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Periodical volume 29. August 1891, No. 48

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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diesen Zöglingen konnten endlich noch Zivileleven in un 
beschränkter Anzahl das Institut besuchen, welche für einen 
dreijährigen Unterrichtskursus im ganzen pränumerando sechzig 
Thaler zu bezahlen hatten und nach Ablegung einer Staats 
prüfung als Kreistierärzte angestellt werden konnten. 
Die internationale Kunstausstellung )u Berlin. 
Von A. N«»llrnrrr. 
VII. 
Von Spaniens zweiter Kunstblüte, die sich im engsten 
Anschluß an das nationale Leben entwickelte, hat Berlin in 
diesem Jahre den ersten imponierenden Beweis erhalten; denn 
leider beschickten die Künstler der pyrenäischen Halbinsel bisher 
von deutschen Ausstellungen nur die Münchener. Angesichts der 
Würdigung, welche der spanischen Kunstvertreiung 1891 in 
Berlin zu teil wurde, die sich sowohl in der Wertschätzung 
des Publikums und der Presse, als auch in der Anerkennung 
der medaillenverteilenden Jury, wie in der Kauflust der Kunst 
freunde bethätigte — steht zu hoffen, daß wir auch in der 
Folge Gelegenheit haben werden, spanische Kunst im Rahmen 
unserer Ausstellungen zu sehen. Welch Vorteil dies sein 
würde, lehrt uns ein Blick auf das diesmal gesandte Material 
— w i e diese Spanier arbeiten, wie eifrig sie studieren, wie 
sie sich völlig mit ihrer Aufgabe anialgamieren, das ist ge 
radezu überraschend, ihre Bilder sind das Gegenteil von sog. 
Blendern. Beim ersten Sehen derselben ist man erstaunt über 
diese Arbeit, die wie aus einem Guß wirkt, bei jedem neuen 
Betrachten aber entschleiert dasselbe Werk neue Vorzüge, es 
treten Feinheiten der Beobachtung, Kühnheiten der Pinselfüh 
rung hervor, welche erkennen lassen, daß man es hier mit 
Kunstprodukten zu thun hat, in denen neben dem Talent der 
sich nicht genuglhuende Fleiß eine dominierende Rolle spielt. 
So verschieden die Motive auch sind, zu welchen ihre viel 
seitige Begabung Spaniens Künstler greifen läßt, ein Grund 
zug ist ihnen allen gemeinsam: die Begeisterung, mit welcher 
sie sich in die Geschichte ihres Vaterlandes vertiefen; weder 
Paris noch Rom, jene beiden Stätten, wo Spanien seine künst 
lerische Bildung empfängt, haben ihre Anschauungsweise wesent 
lich beeinträchtigt. Unbeeinflußt von den Erscheinungen des 
pariser und italienischen Lebens schufen sie gerade dort 
ihre großen vielbewunderten Historienbilder, welche entfernt 
von jeder Schönfärberei, oft gerade die dunkelsten und schreck 
lichsten Punkte der heimatlichen Geschichte in rücksichtslosester 
Lebendigkeit auf riesengroßen Leinwandflächen fixierten. Diese 
ethisch nicht berechtigte Art der Auffassung, welche unseren An 
schauungen widerstrebt, findet jedoch volle Zustimmung bei den 
Landsleuten der Künstler. Man liebt eben dort noch jetzt wie 
vor Jahren, die Nerven durch schreckliche Darstellungen zu er 
regen und die meisten jener Geschichtsbilder wurden —- be 
neidenswertes Schicksal — vom spanischen Staate angekauft. 
Jedoch abgesehen von diesen einzelnen ästhetischen Verirrungen 
wie „Ines de Castro" und „Spoliarium" überragen all ihre 
Gemälde durch Kühnheit der Auffassung, Meisterschaft der 
Zeichnung, Feinheit der Stimmung und Charakterisierung der 
einzelnen Gestalten die meisten der zeitgenössischen Historien 
bilder. und wenn ailch unsere Berliner Ausstellung nicht alle 
Meister des heutigen Spaniens beherbergt, so giebt sie den 
noch Gelegenheit genug, die Superiorität verschiedener hoch 
begabter Künstler kennen zu lernen. Leider war von Ul 
piano Checas großartiger ..Invasion der Barbaren von Rom" 
nur eine Skizze zu erlangen, aber auch diese spiegelt schon 
die gewaltige, elementare Kraft wieder, welche dem vollendeten 
Werke innewohnt. Luis Alvarez hingegen beteiligte sich mit 
zwei seiner Arbeiten, das eine ist „der Felssitz Philipps II. 
beim Eskurial"; wie hier der König unbelauscht in der Ein 
samkeit mit seinen Ratgebern arbeitet, ist mit ernster Größe 
dargestellt, die finstere Herrschergestalt findet ihre Ergänzung 
in der schlichten Felsenlandschaft und ihrer dämmerig kühlen 
Beleuchtung. Die beklemmende Stimmung jener Zeit kann 
kaum bezeichnender wiedergegeben werden, als es hier geschehen 
ist. In den Anfang unseres Jahrhunderts verlegt Alvarez 
seine „Trauergesellschaft", deren geistiger Mittelpunkt zwei 
junge Witwen bilden, welche, neben ihrem Vater sitzend, eben 
den Besuch der Kondolierenden entgegengenommen haben, die 
sich nun im Halbkreis um sie gruppieren und die priesterlichen 
Zeremonien des Trauerakres envarten. Meisterhaft sind die 
verschiedenen Abstufungen der Traurigkeit in Gesicht und Haltung 
jedes einzelnen ausgedrückt, und das fein gestimmte, düstere 
Kolorit des Ganzen vollendet den Akkord der Trauer aufs 
charkteristischste. 
Eine gottbegnadete Künstlernatur ist der noch jugendliche 
Joss Benlliure y Gil. Alle Kompositionen, die wir in 
früheren Jahren von ihm sahen, haben das eine gemeinsam: 
man merkt ihnen keine Mühe des Arbeitens an, zwischen der 
ersten Inspiration und der vollendeten Ausführung liegt bei 
Benlliure scheinbar nichts. Seine „Katechismuslehre", die 
der alte Mönch im Vorraum einer Kirche den spanischen Dorf 
jungen hält, die samt und sonders durchtriebene Schelme sind, 
ist dem Leben in jedem Zuge abgelauscht. Während Benlliure 
hier im hellen, kühlen Tageslicht frischen Humor mit glück 
lichster Lebenswahrheit vereint, führt er uns in dem „Fest der 
Madonna", die ganze Pracht und Poesie eines kirchlichen 
Festes vor, dessen Schauplatz eine jener herrlichen Kathedralen 
Spaniens ist, deren Architektur dilrch den Reiz des Halbdunkels 
und die schimmernden Kerzen zu märchenhafter Schönheit ge 
steigert wird. Der Fußbodeit ist mit Blüten bedeckt, Blumen 
guirlanden umziehen die kanzelartige Tribüne, auf welcher die 
singenden Knaben stehen, und Blütenbüschel schmücken das 
Votivbild der Madonna, unter dem die ewige Lampe brennt. 
Im Kirchenraume zur Rechten knieen die Armen, neben ihnen 
die Landleute, weiter nach vorn sitzen die besser Situierten, 
und die ersten Reihen werden von Frauen gebildet, die auf 
den Fliesen knieen, weil soeben die Prozession, welcher blumen 
streuende Kinder vorangehen, vom hohen Chor her naht. 
Bewundernswürdig hat Benlliure das alles dargestellt! Jede 
einzelne Figur, jeder arbeitsharte, müde Bauer, jede schöne 
Frau, jedes Kind — sie alle sind wirkliche Menschen, welche 
den Ausdruck der verschiedensten Empfindungen in ihren Zügen 
widerspiegeln. Die umgebende Architektur, die Stoffe der Kleider, 
die steinernen Skulpturen, das Gitterwerk des hohen Chors 
— alle diese leblosen Dinge find so dargestellt, daß sie den Schein 
der Realität haben, und diese letztere wird noch verstärkt durch 
die wunderbar vollendet durchgeführte Beleuchtung des Ganzen. 
Während Benlliure in seinen Schöpfungen glänzende Form 
mit bedeutsamem Inhalt vereint, legt Joss Gallegos den 
Nachdruck auf die Schilderung der Entfaltung kirchlichen Prunks; 
seine räumlich kleinen Gemälde sind wahre Wunderwerke
        
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