischen Knicksen nötigte. 
Endlich trat wieder Ruhe ein, und der Vortrag der Ode 
von Klopstock begann. 
Kaum eine unserer heutigen Künstlerinnen würde es wagen, 
ein so einfaches Gedicht, mit dem so wenig „zu machen" ist, 
zu wählen. Und was „machte" — um mich dieses Ausdrucks 
zu bedienen — die alte Schröder damit! 
Wie tief wirkte die schlichte Innigkeit, die — ich möchte 
sagen — fromme Ueberzeugungskraft der Rede, deren leiseste 
Töne vollkommen verständlich bis in die äußersten Tiefen des 
Hauses drangen. Die Deklamation der Schröder war von sehr 
sparsamen und einfachen, aber wirksamen Gesten begleitet. 
Es fiel mir dabei das Wort des alten Königs Ludwig von 
Bayern ein: „Liebe Schröder, Ihre ganze Grazie liegt in 
Ihrem Oberarm." — War sie doch selbst in ihrer Jugend 
nie auch nur hübsch gewesen. 
Daß zum Schluß die greise Künstlerin noch vielfach her 
vorgerufen wurde, ist selbstverständlich. 
Nicht Jugend und Schönheit hätten gleichen Enthusias 
mus erregen können. Man begriff, daß die wahre Genialität 
der äußerlich blendenden Mittel nicht bedarf, um die höchsten 
künstlerischen Wirkungen zu erzielen, und daß das wahrhaft 
Schöne immer das Ureinfache ist. 
Mönch Hermann von Kehnin. 
Ein Märkischer Sang von M. v. Kircii. 
Widmung. 
Wohl liegen lang und schlafen 
Zuni jüngsten Tage hin, 
Die Ballenstedter Grafen 
Im Kloster von Lehnin. 
Was auch die Zeiten gaben, 
Ihr Ruhm steht fest und stark, 
In Drang und Stürmen haben 
Geschaffen sie die Mark, 
In zielbewußtem Ringen 
Zu ihr den Grund gelegt, 
Noch ehe seine Schwingen 
Der Zollernaar geregt. 
Der zog auf ihren Bahnen 
Den wundergleichen Gang — 
Askanier, euren Manen 
Geweiht sei dieser Sang! 
Am Werbellin. 
Von der Werbelliner Heide 
Nimmt die Maiensonne Abschied, 
Und der vielgeschäft'ge Tag 
Hält erschrocken ein im Rauschen, 
Nun ihr Licht er nicht mehr schauet, 
Sondern schon die Frühlingsnacht 
Sieht zum grünen Walde schreiten; 
Dann beginnt der weiße Nebel 
Ueber das Gefild zu steigen. 
Süßes Zwielicht deckt die Ferne 
Und umhüllt die Näh, bis langsam 
Hebt der Mond sich an dem Himmel. 
Seine dunkelrote Scheibe 
Aber wendet sich beim Steigen 
In ein bleiches, lichtes Silber. 
Ueberm Werbellinsee stehet 
Schweigend er und winkt den Sternen, 
Die im Aether sich verbergen 
Und gar scheu und schüchtern thun, 
Vorzutreten und zu leuchten.
        
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