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Periodical volume 12. September 1891, No. 50

Full text: Der Bär Issue 17.1891

Denkvermögen das Außcrordenilchste. Er erfand den Augenspiegel, 
auf welchem Fundament die heutige Augenheilkunde zu ihrer Höhe empor 
gestiegen ist. Wohl tausende werden in Dankbarkeit für ihr erhaltenes 
Augenlicht zu ihm als Retter ausschauen. In ähnlicher Weise erforschte er 
die Bedingungen des Gehörsinns. In neuester Zeit lenkte Helmholtz 
seine Aufmerksamkeit elektrischen Studien zu. Ein großer Kreis deutscher 
und ausländischer Gelehrter und hochgestellter Männer hat sich vereinigt, 
um Len siebzigjährigen Geburtstag des gefeierten Mannes, dem die Wissen 
schaft und durch sie die ganze Menschheit so viel verdankt, würdig zu 
feiern. Eine Marmorbüste, welche sein äußeres Bild darstellt, wird in der 
Universität aufgestellt werden, die Studenten werden ihm Fackelzug und 
Kommers darbringen. Die Universität Odesia hat den Entdecker des Augen 
spiegels, den Verfasser der Lehre von den Tonempfindungen, den Physiker 
und Physiologen Helmholtz zu seinem 70. Geburtstag zum Ehrendoktor 
ernannt. Wie groß die Teilnahme der ganzen zivilisierten Welt an der 
im Winter geplanten Geburtstagsfeier ist, zeigt die Zusammensetzung des 
Komitees, welches sich zu diesem Behuf gebildet hat. Deniselben gehören 
an: der Minister v. Bötticher und Oberpräsident v. Goßler, Graf von 
Hochberg, die Mitglieder des „Instituts" zu Paris: Hermite, Lippmann 
und Mascart, Sir Thomson und Lord Ragleigh, Präsident und Sekretär 
der „Royal Society", die Professoren Baccelli, Camizzaro, Cremona in 
Rom, Mendeleef und Wild in Petersburg, Profestor Noyes und H. Knapp 
in Newyork. R. G. 
Friedrichs des Grochen Ausfahrten. In dem nach 
gelassenen Memoirenwerk des Generallieutenants von der Marwitz auf 
Friedersdorf finden sich interesiante Schilderungen von Friedrich dem Großen, 
die als Berichte eines Augenzeugen von besonderem Wert sind. Marwitz 
beschreibt die Ausfahrten des Königs, die er als Knabe bewundert hatte: 
„Voran gingen acht Läufer mit ihren Stäben und Federmützen, dann 
kam der achtspännige königliche Wagen, mit acht Fenstern rund herum, die 
Pferde trugen altmodische Geschirre und Federbüsche auf den Köpfen. In 
den vier Nebentritten der Kutsche standen vier Pagen, die Uniformen, rot 
mit Gold, seidene Strümpfe und Federhüte, ließen sie sehr auffallend er 
scheinen. Der Bediententritt war leer, doch stand ein Stallknecht ganz 
unten auf demselben. Der Zug bewegte sich sehr langsam und fuhr in 
den Vorhof des Palais vom Prinzen Heinrich (der jetzigen Universität.) 
Derselbe näherte sich der Wagenthür. -Die Pagen öffneten, und der König 
reichte dem Prinzen feierlich die Hand und ließ sich von ihm die Treppen 
hinaufführen. Seine Geschwister benahmen sich stets sehr förmlich und 
etikettenmäßig gegen ihn. 
Wenn er die Prinzessin Amalie besuchte, die damals schon sehr alt 
und gelähmt war, kam sie ihm siet» bis auf den Hof entgegen, obgleich 
sie sich von zwei Hofdamen führen lassen mußte. Sie bewohnte das schöne 
Palais in der Wilhelmstraße, gegenüber der Kochstraße (jetzt das Eigentum 
des Prinzen Albrecht.) Der König, der überhaupt sehr ungern im Wagen 
saß, hatte sein Leibpferd, den herrlichen, alten Schimmel, Namens Sonde, 
bestiegen und ritt vom Höllischen Thor und durch die Menschenmenge, die 
sich am Rondel (Belle-Alliance-Platz) zusammendrängte, um den König und 
seine Generale zu sehen. Er ritt dann allein voraus und grüßte fort 
während, indem er den Hut abnahm, nach allen Seiten. Zuweilen hielt 
er denselben eine Minute lang in der Hand; die Menge beobachtete das 
tiefste Schweigen, mit einer Ehrfurcht die Grüße erwidernd, die wahrhaft 
rührend wirkte. Jedermann schien es tief zu fühlen, daß dieser schlichte 
Greis seit fünfundvierzig Jahren unablässig für sein Land und sein Volk 
gearbeitet hatte! Er wurde mit Stolz und Bewunderung betrachtet. 
Wenn der König in den Vorhof des Palais einlenkte, setzte er sein 
Pferd in Galopp, mitten im Gedränge wurde ihm und seinen Adjutanten 
Platz gemacht, ohne daß sich Polizei blicken ließ, dann sprang 
er jugendlich rasch vom Pferde und verbeugte sich vor der Schwester, die 
tief sich neigend, seinen dargebotenen Arm annahm, um die Schloßtreppe 
zu ersteigen." 
Sehr merkwürdig war die Abneigung des Königs vor dem Fahren 
in einer Kutsche. Ais er in Potsdam 1785 im Beginn seiner Todeskrank 
heit das kalte, ofenlose Sanssouci auf Verordnung der Aerzte verlaffen 
mußte, ließ er sich bei Nacht in einer Sänfte nach dem Stadlschloß tragen, 
weil er keinen Wagen besteigen wollte. Es ist zu bedauern, daß Marwitz 
nur bruchstückweise Mitteilungen zum Druck gegeben hat und von seinen 
eigenen Erlebnisten mit allzu grober Bescheidenheit schweigt. Namentlich 
erwähnt er nur ganz flüchtig seinen genialen Bruder Alexander, der zu dem 
intimen Freundeskreise von Rahei v. Varnhagcn gehörte. Eine Anzahl 
feiner, geistreicher Briese von ihm, befinden sich in den Sammlungen, 
welche Ludmilla Assing herausgegeben hat. 
Fr. von Hohenhausen. 
Ghrtas, tve\jvlo#l Bei der Bildung der Landwehr im Jahre 
1813 hatte man für die Mützen der Landwehrmänner als Inschrift: „Ehrlos, 
wehrlos!" in Vorschlag gebracht. Der König aber versagte diesem Wahl 
spruch seine Genehmigung mit folgenden Worten: „Diese Inschrift ist zu 
weit, sagt zu viel und ist unbillig. Wie viele tüchtige, wackere Männer 
giebt es im Lande, denen ihr Alter, Beruf, Krankheit, Familienverhältniffe 
u. s. w. nicht gestatten,, die Waffen zu führen und unmittelbar an dem 
Kampfe teil zu nehmen, die aber zu Hause derart durch ihren Einfluß 
vielfach der guten Sache nützlich werden können; solche kann man doch nicht 
ehrlos nennen. Nein, die Inschrift soll heißen: „Mit Gott für König und 
Vaterland!" D. 
©ras Maltke als Miiitäriehrer Ueber des seligen 
Feldmarschalls Wirken als Lehrer der Divisions-Schule in Frankfurt a/O. 
teilte dem Schreiber dieses, ein hochbetagter pensionierter Stabsoffizier, 
kürzlich Nachstehendes mit: „Einer unserer fleißigsten Kameraden war am 
Nervenfieber erkrankt, und trotzdem ihn, jede geistige Anstrengung vom 
Stabsarzt auf das strengste untersagt war, bat er uns bei unsern Besuchen, 
ihn heimlich mit Reglements und' wissenschaftlichen Büchern zu ver 
sehen, da er unter keinen Umständen hinter uns zurückbleiben wollig. 
Als dieser strebsame Divisionsschüler von M. (Müffling) wenige Wochqp 
vor dem Examen aus dem Lazarett entlasten wurde, eröffnete ihm unser 
Schulkommandeur, daß er infolge seiner langen Krankheit von der bevor 
stehenden Prüfung dispensiert werden dürfte, da nach ärztlichem Gutachten 
ein Ueberarbeiten einen Rückfall befürchten laste. M. aber hielt an 
seinem Vorhaben fest, und während wir anderen in dienstfreier Zeit uns 
in der Stadt und Umgegend amüsierten, hockte er noch bei seinen Büchern. 
Hierbei wurde er einmal von dem cku jour habenden Offizier, Freiherrn 
Hellmuth von Moltke überrascht, dem er offen eingestand, wie er sich schon 
im Lazarett durch die Kameraden habe über die Vorträge unterrichten und 
mit wistenschaftlichem Material verproviantieren lasten. Seit dieser Zeit 
sah man Lehrer und Schüler häufig mit Büchern oder Heften unter dem 
Arm durch Wald und Flur streifen. Anfangs gingen die beiden nur allein 
spazieren und nahmen ihr frugales Abendmahl im Garten irgend einer 
Dorsschenke ein, je näher aber das Examen herannahte, desto mehr wuchs 
die Zahl der Moltkeschen Privatschüler, bis schließlich sämtliche Beiucher 
der Schule an diesen Wanderungen teilnahmen, und Lieutenant von Moltke 
diese militärischen Spaziergänge einstellte, dafür aber allabendlich im Lehr 
saal Repetitionsstunden abhielt. — Die Prüfung vor der Kommission nahm 
einen glänzenden Verlaus. Der Schulkommandant erzählte dem Präses, 
wodurch dieses vorzügliche Resultat erzielt worden sei, und sicherlich erfuhr 
man auch höheren Orts, wie Lieutenant von Moltke seine kostbare Zeit 
dem Interesse seiner Hörer opferte. Kamerad von M. aber, der auf seines 
Lehrers Verwendung hin zum Examen zügelnsten wurde, bestand dasselbe 
als — Drittbester. — So handelte der spätere große Stratege als junger 
Offizier an seinen Untergebenen", schloß, zu Thränen gerührt, der greise, 
pensionierte Osfizier, seine Moltke-Erinnerung aus der Jugendzeit. 
2l. Äl. 
Urnenfund dsi Dahlhausen in der Gstpriegnih. 
Iw dem Dorfe Dahlhausen bei Blumenthal ist kürzlich mit der Moorkultur 
der Pfarrwiesen begonnen worden. Bei der zum Zwecke der Uebersandung 
erforderlichen Abtragung eines umfangreichen Sandhügels stießen die Ar 
beiter auf ein weit verzweigtes Feld von Totenurnen, welche, etwa 1 m 
unter der Oberfläche vergraben, vor etwa 2000 Jahren den heidnischen 
Bewohnern der Gegend zur Begräbnisstätte dienten. Bis jetzt sind etwa 
20 Urnen von verschiedener Größe und Form zu Tage gefördert; einige 
derselben, offenbar dem Stand oder Vermögen des Verstorbenen entsprechend, 
find mit mannigfaltigen Ornamenten, z. T. mit Henkeln verziert und ent 
halten außer den Resten verbrannter Knochen, Schädel und dergl. teils 
scharfe zu Werkzeugen bearbeitete Feuersteine, teils bronzene mit Grünspan 
überzogene Schmuckgegenstände, z. B. Agraffen, Schnallen u. a. m. Fast 
jede Urne war von einem Kranze weißer und hübsch geformter Feuersteine 
umgeben. Die Urnen sind augenscheinlich aus demselben teils gelbbraunen, 
teils blauen Thon gebrannt, welcher noch heute 1 m tief unter dem Moor 
der dortigen Wiesen reichlich lagert. Verschiedene Urnen fanden sich be 
reits als Scherben vor, andere zerbarsten beim Zutritt der äußeren Luft. 
Es sind aber noch täglich weitere Funde zu erwarten. Der Ortspsarrer, 
Herr Pastor Sachs, hat sich das Verdienst erworben, die sorgfältige Hebung 
und Erhaltung der Funde zu überwachen. Auf seine steundliche Mitteilung 
hin erhielt der Vertreter des Gymnasial - Museums zu Wittstock 
Gelegenheit, am 17. August an Ort und Stelle an den Ausgrabungen sich 
zu beteiligen und einige der dabei gefundenen Urnen und dgl. für das 
Gymnasial-Museum zunächst provisorisch zu erhalten. Auch die übri 
gen Funde sollen demselben nach der Beendigung der Arbeiten zugeführt 
werden, nachdem die Königliche Regierung, welche sich für solche Funde, 
um die Zersplitterung und Entfremdung zu vermeiden, das Verfügungs 
recht vorbehalten hat, ihre Genehmigung dazu gegeben haben wird. Die 
selbe ist um so eher zu erwarten, als von den Königlichen Behörden selbst 
die Konservierung einheimischer Altertümer in Kreismuseen empfohlen 
wird, und als speziell das bekanntlich bereits reichhaltige Gymnasial-Museum 
zu Wittstock wiederholt der Anerkennung und Unterstützung der Behörden 
sich zu erfreuen hatte. Es kann überhaupt nicht dringend genug empfohlen 
werden, einheimische Altertümer und sonstige Raritäten, wie sie ja noch 
zahlreich im Privatbesitz, namentlich auch auf Rittergütern, in Kirchen und 
dgl. sich finden, eventuell unter Vorbehalt des Eigentumsrechtes dem näch 
sten Museum des Kreises oder der Provinz zu überweisen, da das Mär 
kische Provinzial-Museum und das Museum für Völkerkunde zu Berlin an 
einer Ueberfülle solcher Gegenstände leiden, welche dort verschwinden oder 
an Interesse verlieren wüsten, in dem heimatlichen Kreise aber erst zur 
Geltung kommen. Da auch die kleineren Museen ihr Inventar jährlich 
zur Kenntnis des Königlichen Konservators der Altertümer zu bringen 
haben, so ist der letztere ja jederzeit in der Lage, besonders hervorragende 
Gegenstände zur Deponierung in der Residenzstadt gelangen zu lasten. 
Prafessdr vr. Krhrnarh, unser verehrter Mitherausgeber, 
vollendete am 4. September d. I. sein 70. Lebensjahr. Auf den Lebens 
lauf des als Sagenforscher und Historiker sehr bedeutenden Mannes, welcher 
jetzt Direklor des Luisengymnasiums zu Moabit ist, brauchen wir hier nicht 
näher einzugehen, da der „Bär" XV. (Jahrgang S. 338) eine ausführliche 
Biographie desselben gebracht hat. R. Cr.
        
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