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Periodical volume 1. November 1890, No. 5

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Richtung angehörig, ermöglicht. Beim Studium der zwei 
Lokalblätter habe ich keinen großen Unterschied in denselben 
zu erkennen vermocht, vielleicht liegt das an meiner politischen 
Unerfahrenheit. Jedenfalls scheinen mir beide Uetersener Organe, 
mögen ihre Redaktionen sich auch wie die Montecchi und Cap- 
puletti befehden, gilt holsteinisch zu sein, — imb das ist ja die 
Hauptsache. 
In weihevoller Stunde wurde mir zugeraunt, daß sich in 
Uetersen sogar zivei Sozialdemokraten befänden. Bei einem 
Spaziergang auf dem Deich wurde mir einer dieser schrecklichen 
Männer gezeigt. Ich fand ihn gerade, wie er einen Absatz, 
der von einem seiner Stiefel abgestoßen war, nicht ohne Ge 
schick mittelst einiger Drahtpinnen an seine ländlich derbe 
Fußbekleidung wieder zu befestigen bemüht war. Sonst konnte 
ich bei dem Menschen nichts Außergewöhnliches wahrnehmen. 
Auch über die Waschfrauen und Kochfrauen wurde mir ver 
trauensvoll Klage geführt. Bon jenen gäbe es zwei, von 
diesen fünf am Ort; alle seien so besetzt, ja so belagert, daß 
sie die Preise bestimmten und den Hausfrauen gegenüber eine 
sehr bestimmte Haltung annähmen oder gar mit Strike drohten. 
Das sind so die kleinen häuslichen Leiden des Landstädtchens, 
welches übrigens so nahe bei Hamburg liegt, daß man sich, 
zumal die Zollschranke gefallen ist, zur Not von dort aus mit 
allen Bedürfnissen ziemlich schnell, vor allem gut, versehen kann. 
Inmitten dieser Mischung von großstädtischer Industrie und 
halbländlicher Ackerwirtschaft, von alladeliger Würde und von 
plattdeutscher Biederkeit hat „Deutschlands größter Strateg", 
so oft er hier war, sich immer mit gutem Humor, an allem 
Interesse nehmend, umgethan. Zwischen 6 und 7 Uhr auf 
stehend, pflegte er sich in dem großen Garten hinter der Propstei 
zu ergehen, der an einen ähnlichen Garten der benachbarten 
Apotheke anstößt. Für den Propsteigarlen geschieht nicht viel, 
er enthält aber gute Obstbäume und Schatten spendende Lin 
den und Eschen. Die Propstei liegt hart an der Grenze der 
Geest zur Marsch. Eine Menge mittelalterlicher Gefäßreste, 
die ich hier gefunden, bezeugen, daß die Stelle schon im 
13. und 14. Jahrhundert von Deutschen besiedelt war, 
vielleicht schon Jahrhunderte früher. Geschlagene Feuersteine 
und Urnenscherben deuten darauf, daß hier noch eine ältere 
Bevölkerung, wahrscheinlich slavischer Herkunft, wie solche 
sich bis vor die Thore Hamburgs gezogen hat, einstmals 
hauste. Das Mittagsessen wird nach ländlicher Art hier früh 
eingenommen, nachmittags ein Spaziergang oder eine längere 
Spazierfahrt unternommen?) 
Die univeit der Propstei belegene Kirche von Uetersen 
stainmt in ihrer jetzigen Gestalt aus der Mitte des vorigen 
Jahrhunderts, ein Bau aus roten Ziegeln mit Rokkoko-Ver 
zierungen, ähnlich solchen, ivie man sie in Hamburg*) **), in 
Schwerin i/M., in Grevismühlen und an vielen Orten Hol 
steins aus jener Zeit findet, wo Zopf und Mchternheit mit 
dem auf ganz andere bürgerliche und gesellschaftliche Verhält 
nisse berechtigten Rokkoko ringt und letzteres Element nur zu 
einer Schein-Entwickelung kommen läßt. An den weiten be 
finden sich eine Menge gesonderter Eingänge in die Kirche, 
ivelche früher einzeln von den adeligen Stiftsfräulein, um zu 
*) Bergt, hierzu Moltke's häuslicher Leben zu Kreisau in Schlesien 
bei Frh. v. FirkS: Der Generalstab, S. 91 fs. 
**) Bergt, z. B. die große und kleine Michaeliskirche in Hamburg, 
die Kirche in Ottensen, vor welcher Klopstock ruht. 
ihren Stühlen zil gelangen, benutzt wurden. Die mancherlei 
Unzuträglichkeiten, welche das Schließen und Oeffnen so vieler 
Thüren mit sich brachte, hat längst dazu geführt, die Thür 
öffnungen zu vermauern. 
Moltke hat sich auch hier als fleißiger Kirchenbesucher ge 
zeigt, wenn auch die Predigten seines Schwagers Broeker, wie 
bei dem hohen Alter des letztem sehr erklärlich, in den letzten 
Jahren keine hervorragenden rednerischen Leistungen mehr 
waren. Desto mehr hat der Propst im werkthätigen Christen 
tum bis zu seinem am 16. Juni 1890 im 84. Lebensjahre 
erfolgten Tode geleistet. Viele Thränen sind deni alten braven 
Herrn, den Moltke herzlich betrauert hat, nachgeweint worden. 
Der Verblichene feierte einige Jahre zuvor sein fünfzigjähriges 
Amtsjubiläum und im Jahre 1889 mit der Schwester des 
Grafen Moltke, wie erwähnt, seiner dritten Frau, das Fest 
der goldenen Hochzeit. 
Seitens der Bewohner Uetersen's kann ich versichern, daß 
sie es mit Freuden begrüßen würden, falls der greise Feld 
marschall, dem noch ein langer gesegneter Lebensabend be- 
schieden sein möge, auch fernerhin ab und zu die freundliche 
Stadt an der Pinnau mit seinem Besuch beehren sollte. 
Krcuzwendkdich von dem Borne. 
Familiensage, 
nach zwei von einander abweichenden Ueberlieferungen erzählt 
von Gditfta Fvoiirr Rortzonstorn. 
I. 
Das Kreuzheer schleppt' im Sonnenbrand 
Sich durch der Wüste heißen Sand, 
Dann senkte sich der Steig zu Thal, 
Ilmstarrt von Felsen, grau und kahl. 
Doch seitwärts, hin zur Meeresbucht, 
That zwischen Wänden eine Schlucht 
Sich auf — als wie ein grüner Traum —, 
Mit Taxusbusch und Feigenbaum, 
Umrankt von Kletterrosen. 
Und anhielt mit dem ganzen Troß 
Der Kaiser hier sein müdes Roß; 
Strich dann nach seiner Eigenart 
Sich seinen langen roten Bart 
Und sprach: „Ihr Fürsten und ihr Herr'n! 
„Hier scheint ein kühler Trunk nicht fern; 
„Ein Sarazenendorf vielleicht, 
„Wo diese Schlucht ihr End erreicht, 
„Hängt hart am Saum der Berge. 
„Doch lauern Tücken und Verrat, 
„Wo immer nur uns grüßt ein Pfad; 
„Wo nur ein Schatten lockt zur Rast. 
„Sitzt schon ein Mißgeschick zu Gast! 
„Der Stahlbrust, die kein Dolchstoß trifft, 
„Kein Speer durchbohrt, droht meuchlings Gift; 
„Die Pest, das Fieber schleicht umher 
„Und mindert unsre Stärke sehr — 
„Wie wird die Not all' enden?!
        
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