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Periodical volume 4. Oktober 1890, No. 1

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Vom Wappentier der Stadt Berti». 
Von Mstrcrv Srii»ve1>et. 
Es ist ein uraltes Band, welches den Deutschen mit den 
Tieren des heimischen Waldes verknüpft. Aus der liebevollen 
Beobachtung der Bewohner von Flur und Heide, aus der 
Freude an ihrer reckenhaften Kraft und ihrer listenreichen Ge 
wandtheit ist ein gar köstliches Besitztum unseres Volkes, die 
deutsche Tiersage, entsprossen. Der weidlichste ihrer Helden 
aber war ursprünglich nicht König Nobel, der Löwe; es war 
vielmehr der starke Meister Braun, der Bär. 
Wo in der Wildnis der Bär dem Menschen gegenüber- 
rriit, da bildet er auch heul' noch einen nicht zu verachtenden 
Gegner, ja oft einen gefährlichen Feind desselben. Ist der 
Bür indessen gefesselt, wird er gefangen gehalten in Gruben und 
Zwingern oder gar gezähmt, so besitzt er die Sympathie von 
Jung und Alt. Mau lacht über den drolligen Burschen, wenn 
er behaglich sich wälzt und seine Glieder dehnt, an den Pfoten 
saugt oder einen guten Bissen erschnappt, und aus dem Lande 
ist der Bärenführer noch immer ein geni gesehener Gast. Diese 
Zuneigung des Deutschen zum Bären ist uralt. Was Wunder, 
wenn sie ihren Ausdruck auch vielfach in der Sprache unseres 
Volks gefunden hat? — Verfasser dieses aber ist „im Zeichen 
des Bären" geboren: er ist ein Alt-Berliner. Möge es ihm 
hier verstattet sein, auf jene Stellung hinzuweisen, welche der 
Bär im Volksmunde einnimmt. Aus dieser sprachlichen Unter 
suchung wird sich gar manches ergeben, was die Eigenart 
unsres deutschen Volkstums hell und scharf beleuchtet. 
Deutsche Sinnigkeit gab bekanntlich in der Urzeit fast 
jedem größeren Tiere einen bezeichnenden Rainen. Der Wolf 
wurde als „der Eisen grimme" bezeichnet; der Fuchs hieß „Rein- 
hart" oder der kluge Ratgeber, der Häher mit seinem schrillen Rufe 
„Markward", d. h. der Wächter der Grenze oder des Waldes. 
Des Bären ursprünglicher Name ivar von seiner gewöhnlichen 
Farbe abgeleitet und hieß nur „Brun", d. h. Braun. Den 
selben Namen aber wählten auch die edelsten Geschlechter 
Deutschlands, um ihn ihren Söhnen beizulegen; König 
Heinrich I. nannte einen seiner Söhne Brun; — Brun hieß 
auch jener sächsische Edle, welcher die „Brunoswiek", .die 
Niederlassung Braunschweig, begründete. In späteren Tagen 
— sicher aber nicht vor der Reformationszeit — verliert sich 
indeß der Bürenname Brlln oder Braun; der zottige Gesell 
wird jetzt allgemein „Petz" genannt. „Petz" aber ist die 
Koseform des Voruameus Adalbert oder Albrecht, der wörtlich 
„Ruhmesglanz" bezeichnet. Wahrscheinlich hängt dieser Wechsel 
mit der großen Volkstümlichkeit zusammen, welche der Name des 
Grafen Adalbert von Ballenstädt, des Gründers der Mark 
Brandenburg, allmählig gewonnen hatte. 
Freilich: bei seinen Zeitgenossen hieß Adalbert von Ballen 
städt stets nur so und niemals Albrecht der Bär. Auch bei 
den nächstfolgenden Geschichtsschreibern heißt er nur Adalbert 
der Schöne. Nun aberhalle er Zeit seines Lebens mit Heinrich 
dem Löiven im Streite gelegen. Heinrich der Löwe, der Kreuz 
fahrer, der einen Leuen aus dem heiligen Lande in die Heimat 
mitbrachte und einen solchen, in Erz gegossen, in seinem Braun 
schweig warnend und drohend aufrichten ließ, erschien indeß als 
Welfe, als Feind des nationalen Kaisertums der Staufer, als 
Waffenbruder Roms und — als Gemahl der englischen 
Mathilde — gewissermaßen als der Vertreter ausländischer 
Interessen. Es war daher sehr naheliegend, daß man fernem 
Gegner den Namen des heimischen Tierkönigs, des Bären, 
beilegte. Schon im 15. Jahrhunderte findet sich der nieder 
deutsche Spruch: 
„Hinrik de Leuw' un Albrecht de Bar, 
Darto Frederik med dat rode Haar, 
Dal wasien drei Heren, 
De künden de Welt verkehren!" — 
Daß wir das Geschichtliche aber sofort erledigen: „Was 
hat es für eine Bewandtnis mit dem Bären im Wappenschilde 
Berlins?" 
Die um das Jahr 1230 von den beiden brandenburgischen 
Markgrafen Johannes I. und Otto III. gegründete deutsche 
Stadt Berlin oder richtiger „to dem Berlin", d. h. wahr 
scheinlich die Stadt an der seeartigen Ausbuchtung der Spree, 
führte in ihrem ältesten Siegel keinen Bären, sondern nur 
den landesherrlichen roten Adler; — ein Zeichen, daß sie 
von den Ballenstädtern selbst gegründet worden war. Erst 
später treten dem markgräflichen Schilde mit dem roten Adler- 
zwei gerüstete, d. h. mit Kettenpanzern bekleidete Bären als 
Schildeswächter zur Seite. Auf den Siegeln des 14. Jahr 
hunderts zieht ein Bär den Adlerschild, der an seinem Halse 
befestigt ist. hinter sich her: schon war Berlin eine reiche und 
mächtige Stadt. Erst nach der Demütigung von 1448, als 
Berliir im Kampfe mit Friedrich dem Eisenzahn unterlegen 
war, wurde dies stolze Siegel durch ein anderes ersetzt: jetzt 
fassen die Fänge des Adlers in den Nacken des gefesselten 
Bären! Von dem 17. Jahrhundert ab wird dann der bloße Bär 
als Wappentier und Siegelzeichen von Berlin venvendet. Ur 
sprünglich also hatte die Stadt mit dem Bärenzeichen nichts 
zu schaffen; erst der trügerische Klang der nur anscheinend ver 
wandten Wörter „Bär" und „Berlin" veranlaßte unsere Vor 
fahren, sich dieses Tier zum Wappen zil erwählen und dasselbe 
auf Münzen, Siegeln und im Stadtbanner zu führen. Steinerne 
Bären schmücken den Berliner Rathausturm von heut'; ehe 
dem aber stand auf dem Turme des St. Georgen-Thores, 
da, wo jetzt die Köuigsstraße sich mit der Neuen Friedrichs 
straße kreuzt, ein eiserner Bär — mit der linken Tatze sich 
auf den Adlerschild stützend, mit der Rechten eine Helle- 
barde haltend — dem nahenden Fremden ein drohender Gritß! 
Suchen wir nunmehr die Bedeutung klarzulegeu, in welcher 
Meister Petz uns in den Redewendungen unsrer Sprache 
entgegeutrttl! 
In Lessings „Nathan" sagt Daja einmal vom Tempel 
herrn, er sei ein „deutscher Bär". Der Bär ist also gewisser 
maßen ein Sinnbild deutscher Art und Sitte, deutscher Bieder 
keit, aber auch eines recht ungelenken, formlosen Wesens. Der 
gleichen Wortverbindungen lassen sich von den ältesten Zeiten 
bis auf unsere Tage herab verfolgen. Schon Tacitus wun 
derte sich darüber, wie gern unsere Vorfahren, diese stürmischen, 
den Tod verachtenden Kämpfer, von Zeit zu Zeit dem süßen 
Nichtsthun huldigten, dem Schlaf allein sich weihend und dann 
und wann einen guten Bissen, einen starken Trunk zu sich 
nehmend. Da nun die Lagerstätte gewiß recht oft mit einem 
lockigem Bärenfelle versehen war, so erklären sich Wendungen 
wie „auf der Bärenhaut liegen", „deutscher oder fauler Bären 
häuter" auf die natürlichste Weise von der Welt. Wir sprechen 
noch heute von einem „Bärenschlaf." Es läßt sich dabei ebenso 
gut an den Winterschlaf des Tieres wie au den Schlaf auf
        
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