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Periodical volume 26. September 1891, No. 52

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Lützows Adjutant die erste Wunde, indem der feindliche Offi 
zier dem deutschen Parlamentär statt der Antwort auf die 
Frage nach der Bedeutung der feindlichen Bewegung einen 
Hieb über den Kopf versetzte. Der schwer Verwundete fand 
erst in Leipzig, dann in Karlsbad und Berlin Heilung und 
Genesung. 
In Berlin traf der Dichter am 4. August ein und fand 
bei Parthey wieder die liebevollste Aufnahme. Gustav 
Parthey schreibt darüber in seinen „Erinnerungen" (S. 375): 
„Er wohnte 5 Tage in unserm Hause in der Brüder 
straße, wo mein Vater ihn wie einen Sohn aufnahm. Täglich 
kam er nach der Blumenstraße hinaus, und wir kannten keinen 
größeren Genuß, als an der Seite des hohen stattlichen 
Kriegers, dein seine schwarze Ltttzowsche Rciteruniform so 
gut stand, die schattigen 
Baumgänge zu durch 
wandeln, und uns von 
ihm erzählen zu lassen. . . 
Körners beide Kopfwunden 
waren noch nicht geheilt, 
er konnte nur eine leichte 
Feldmütze tragen. Das 
dichte schwarze Haar, dessen 
Fülle uns bei seinem ersten 
Besuche in so große Ver 
wunderung gesetzt, war 
kurz abgeschoren worden, 
doch konnte er jetzt schon 
die fatale Perrücke ent 
behren. Ein glücklicher Um 
stand für uns war es. daß 
seine kurze Anwesenheit ge 
rade in die Schulferien fiel, 
wir konnten also den ganzen 
Tag um den lieben Gast 
sein, wenn Geschäfte ihn 
nicht in der Stadt zurück 
hielten. Abends saß er im 
traulichen Gespräche an 
unserem Familientische, 
oder er las uns von seinen 
Gedichten aus einem kleinen 
Ouarlhefte vor, das er: 
„Leyer uud Schwert" 
betitelt hatte. Seine tiefe, 
wohlklingende Baßstimme drang bis in das innerste Herz. Ob 
wohl er ein ganz reines Deutsch sprach, so kam doch manchmal 
der Sachse zum Vorschein. Er hatte das stürmische Freiheits 
lied: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los", 
mit gewaltigem Pathos vorgelesen. Wir hörten mit Entzücken 
zu, verstanden aber nicht, was der „Flamperk" bedeuten solle. 
Den Dichter gleich danach zu fragen, dazil hatte selbst Fritz nicht 
den Mut; wir erkundigten uns ani andern Morgen bei meinem 
Vater, der uns belehrte, daß man die alldeutschen, zweihändi 
gen Schwerter „Flamberge" genannt. Das Liederheft: „Leyer 
und Schwert" übergab Körner meinem Vater zum Verlage. 
Als sie eben über Druck und Formal sich besprachen, fiel ihm ein, 
daß noch eine Zueignung fehle. Flugs setzte er sich in der Buch 
handlung an das nächste Pult und schrieb die begeisterten Zeilen: 
Zueignung. 
Euch allen, die Ihr noch mit Freundestreue 
An den verweg'nen Zitherspieler denkt, 
Und deren Bild, so oft ich er erneue, 
Mir stillen Frieden in die Seele senkt, 
Euch gilt dies Lied! — o daß es Euch erfreue! — 
Zwar hat Euch oft mein wildes Herz gekränkt, 
Hat stürmisch manche Stunde Euch verbittert, 
Doch Eure Treu' und Liebe nicht erschüttert. 
So bleibt mir hold! — Des Vaterlandes Fahnen, 
Hoch flattern sie am deutschen Freiheitsport. 
Es rüst die heil'ge Sprache unsrer Ahnen: 
„Ihr Sänger vor! und schützt das deutsche Wort!" 
DaS kühne Herz läßt sich nicht länger mahnen, 
Der Sturm der Schlachten trägt er brausend fort; 
Die Leyer schweigt, die blanken Schwerter klingen. 
Heraus, mein Schwert, magst auch dein Liedchen singen. 
Laut tobt der Kampf! — Lebt 
wohl Ihr treuen Seelen; 
Euch bringt dies Blatt des 
Freunder Gruß zurück. 
ES mag Euch oft, recht oft von 
ihm erzählen, 
ES trage sanft sein Bild vor 
Euren Blick. — 
Und sollt ich einst im Sieges 
heimzug fehlen: 
Weint nicht um mich, beneidet 
mir mein Glück! 
Denn was, berauscht, die Leyer 
vorgesungen. 
Das hat des Schwertes freie 
That errungen. 
Nur zu rasch ver 
flogen die kurzen Tage 
seines Aufenthalts. Am 
Morgen des 9. August 
kam Körner nach der 
Blumenstraße, wo sein 
Pferd, ein tüchtiger Schim 
mel, eingestellt war, packte 
seinen Mantelsack und 
nahm von meinen Eltern 
und llus einen kurzen, herz 
lichen Abschied. Er schwang 
sich in den Sattel und ritt 
die Lange Straße hinunter. 
Wir sahen ihm betrübt 
nach. Ehe er um die Ecke 
bog. zog er sein Taschentuch 
heraus und wehete, sich 
umsehend, uns einen Gruß zu. Sehr wehmütig schlichen wir 
in das Haus zurück." 
Diese Mitteilungen über den zweiten Aufenthalt Körners 
in Berlin ergänzt Herr Stadtrat Friedel (a. a. O. S. 42): 
„Au den Aufenthalt Theodor Körners in der Nicolaischeu 
Buchhandlung erinnert noch jetzt der hinter der Verlagsbuch 
handlung befindliche alte Garten, insbesondere der in dem 
selben stehende hohe Wallnußbaum von 1,50 m Umfang, ein 
Äaum, der im Jahre 1798, wahrscheinlich schon ziemlich stark 
gepflanzt. 1811 bereits ansehnlich gewesen sein soll. Auf der 
nahe diesem Baume stehenden Bank hat Theodor Körner der 
Ueberlieferung nach mehrfach gedichtet." 
Noch vor Ablauf des Waffenstillstandes traf Körner bei 
der Lützowscheu Freischar am rechten Elbufer oberhalb Hamburgs 
Hof mit grumten und Künstlerlrnripr im Knnstlorhause 
fitm Kt. Lukas.
        
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