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Periodical volume 1. November 1890, No. 5

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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der Bürgerschaft das Privilegium, daß sie uie gezwungen 
werden könnte, eine ihr unliebe Person als Bewohner in die 
Stadt aufzunehmen. Zum ewigen Andenken an diesen mit 
Gottes und der heiligen Barbara Beistände errungenen Sieg 
stiftete Rat und Bürgerschaft einen Altar nächst der Kanzel, 
zur Ehre der heiligen Barbara mit einer Vicarienpfründe, 
welche der Fürstbischof Johann III. am 28. Januar 1460 
bestätigte, und alljährlich begehen die Enkel der tapfern Alt 
vordern Ochsenfurts den Tag der heiligen Barbara mit feier 
lichem Kirchengepräiige. Auf einer Gedächtnistafel am Altar 
liest man sechs lateinische Verse, welche verdeutscht lauten: 
„Ochsenfurt, gedenke Du stets des Barbaratages, 
„Als Du in, Jahre des Heils Eintausend vierhundert und vierzig 
„Siegreich schlugest zurück des Markgrafs grimmigen Anfall, 
„Biet' ihm der Reisigen fingst, und Beute Dir wurde sein Banner, 
„Auch der Schilde genug, der Panzer und allerlei Waffen; 
„Christus Gnade verlieh Dir den Sieg, drum preise ihn dankbar!" 
Des mißlungenen lleberfalls spöttele ein damals allgemein 
in Franken gesungenes Volkslied: 
„O wär' doch der Markgraf daheim geblieben" u. s. w., 
von dem sich aber nicht viel mehr als diese Zeile bis auf den 
heutigen Tag erhalten hat.*) 
*) Gleiche Tapferkeit bewährten die Ochsenfurter auch 1338 bei einem i 
Ueberfall ihrer Stadl durch den Ritter Leopold Küchenmeister von Norden- ' 
Einen zweiten Unfall erlitt Albrecht Achilles am 12. De 
zember 1461 während einer Fehde mit dein Bischof Johann III. 
Auch dieses mal mißlang ihm der Gewaltstreich, welchen er 
iin Dunkel der Nacht gegen den kleinen befestigten Marktflecken 
Salzfcld a/M. auszuführen gedachte. Er scheiterte an der 
Wachsamkeit und Tapferkeit der dortigen Einwohner. Ja, 
Albrecht wurde nicht nur von den Bürgern von den Mauern 
des Städtleins zurückgeschlagen, sondern er wurde auch von 
dem in der Nähe lagernden bischöflicheti Heere ails der festen 
Verschanziliig hinter seiner Wagenburg vertrieben und mit dem 
Verluste vieler Toten und zweier Wagen voll Verwundeter 
gezwungen, sich nach Kitzingen zurück zu ziehen. 
berg. Derselbe hatte am 15. Juni des erwähnten Jahres die Stadt un 
versehens überrumpelt und rückte nun vor das von Ritter Eckinger von 
Seinsheim, dem gleichnamigen Ahnherrn des oben genannten, verteidigte 
Schloß, von dessen Besatzung aber der Angriff kräftig zurückgewiesen wurde. 
Hierdurch wurden die Bürger ermutigt, griffen die Feinde von allen Seiten 
an und warfen sie aus der Stadt. Eckinger machte sofort mit seiner Be 
satzung und den Bürgern einen Ausfall und schlug den feindlichen Heer 
hausen nach einem blutigen Kampf an der roten Brücke auf's Haupt. Eine 
Menge adeliger Krieger wurde gefangen genomnien, und Leopold verdankte 
seine Rettung einzig der Schnelligkeit seines Pferdes. Die Sage erzählt, 
Leopold habe nach dem Verluste der meisten Gefährten auf der Flucht noch 
mals seinen Hengst gegen Ochsensurt gewendet, zurückgeschaut und das 
Liedlein in den Bart gebrummt: 
„BöSlich gewonnen, böslich verloren!" — 
Kleine Mitteilungen. 
gl«» Jeftrng-Denkmal in Kerlin. (Siehe Abbildung 
auf Seite 53). Die Enthüllung des Lessing-Denkmals in Berlin hat am 
14. Oktober stattgefunden. Ein selten schöner Herbsttag begünstigte die er 
hebende Feier, bei welcher Herr Professor Dr. Erich Schmidt die Festrede 
hielt. Das Denkmal hat, ähnlich wie das Güthe-Denkmal, seinen Platz am 
Saume des Tiergartens (an der Lennv-Straße) -gefunden. Entworfen und 
ausgeführt ist es von dem Bildhauer Otto Lessing zu Berlin, einem llrgroß- 
neffen des Dichters, über dessen künstlerisches Schaffen wir demnächst ein 
gehender berichten werden. Für heute begnügen wir uns mit der Be 
schreibung dieses seines neuesten Meisterwerkes. Drei Stufen aus fein 
gestocktem, grauem, schlesischen, Granit führen von dem Promenadenweg an 
der Lennöstraße zu den, Plateau, auf welchem das Denkmal steht. Das 
Plateau ist von einem schniiedeeiscrnen, i», Rokokoslile gehaltenen Gitter 
umzäunt. Innerhalb des Gitters erhebt sich auf breitem, achtseitigem 
Unterbau von drei Stufen aus grauem, geschliffenem Granit der auf zwei 
Stufen aus rötlichem, poliertem Granit ruhende, aus dem gleichen Material 
bestehende vierseitige, wenig geschweifte Sockel, an den vier Ecken durch 
Konsole gestützt. Auf dem Sockel steht, auf viereckiger Plinthe, die Figur 
Lessings in weißem, karrarischen, Marmor. Der Dichter ist in einem Lebens 
alter von 45 bis 50 Jahren und in de», Kostüm seiner Zeit dargestellt. 
Wirkungsvoll ist gegenüber dem weißen Marmor der Hauptfigur für 
die den Sockel schmückenden Figuren und Embleme die dunklere Bronze 
gewählt. Die Jnschristtasel und die drei Porträts, die sich auf dem Sockel 
befinden, sind zudem durch eine hellere Vcrgoldttng mächtig hervorgehoben. 
Die Vorderseite des Sockels zeigt die Jnschrifttafel. Sie enthält die 
Namen: 
jGotthold Ephraim Lessing 
und das Emblem der drei Ringe. Davor, am Fuß des Sockels, ruht der 
Genius der Humanität, der eine Schale mit Feuer, als Symbol der 
reinen Menschenliebe, erhebt und sich auf eine Tafel stützt, auf welcher die 
Schlußverse aus Nathans Erzählung von den drei Ringen in erhabene» 
Lettern zu lese» sind: 
Es eifre jeder seiner unbestochnen, 
Bon Vorurteilen freien Liebe nach! 
ES strebe von Euch jeder um die Wette, 
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag 
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut, 
Mit hcrzlscher Verträglichkeit, mit Wohlthun, 
Mit innigster Ergebenheit in Gott 
Zu Hilf'! lind wenn sich dann der Steine Kräfte 
Bei Euern Kindes-Kindeskindern äußern, 
So lad' ich über tausend tausend Jahre 
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird 
Ein weis'rer Mann auf diesem Stuhle sitzen 
AIs ich und sprechen .... 
In der Linken hält der Genius einen Oelzweig als Symbol des Friedens. 
Zu seinen Füßen liegt ein Lorbeerkranz. 
Auf der Rückseite ist am Fuße des Sockels der Genius der Kritik 
dargestellt. Er hält in seiner Linken das dem Gegner entrissene Löwonfell, 
in seiner Rechten die schonungslose Geißel. Darüber befindet sich das 
Porträt Christoph Friedrich Nikolais. 
Die Seite zur Rechten Lessings enthält das Porträt Ew. Christ, von 
Kleists, die Seite zur Linken das Porträt Moses Mendelssohns. Unter 
diesen beiden Porträts ist je ein Wasserbecken; das Zuflußrohr wird durch 
einen bronzenen Delphinkopf maskiert. 
Als beteiligt an der Ausführung des Denkmals sind noch zu nennen: 
bei der Ucbertragung der Statue in Marmor Bildhauer Bauch; bei dem 
Bronzeguß der unteren Figuren und Porträt-Reliefs die Aktiengesellschaft 
für Bildgießcrei, vormals H. Gladenbeck u. Sohn; bei den Granitarbeiten 
M. L. Schleicher. Das schmiedeeiserne Gitter ist ausgeführt von Paul 
Marcus-Berlin. Die Ausarbeitung der architektonischen Teile lag wesent 
lich dem Baudirektor Rettig ob, und die Anlage bezw. Herrichtung des 
Ausstellungs-Platzes und der Umgebung desselben ist von dem Tiergarten- 
Inspektor Geitner besorgt worden. 
Dev lOOsäftvige Wekuvtstag Ad>e>1f' Diellevrrierzs. 
(s. das Bildnis Diesterwegs auf S. 57). Am 29. Oktober d. I. sind es 
100 Jahre, daß Adolf Diesterweg zu Siegen in Westfalen das Licht der 
Welt erblickte. In ganz Deutschland, ja weit über die Grenzen Deutsch 
lands, selbst Europas hinaus wird dieser Tag in der Lehrcrwclt festlich be 
gangen. Und das niit Recht. Denn Adolf Diesterweg, von Pestalozzi selbst 
für „einen der eingehendsten, reinsten Jünger seiner Ideen" erklärt, hat sich 
um die Förderung des Bolksschulwcsens wie um die geistige und soziale 
Hebung des Lehrerstandes die größten Verdienste erworben. Wie es freilich 
das Schicksal vieler großer und bedeutender Männer ist, so erging es auch 
Diesterweg, daß er in dem, was er wollte und erstrebte, von seinen Zeit 
genossen vielfach nicht verstanden wurde, und daß andere, ebenfalls ehren 
werte Männer die Berechtigung seiner Bestrebungen nickt einsahen. Infolge 
hiervon ist er bei seine» Lebzeiten ein Märtyrer seiner Ideen geworden, 
was ihm naturgemäß die Bewunderung und den Dank der deutschen Lehrer 
welt in nur um so höherem Maße eingetragen hat. Diestcrwegs religiöse 
Stellung lassen wir dabei ganz außer Acht. Mit dem Maßstabe streng 
gläubiger Orthodoxie gemessen, wird er nicht bestehen können. Das aber schließt 
nicht aus, daß er eine in hohem Grade religiöse Persönlichkeit war. In 
seinen jungen Jahren hatte er nicht daran gedacht, sich dem Lehrerberufe 
zu widmen. Er hatte in Herborn und Tübingen vorwiegend Philosophie, 
Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften studiert und trug sich mit 
der Absicht, die Ingenieur-Laufbahn einzuschlagen. Eigentümliche Lebens 
führung und vor allem die Freundschaft mit dem als Pädagogen hoch 
bedeutsamen Johann Friedrich Wilberg in Elberfeld, dem „Nestor der 
rheinländischen Schulmänner", wie er genannt worden ist, erweckten in ihm 
den Drang, sich mit ganzer Kraft der Förderung des Vvlksschulwcsens zu 
widmen. Diesem Drange folgend, nahm er im Jahre 1820, nachdem er 
zuvor Gymnasiallehrer in Worms, Lehrer an einer Musterschule zu Frank 
furt a/M. und Rektor an der lateinischen Schule zu Elberfeld gewesen war,
        
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