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Periodical volume 12. September 1891, No. 50

Full text: Der Bär Issue 17.1891

verdrängen. Noch prunkvoller, noch gewaltiger als der Lynarsche, 
fast bis an die Decke reichend, ist der Altar in der Pfarrkirche 
zu Eberswalde (Abb. S. 640). In überaus schönen Ver 
hältnissen baut er sich drei Stockwerke hoch auf, wirkungsvoll 
und vergoldet. Obgleich derselbe die Pedrella noch zeigt, so 
hat er doch jede Erinnerung an seine gotischen Vorgänger 
vermieden. In der Pedrella befindet sich die einem gotischen 
Altar entnommerie Darstellung des hl. Abendmahls, die übrigen 
Reliefs zeigen die Kreuzigung, die Auferstehung und das 
jüngste Gericht; das Ganze wird von dem thronenden Christus 
als Weltenrichter gekrönt. Alles ist mehr in der zarten und 
charakterlosen Eleganz der Zeit, als in der wuchtigen Größe 
der gotischen Altäre gehalten, immerhin ist der Altar aber doch 
ein rühmenswertes Denkmal der Renaissance in unserem Lande, 
vielleicht das beste, welches unmittelbar vor dem traurigen 
großen Krieg geschaffen wurde. Ein ihm verwandter Altar ist 
der von Lieberose aus dem Jahre 1593, der sich in schönen 
Formen mittels Säulen und Gesimse zu gewaltiger Höhe 
aufbaut. 
Was nach dem 30jährigen Kriege geschaffen wurde, bleibt 
weit hinter den Vorgängern zurück. Der Hochaltar in der 
Marienkirche zit Berlin, den die Sage dem nordischen Michel 
angelo Andreas Schlüter zuschreiben will, ist wohl eher 
ein Werk holländischer Bildhauer. Da die Zeiten selbst nichts 
Hervorragendes mehr hervorbrachten, so half man sich dadurch, 
daß man die einzelnen Trümmer aus gotischer Zeit zusammen 
flickte und mit rohen Zuthaten versah, wie wir es oben schon 
bei dem Straußberger Altar erwähitten. Ja man baute selbst 
zwei ältere Altäre kühn aufeinander, wie in Wittstock und 
Wilsnack, ohne jedoch bei dieser kolossalen Höhe die Schönheit 
zugleich zu verdoppeln. Erst die Initiative Friedrich Wilhelms IV., 
km der märkische Kirchenbau so unendlich viel verdankt, brachte 
diesen verdorrten Kunstzwcig wieder zu erneuter Blüte. Leider 
bewegteil sich seine Anschauungen zu sehr in italienischer Ro 
mantik, als daß er den Schnitzaltären seine Fürsorge gewidmet 
hätte. Das ist umsomehr zu bedauern, als die Fülle der 
Detikmäler das beste Studienmaterial dargeboten hätte, und 
weil die deutsche Bildhauerkunst wieder auf das Element ge 
wiesen worden märe, dem sie schon einmal so edle Werke ver 
dankt hatte. Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, in der 
das Versäumte nachgeholt wird. Möge sie dann die Zahl 
der noch verhandenen Knnstdenkmäler nicht verringert finden! 
Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, 
als Landschaflsgärtner. 
Von O. Küttig. 
Der Große Kurfürst fand bei seinem Regierungsantritt 
Brandenburg verödet, entvölkert und verwüstet. Er bemühte 
sich mit wunderbarer Energie, dem allgemeinen Notstände zu 
wehren, unterstützte die Einwohner und gab ihnen die Mittel, 
sich wieder anzubauen. Es schien, als ob sein tapferes Ge- 
inüt Unfall und Hindernis nur als Stufen betrachtete, um auf 
ihnen zu höheren und größeren Ehren emporzuklimmen. Ein 
solcher Regent aber war nötig, der allgemein entmutigten Be 
völkerung neuen Lebensodem einzuhauchen, und schon, mitten 
in den Kämpfen, die selbst nach dem westfälischen Frieden für 
ihn nicht ruhten, faßte er den Entschluß, sich auf der (Halb-) 
Insel Potsdam einen Aufenthaltsort zu gründen, zu dem er > 
nach jedem glücklichen Ereignis heiteren Gemüts zurückkehrte 
und in dessen Verschönerung und Verbesserung er geistige 
Ruhe und Erholung fand. Er kaufte 1657, 1660 iliid 1664 
so viel Land, daß er Besitzer des ganzen Eilandes wurde und 
seinem Lieblingswunsch nachhängen konnte, daraus ein orga 
nisches Ganze zu bilden, eine verschönerte Natur darzustellen 
und damit ein Unternehmen zu beginnen, an dem mehrere 
seiner Nachfolger, namentlich Friedrich II., der Einzige, und 
Friedrich WilhelmIV., zuletzt der vielgeliebte Kaiser Friedrichlll. 
als Kronprinz Friedrich Wilhelm weiter gearbeitet haben, ohne 
es vollenden zu können. 
Der Große Kurfürst ließ im Jahre 1660, also ein Jahr 
früher, als Ludwig XIV. von Frankreich begann, Versailles 
zu vergrößern und zu schmücken, die Riitgmauer uub Türme 
niederwerfen, welche den alten Joachimschen Bau des Stadt 
schlosses in Potsdam wie ein Gefängnis umgaben; frei 
wollte er die schöne Havel überblicken; zu einer Veste war 
Potsdam unter den gegenüberliegenden Höhen nnd hei den 
verbesserten Schießwaffen doch nicht mehr geeignet: alles sollte 
hier heiter und nach den damaligen Anschauungen stattlich 
werden. Man nahm das alte Wohngebäude Joachims als 
Grundstock und baute darauf das neue vergrößert uub in drei 
Geschossen. 
Meinhardt ordnete den aus der Zeit Joachim Friedrichs 
noch vorhandenen, dreieckig eingeteilten Garten anmutiger; von 
den das Land durchziehenden Kanälen bildete er mehrere Becken, 
alts denen Springbrunnen sich erhoben. Der Mechaniker 
Martin Drescher legte dazu auf Befehl des Kurfürsten ein 
Wasser-Druckwerk an, und der blumenreiche Garten mit der 
weiten Aussicht über die Havel erschien durch die Wasserkünste 
sicher vielfach und angenehm belebt. — Alles wurde, wie es 
scheint, nach den eigenen Angaben des Kurfürsten, von dem 
ans Schweden berufenenen Kammerjitnker und Baumeister 
Philipp de Chiese, einent Piemonteser, entworfen und ans 
geführt. Zur Ableitung des stehenden Wassers wurde 1673 
der Kanal von Potsdam ausgeführt; er durchschnitt den der 
Kirche gehörigen Nikolaus- oder Faulen See, den heutigen 
Wilhelmsplatz; er wurde mehrmals überbrückt. Die ganze 
Insel wurde von mehreren großartigen Baumreihen durch 
zogen; zwei dieser „Alleen" durchschnitten einen auf der 
Westseite der Stadt angelegten viereckigen, nach Norden schmäler 
zulaufenden Park, der viele Hektare Landes bedeckte und zur 
großen Fasanerie des Kurfürsten bestimmt war. Hier wurde 
ein Schlößchen gebaut, und Ställe,. auch Häuschen für die Fa 
sanenwärter. Im Norden dieser Baulichkeiten schloffen sich 
allerlei Einrichtungen für die Zucht der Fasanen und Plätze 
zum Anlocken und Füttern derselben an; auch waren dort kleine 
Weiher für Wasservögel aller Art. Das Uebrige war von 
Wiesen, Bäumen und Gebüsch eingenommen und das ganze 
mit einem hölzernen Stacketzaun eingehegt, der nur von den 
vier Eingangsthoren in Turmform luiterbrochen war. Der 
Park befand sich ungefähr in der Milte zwischen dem städti 
schen Eich- (Pfingst-)berge und der heutigen Lindenstraße. 
Selbstverständlich war nach dem Geschmack jener Zeit alles 
nach der Schnur, d. h. in grader Linie geordnet. 
Auch nach anderer Richtung hin verbesserte und ver 
schönerte der hohe Herr sein Besitztum durch Baumpflanzungen. 
So ließ er von dem Grünlhor nach der Spitze des Gliniker 
Thores einen schönen, mehr als 2 Kilometer langen Baum-
        
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