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Periodical volume 29. August 1891, No. 48

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Handwerker, die Neunaugenhändler, die Topfflickerfamilie, die 
vielen Undsoweiter. 
„Hat aber der Dichter brauchbaren Stoff aus dem Volke, 
wie wir es hier bezeichnet haben, geholt, so kommt es ferner 
darauf an, diesen Stoff zu einem lebendigen Ganzen aus 
zubilden. Dazu gehört freilich, und vielleicht mehr als sonst 
wo, Witz und Humor! Man muß diese einzelnen Individuen 
in Berührung, in Gruppen bringen, sie durch eine leichte In 
trigue vereinigen, und dazwischen haben überall Satire das 
weireste Feld, sich lustig zu tummeln. Was drüber ist, ist vom 
Uebel. Wenn der Volksdichter zwischenher, mil pomphafien, 
moralischen, politischen Lektionen auftreten will, so hängt er 
bleiernes Gewicht an die leichten Flügel des Momns und er 
drückt mit lästiger Zentnerschwere den losen, belustigenden Gott." 
Wir übergehen die weiteren Einwendungen gegen das 
Stück, und auch diejenigen eines anderen, ebenfalls nngenann- 
ten Kritikers in derselben Zeitungsnummer, welcher das „Ver 
lieben und Heiraten der Sattlergesellschasi" nur als ein kleines 
Stückchen gegen das Gewicht und das Vortreten der Volks 
haufen, als eine Episode zwischen lauter Episoden bezeichnet. 
Dagegen fanden die „klassische" Espernstädt, Gern (Sohn), 
Wau er und Richter (dessen komischen Werl der Referent 
höher schätzte als das Publikum), sowie endlich auch Rehfeld 
die höchste Anerkennung. Das Uebrige „liefe schon mit durch." 
Die Theater-Intendanz antwortete mit einer Aufführung 
des Stückes schon am nächsten Tage und der Verfasser gleich 
zeitig mit folgendem Zeitungs-Inserat: „Verständiges konnten 
sie nicht über den Fischzug sagen; ich machte eine überspannte 
Forderung. Daß sie aber auf den kritischen Spittelmarkt treten 
würden, hatte ich nicht im Stück vorausgesagt. Darüber muß 
lachen können, wer für die Bühne schreibt, und wüßte ich nicht, 
wie unendlich tief ich unter Kotzebue stehe, würde ich sogar 
eitel sein, denn diesmal sind sie beinahe so grob gegen mich 
gewesen, als oft gegen ihn. Jul. v. Voß." 
Der Hieb saß — die Krilik verstummte. Dagegen ließ 
sich in der „Voss. Ztg." ein Anonymus folgendermaßen ver 
nehmen: „Die Aeußerungen zweier Rezensenten, in den Berliner 
Zeitungen über den Stralower Fischzug leichtsinnig hingewor 
fen, können nur mil geringer Teilnahme gelesen werden, da 
das Ziel ihres kränkenden Spottes verfehlt worden. Lasse 
Herr von Voß diese „Tagesblattläuse" — mit Voltaire zu 
reden — an seinem Machwerke nur nagen, das Publikum er 
kennt den Werl desselben an und denkt mit Hagedorn: 
„Theatergrammatici, streitbare Ziegenböcke rc." Die öffentliche 
Meinung, nicht die einzelner, kann allein über den Wert eines 
Volksstückes kompetente Richlerin sein." 
Und ein „Unbefangener", v. K., richtete an den Dichter 
die Strophe: 
„Der Du den Geist des Volkes beachtest. 
Dem Publikum so viel Vergnügen machtest, 
O laß die Rezensenten loben, 
Wenn Dich nur die — Kassierer toben!" 
Dann finden wir eine Huldigung auf Frau Esperstädt, 
die Darstellerin der „Fleischerin im Stralower Fischzug" vor: 
„Wie, lang entbehrte, heitere Döbbelin, 
Du kamst zurück, uni die Thalia so gefleht? — 
Doch nein, es schien, als ob sie neu erschien. 
Wir täuschten uns, wir sah'n Frau Esperstädt." 
So hatte die erste Berliner Lokalposse die glorreichste 
Stätte und die berühmtesten Darsteller gefunden, 
und es sei nur noch in Kürze der Beweggründe gedacht, die 
den Grafen Brühl wohl zur Aufführung des Stückes be 
stimmt haben mögen. 
Als Nachfolger Jfflands war derselbe bemüht, das wäh 
rend der Krankheit seines Vorgängers und in Folge des 
Schauspielhausbrandes künstlerisch, bezw. in pekuniärer Be 
ziehung zurückgegangene Theater durch die Heranziehung der 
tüchtigsten, schauspielerischen Kräfte, wie die eines Ludwig 
Devrient, Wolfs u. a. m., aber auch durch die Erweiterung 
des Repertoirs wieder zu heben. Kein drainatisches Produkt 
von nur einigem Wert sollte dem Publikum vorenthalien 
bleiben. Ueberdies war von privater Seite der Plan zur 
Errichtung eines Volkstheaters in der Königsvorstadt, in 
dem nach Art der Wiener Volksbühne, wo nur kleinere leichte 
Schau- und Lustspiele, sowie Operetten zur Aufführung ge 
langen sollten, wiederholt angeregt worden. 
Unser Dichter brach mit Begeisterung eine Lanze für das 
Unternehmen, und brachte in seinem Stück die Valksmund- 
arl der Berliner zur Geltung. König Friedrich Wilhelm III. 
lehnte jedoch das wiederholte Gesuch, ebenso den Vorschlag 
seines General-Intendanten zur Errichtung eines Volkstheaters 
unter dessen eigener Verwaltung ab. So brachte denn Graf 
Brühl das vom Dichter ihm eingereichte Volksstück, dessen 
voraussichtliche Zugkraft nebenbei einen Gewinn für die 
Theaterkasse erwarten ließ, zur Aufführung. 
Erst Cers gelang es, vom König die Konzession zur Er 
richtung des Königstädtischen Theaters zu erlangen, auf dessen 
Bühne Angely und Beckmann im Geiste des Julius von 
Voß die spezifisch Berlinische Posse kultivierten, bis dieselbe 
mit Kalisch neue Phasen zu durchlaufen begann. 
Wenden wir uns nun dem wechselvollen Lebensgange 
unseres Dichters zu. 
(Schluß folgt.) 
Johann Georg Scheffner. 
Von Julius M. Druuu. 
(Schluß.) 
Trotz ihres andauernd leidenden Zustaildes beschäftigte sich 
die Königin viel mit den Königsberger Schulanstalten. Als 
im August 1809 ein Schüler Pestalozzis, der bereits durch 
seine Wirksamkeit in Zürich und im Württembergischen rühm 
lich bekannte Oberschulrat Zeller, dem an ihn ergangenen 
Rufe folgte, das Waisenhaus in Königsberg zu eineni Bil 
dungs-Institut für Landschullehrer einzurichten, nahm sie an 
dessen Thätigkeit einen so regen Anteil, daß sie wünschte, ihn 
persönlich kennen zu lernen. Auch hier mußte Scheffner den Ver 
mittler spielen. Mündlich und schriftlich hatte letzterer gegen 
die Königin geäußert, wie sie durch „Vorsorge für den Ele- 
mentar-Unterricht aller Kinder, besonders der Mädchen, die 
weit früher als die Knaben ein Hauß zu besorgen Gelegen 
heit haben, im höchsten Sinne eine wahre Landesmutter" sein 
werde. In dem selben Schreiben vom 17. August 1809, welches 
die vorstehenden Worte enthält, rühmt er die Fülle der Kennt 
nis und Erfahrung Zellers: „Nach allen mir über ihn zu 
gekommenen Nachrichten hat dieser Mann bereits höchst nütz 
liche Dinge im Erziehungsfach geleistet. Haben Sie daher 
die Gnade, mit ihm wiederholentlich als eine Königin zu
        
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